Das US-Notenbank-Protokoll - und die Reaktion, die es verdient
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 22. Februar 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Es stand nichts drin. Jedenfalls nichts, was auch nur einen Hauch von Relevanz hat. Das ist alles, was man zum Protokoll der US-Notenbank aus der Sitzung vom 31. Januar sagen konnte. Und so nahmen es die Märkte auch auf. Die letzten Male ging es danach noch rund ... aber mittlerweile teilen die Marktteilnehmer in den USA meine Meinung:
Erstens sind die Erkenntnisse und Daten, über die dort gesprochen wurde, vom Januar, während sich gerade der Februar dem Ende zuneigt. Und zweitens haben die Notenbanker offenkundig keine Ahnung, wie die aktuelle Lage wirklich einzuschätzen ist ... und erst recht nicht, wie es weitergeht. Also: Eine komplette Nullnummer – und dementsprechend diesmal ohne Marktreaktion. Ein kurzes Ruckeln nach unten, ein kurzes Zucken nach oben ... und dann seitwärts in Richtung Handelsende. Das war alles, was das Protokoll zuwege brachte.
Zu Recht. Sogar der Kurzbericht von CNBC MarketWatch drückte sich ein wenig zynisch aus. Vielleicht nicht so sehr wie ich zuletzt ... aber immerhin: „Das Protokoll sagt aus, dass die Mitglieder des Komitees einen verbesserten Ausblick für Wachstum und Preisentwicklung sähen als zuvor vermutet. Nur einen Monat zuvor äußerten sich die FOMC-Mitglieder noch besorgt, dass gedämpfte Daten Risiken für das Wachstum andeuten.“
Notenbank ohne Plan - peinlich ... und gefährlich!
Tja, und nachdem wir nun anhand der Konjunkturdaten vom Januar wissen, dass die Konjunktur schon wieder in die Knie ging, während die FOMC-Mitglieder wieder über einen verbesserten Ausblick plauderten, haben wir gelernt: Hier hat keiner den Blick nach vorne .. .wie erforderlich. Hier wird nachgeplappert, was die Daten des Vormonats ausgesagt haben. Das können Sie und ich auch ... nur werden die Notenbankmitglieder für dergleichen Glanzleistungen besser bezahlt.
Meine Güte, es ist peinlich, wenn sich ausgerechnet die Notenbank aus dem Kreis derer herauskatapultiert, die wissen, was zu tun ist. Die Regierung gehört diesem Kreis auch nicht an ... also scheinen all diejenigen, die die Hände am Steuerruder der US-Titanic haben, blind und taub zu sein ... während die Passagiere Zeter und Mordio schreien.
US-Verbraucherpreise: Ein wenig zu hoch?
Der eigentliche Auslöser, der gestern zu dem ja noch leichten Minus führte, war eigentlich nicht tragisch. Die US-Verbraucherpreise für Januar lagen etwas höher als erwartet. Wenn man die Reaktion des Dax nach Veröffentlichung der Zahlen um 14:30 Uhr ansieht hätte man meinen können, die Welt ginge unter. 50 Punkte in wenigen Minuten nach unten ... das wirkte hysterisch ... ist aber nur ein typisches Phänomen, wenn dem Markt auf diesem Niveau die Käufer ausgehen. Das können wir noch öfter und heftiger bekommen ... und auch bei ebenso nichtigen Gründen. Aber dazu morgen mehr.
Fakt war, dass die Gesamtrate um +0,2% stieg (Prognose +0,1%) und die Kernrate um +0,3% (Prognose +0,2%). Die Jahresrate lag in der Gesamtrate bei +2,1%, in der Kernrate bei +2,7%. Die Vormonatswerte wurden einen Tick nach oben korrigiert. Gut, das ist höher als die Zielzone der Notenbank. Aber ob die Jahresveränderung der Kernrate wegen +0,1% mehr als erwartet im Januar nun bei +2,7% oder +2,5% liegt ... meine Güte!
Sie wissen, ich bin in der aktuellen Lage nun wirklich nicht bullish für die Aktienmärkte. Aber die negative Reaktion auf diesen Kleinkram ist eigentlich übertrieben. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die wirklich miesen Daten ignoriert wurden. Nur, ich sagte ja: Wenn es nun nach unten geht, kann die kleinste Kleinigkeit reichen, um die Lawine loszutreten. Ob das gestern das erste Steinchen war ... wir müssen es abwarten.
Der Chart des S&P 100 zeigt in jedem Fall: Die nunmehr zum dritten Mal angelaufene Widerstandslinie bei 670 ist schon wieder nicht überwunden worden. Doch das kleine Minus reicht nicht, um hieraus schon weiteres Abwärtspotenzial abzuleiten. Erst unter 660 Punkten haben rote Vorzeichen grünes Licht.
Achtung Ölspur!!
Was mir aber massivst zu denken gibt: Das wichtigste haben die Marktteilnehmer bislang völlig ignoriert. Ob nun die wieder aufflackernden Ängste vor steigenden Leitzinsen wegen dieser einen kleinen Zahl blödsinnig sind oder nicht (sie sind):
Das führte dazu, dass das Gold nach einem Mini-Rücksetzer gestern plötzlich auf 682 Dollar nach oben schoss und der Ölpreis mit einem Mal in New York über 60 Dollar schloss (der Goldchart gleich, der Chart zum Rohöl morgen zusammen mit den heute anstehenden den Lagerbestandsdaten)!
Sie wissen doch: Das ist DER Ölpreis, dessen angeblicher Einbruch wegen angeblich in Kürze anstehenden Temperaturanstiegs im Nordosten der USA am Dienstag den Turnaround der Aktienmärkte ausgelöst haben soll (die stiegen, während das Öl gleichzeitig auch schon wieder stieg). Ist das Öl, dessen angeblicher und nicht vollzogener Einbruch vorgestern Grund für einen Sprung des Dax um 60 Punkte nach oben binnen zwei Stunden war, gestern plötzlich wurst, sobald es steigt? Komisch ... es ist doch Aschermittwoch!
Aber seien Sie versichert: Sollte ein Ölpreis über 60 Dollar – noch ist das ja weder nachhaltig noch signifikant – sich verstetigen, werden die Akteure an den Aktienmärkten zügig einen Schritt zurück treten und so den Schlauch, auf dem sie standen, freigeben. Denn Öl über 60 Dollar ... das ist genau so eine „Kleinigkeit“, die eine scharfe Korrektur an den Börsen lostreten kann!
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag - bis morgen!
Ronald Gehrt

