Das Vertrauen fehlt ...
Martin Weiss in Investors Daily
vom 16. Juni 2003 18:00 Uhr
ENL5454
In der letzten Woche erreichte der deutsche Leitindex mit einem Punktstand von 3250 den höchsten Stand in diesem Jahr. Nur Gewinnmitnahmen am Freitag waren dafür verantwortlich, dass nicht auch die 3300-Punkte-Marke in Angriff genommen wurde. Erinnern Sie sich? Vor einigen Wochen hatte ich hinsichtlich der aktuellen Aufwärtsbewegung im nach wie vor vollkommen intakten Bärenmarkt von einem Anstieg des Dax bis in den Bereich von 3300 gesprochen.
Richtig, beim S+P 500 ging ich davon aus, dass schon bei 960 das Ende der Fahnenstange erreicht sein wird. Nunmehr kämpft der Index um das Überschreiten der 1000 Punkte-Schwelle. Ähnlich verhält es sich mit dem Dow Jones, der ein wenig weiter als nur bis auf 9000 voran kam.
Nicht zu vergessen, der japanische Nikkei, der in jüngster Vergangenheit ein erstaunliches "comeback" feierte und ebenfalls bei knapp 9000 steht. Aber, es sollte nicht außer acht gelassen werden, dass es sich dabei um die japanische Sondersituation handelt. Nippon exerziert nach 13-Jahren deflationärer Wirtschaftskrise vor, was auch in den USA bzw. Deutschland bevorstehen könnte.
Genau, die Bank of Japan will bspw. aktiv auf der Käuferseite stabilisierend in den Aktienmarkt eingreifen. Andererseits wird bereits laut über die Einführung einer Steuer auf "cash-Bestände" nachgedacht. Dies wäre dann wahrlich nichts anderes als pure Verzweiflung, oder der Offenbarungseid, wie man's eben nimmt.
Inzwischen vernimmt man auch aus der EZB, dass für den Fall einer Deflation in Europa, speziell in Deutschland, Instrumente zur Bekämpfung einer unheilsamen Geldaufwertung zur Verfügung stehen würden. Angemerkt sei aber, dass laut EZB-Chefvolkwirt Issing momentan noch keine Anzeichen einer Deflationsspirale gegeben sind. Auch wenn bis zum heutigen Tage diese real existierende Gefahr verharmlost und beschönigt wird, so gehe ich davon aus, dass speziell Deutschland extrem anfällig für deflationäre Tendenzen ist. Und zwar nicht nur aufgrund der Demographie bzw. der gigantischen Probleme des Sozialsystems, sondern auch verstärkt durch die Öffnung der EU in den Osten. Denn durch die Erweiterung wird der Druck auf die Löhne, Preise und die Sozialsysteme der jetzigen EU-Staaten noch stärker. Und besonders Deutschland, geographisch im Herzen Europas gelegen, wird insofern umso mehr in die deflationäre Zange genommen.
Auch in den USA, die selben Nöte. Um 0,3 Prozent gingen die Erzeugerpreise im Mai zurück. Dies ist umso beachtlicher, zumal ja der für den April extrem hohe Rückgang von 1,9 Prozent auch in revidierter Rechnung bestätigt wurde. Es verwundert daher keinesfalls, dass von einigen Marktbeobachtern der Fed weitere Zinssenkungen anheim gelegt werden. Angesichts eines sehr, sehr schwachen Arbeitsmarktes bei einer Arbeitslosenrate von 6,1 Prozent und einem 20-Jahres-Hoch, was die Zahl der Empfänger von Arbeitslosen-unterstützung angeht, ist es schon als "Erfolg" zu sehen, dass die durchschnittlichen Einzelhandelsumsätze nur um 0,2 Prozent im April und Mai diesen Jahres rückläufig waren. In diesem Kontext war es alles andere als eine negative Überraschung, dass das Verbrauchervertrauen so stark eingebrochen ist. Viele Verbraucher haben einfach kein Vertrauen in diese sogenannte wirtschaftliche Erholung, da sie am eigenen Leibe eben erfahren, wie schwierig die Lage am Arbeitsmarkt und in den Betrieben wirklich ist. Dennoch war es schon verblüffend, wie die Aktienmärkte – völlig losgelöst von den Fundamentaldaten – eine Irak-Nachkriegsrallye erlebten. Als ob alle Probleme gelöst seien, wurden die Indizes nach oben gezogen.
Angesichts dieser wahrlich schlechten Rahmenbedingungen gibt es kaum einen Grund, dass Aktien von dieser Basis aus noch höher katapultiert werden. Es sei denn, es wird bewusst wiederum Luft in die Blase gepumpt, was mittel- und langfristig gesehen äußerst ungesund wäre.