Datenflut I: Fed-Statement vom Anrufbeantworter?
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 26. Oktober 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Sie wissen, ich glaube in den letzten Jahren immer weniger. Denjenigen so genannten Experten in den Medien, die die berufenen Worte anderer – speziell der US-Notenbank - kommentieren nicht, aber der US-Notenbank selbst, speziell Mr. Bernanke, erst recht nicht.
Also habe ich wie zuletzt auch das Statement zur gestrigen Sitzung des FOMC (Federal Open Market Committee) selbst gelesen und möchte Ihnen die Übersetzung nicht vorenthalten. Sie ist nämlich – es ist trotzdem die komplette Erklärung - nicht lang ... umso mehr jedoch ermüdend:
Was die Fed so zu erzählen weiß
„Das Federal Open Market Committee entschied heute, die Zielrate für die Fed Funds Rate bei 5,25 Prozent zu belassen.
Das Wirtschaftswachstum hat sich im Jahresverlauf reduziert, teilweise aufgrund der Abkühlung am Immobilienmarkt. In der näheren Zukunft dürfte die Wirtschaft nun in einem moderaten Tempo wachsen.
Die Raten der Kerninflation sind gestiegen, und der hohe Bedarf im Energiebereich hat das Potenzial, inflationären Druck aufrecht zu erhalten. Trotzdem dürfte sich der Inflationsdruck mit der Zeit verringern ... als eine Reaktion auf den geringeren Einfluss der Energiepreise, bereits verarbeitete Inflationserwartungen und die kumulativen Wirkungen der Geldpolitik und anderer Maßnahmen, die die Gesamtnachfrage reduzieren.
Nichtsdestotrotz ist das Komitee der Ansicht, dass gewisse Inflationsrisiken bestehen bleiben. Ausmaß und Zeitpunkt jeglicher weiterer Maßnahmen, die geeignet sind, diesen Risiken zu begegnen, wird von der weiteren Entwicklung des Wachstums einerseits und der Inflation andererseits abhängen, so, wie sie sich in den kommenden Konjunkturdaten darstellen werden.“
Es ist wie bei einem uralten und schlechten Witz: Nach drei Worten kann ich bereits brüllen „kenne ich schon“, um zu verhindern, weiter mit heißer Luft bearbeitet zu werden. Die Veränderungen gegenüber dem letzten Statement aus dem September sind gering ... es wurden eigentlich nur ein paar Worte umgestellt oder andere Formulierungen gewählt.
Sicher hat sich in der US-Konjunktur allerhand getan. Die Inflationsgefahr hat sich verringert. Die Rohstoffpreise sind weiter gefallen. Die Verbraucherstimmung ist unverändert hervorragend, der Konsum aber auf dem absteigenden Ast, der Industrieproduktion scheint ähnliches zu drohen.
Ein seltsames Gefühl absichtlicher Untätigkeit
Aber das scheint an denen, die es in erster Linie angehen sollte, einfach vorbeizugehen. Die Fed könnte eigentlich genau diesen Text auf einen Anrufbeantworter sprechen, die Büros räumen und beginnen, in den nächsten Monaten mal etwas Sinnvolles (also etwas anderes als nichts) zu tun.
Bemerkenswert ist, dass die Fed z.B. die Inflationsrisiken jetzt nicht mehr mit den hohen Energiepreisen direkt begründet (weil sie ja gefallen sind und dieses Argument so nicht zieht), sondern mit dem hohen Energieverbrauch. Das klingt, offen gesagt, als würden hier krampfhaft Argumente gesucht, um auf gar keinen Fall die Zinsen senken zu müssen. Nehmen wir den letzten Sektor:
Es wird zwar eingeräumt, dass sich die Inflationsrisiken wohl verringern werden ... aber „Nichtsdestotrotz ist das Komitee der Ansicht, dass gewisse Inflationsrisiken bestehen bleiben“. Wie klingt das denn?
Bildlich vorgestellt stehen da die elf Damen und Herren des FOMC da, stampfen mit dem Fuß auf und sagen trotzig: „Egal was die Fakten sagen, wir machen nichts. Kann kommen was will!“
Ich finde dieses Statement erbärmlich und wie bereits beim letzten Mal einen Akt der Arbeitsverweigerung. Es bleibt bei alledem nur eine interessante Frage: Warum?
Es muss ja keine Zinssenkung sein, das ist nicht wirklich erforderlich. Aber warum wird die Thematik nicht zumindest angesprochen? Warum werden die gefallenen Inflationsraten und Energiepreise nicht vernünftig gewürdigt, sondern mit permanenten „Abers“ relativiert? Wären Zinssenkungen oder zumindest die Hoffnung darauf nicht sogar ganz positiv für die zuletzt sehr gefallenen Wahlchancen der Regierungspartei (hoppla, ich habe nichts gesagt)? Oder wird gerade deswegen eben nichts dazu gesagt um zu simulieren, dass die US-Wirtschaft stark sei wie eh und je? Wir werden die Wahrheit nicht erfahren, und Mutmaßungen sind an der Börse meist müßig. Also zurück zu den Fakten:
US-Aktien: Fed ein Non-Event, Altria und amazon stützen die Kurse
Ich denke, die Bullen haben Glück gehabt, dass diese Fed-Sitzung von den Aktienmärkten letztlich als Non-Event eingestuft wurde. Wobei der US-Dollar nicht so gut davonkam, der fiel nach Bekanntgabe der Presserklärung um ein Drittel Prozent ... was aber keinen charttechnischen Effekt hat: Euro/US-Dollar verharrt damit trotzdem innerhalb der Kursspanne der letzten sechs Monate.
Der Aktienmarkt schwankte natürlich unmittelbar nach Bekanntgabe von Entscheidung und Kommentierung der Notenbank erheblich ... aber das tut er immer, egal, ob etwas vorgefallen ist oder nicht. Sie kennen das ja aus meinen Kommentaren zu den letzten vier, fünf Notenbanksitzungen:
Hier sitzen die Trader um 20:15 Uhr mit zitternden Fingern vor dem Monitor, bereit, sofort in den Futures long, short oder alles auf einmal zu gehen. Das ist Traden um des Tradens Willen. Es ist unter den Profis fast ein Volkssport geworden, aber über den Tag hinaus ohne Bedeutung.
Was bleibt, ist ein US-Aktienmarkt, der durch positiv aufgenommene Quartalsbilanzen von Altria und amazon.com weiter leicht zulegen konnte. Die chart- und markttechnische Lage ist damit unverändert: Noch positiv mit zunehmenden Überhitzungserscheinungen. Mein Rat demnach auch: Nicht mehr einsteigen, Stopps setzen und in die steigenden Kurse hinein erste Positionen reduzieren!
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
PS: Aufgrund technischer Wartungsarbeiten musste ich diesen Newsletter bereits um 21:30 Uhr freigeben, so dass die Charts leider nicht die Schlusskurse des gestrigen Tages darstellen konnten.
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