Das unglaubliche Schicksal von Alan Greenspan
Investors Daily
vom 29. August 2002 18:00 Uhr
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"Woher wissen wir, wann die Kurse und auch die Immobilienpreise irrational hoch sind, so dass die Gefahr von schmerzhaften Anpassungsprozessen besteht, wie in Japan im letzten Jahrzehnt?" Das fragte Alan Greenspan, der Vorsitzende der US-Zentralbank Fed, als er noch sterblich war. Die Frage stellte er vor ungefähr 5 1/2 Jahren.
"Wir als Zentralbanker", so Greenspan weiter, "brauchen uns nicht darum zu kümmern, solange das Platzen einer Spekulationsblase keine Auswirkungen auf die reale Volkswirtschaft, die Produktion, Jobs und Inflation hat. Aber wir sollten die Komplexität einer Volkswirtschaft nicht unterschätzen – alles wirkt sich irgendwie aus. Deshalb sollten wir auch die Entwicklung der Aktienkurse und Immobilienpreise nicht aus den Augen verlieren und sie bei unserer Geldpolitik berücksichtigen."
Sterbliche machen Fehler. Aber Greenspan hatte Recht, im Dezember 1996. Später erst, als er zum Halbgott, zum "Maestro", wurde, machte der Fed-Vorsitzende Fehler.
1996 gab es als Warnung den Bärenmarkt von 1973/74 und den Börsencrash von 1987. Greenspan sprach am 5. Dezember. Am Morgen des 6. reagierten die Märkte. Die Investoren in Tokio bekamen mittlere Panik ... und ließen den Nikkei um 3 % fallen, den größten Tagesverlust des Jahres. Hong Kong verlor auch fast 3 %. Frankfurt 4 %. London 2 %. Aber als der Handel in New York begann, wo man Greenspan besser einschätzen konnte, entschieden sich die Investoren, seine Rede gar nicht zu beachten. Nach deutlichen Kursverlusten in der ersten halben Stunde – in der Nacht gegebene Verkaufsaufträge wurden ausgeführt – begann der Markt einen Rebound und schaute nicht zurück. Bis zum Juni 2000 hatte sich der Dow Jones nahezu verdoppelt – von Level des 5. Dezember aus.
Aber während der Maestro am 5. Dezember bei einem Dow Jones-Stand von 6.427 Punkten beunruhigt war, war er bei einem Stand von 11.722 Zählern ruhig und gelassen. Es war eine Mischung aus schlechter Information, schlechter Theorie und menschlicher Natur, die sich fatal auf sein Einschätzungsvermögen auswirkte. Greenspans Theorie war: Durch die Kontrolle der Kreditkosten und des Geldangebotes würde er eine ernsthafte wirtschaftliche Krise auf jeden Fall vermeiden können. Wir betonen an dieser Stelle, dass Mr. Greenspan alles hat, um die US-Wirtschaft wieder ins Laufen zu bringen – bis auf die wichtigsten Dinge. Er kann die Telekom-Bonds nicht wieder auf das Niveau hieven, zu dem die Investoren diese Papiere kauften. Er kann die Sparkonten der Konsumenten nicht wieder auffüllen. Er kann Enron nicht zu einem guten Unternehmen machen. Er kann die Überkapazitäten nicht beseitigen, oder die Spekulationsverluste verschwinden lassen. Zusätzlich zu seiner schlechten Theorie hatte Alan Greenspan auch schlechte Informationen. Das Informationszeitalter hat immer mehr Information zu immer mehr Leuten gebracht ... einschließlich Zentralbankern ... aber je mehr Information die Leute hatten, desto mehr Möglichkeiten hatten sie, die falschen Informationen auszuwählen, die ihre Absichten unterstützten.
Seit den späten 90ern begann sich aber abzuzeichnen, dass auch in der New Economy die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Die US-Regierung stellte immerhin 2001 fest, dass weder die Gewinne noch die Produktivität weiter so schnell wie 1999 und 2000 wachsen würden, so ein damaliger Artikel in der New York Times.
Inzwischen sieht es noch düsterer aus: "Die neuen Zahlen zeigen, dass die industrielle Produktion deutlich überschätzt worden ist, besonders im High Tech-Sektor," so John Vail, Chef-Stratege bei Fuji Futures, Chicago.
Was für die Gesamtwirtschaft gilt, gilt auch für einzelne Gesellschaften. Es gab Unternehmen, die ihre Zwischenberichte so abfassten, dass die Investoren das lesen konnten, was sie lesen wollten – nämlich dass der Gewinn pro Aktie genau einen Cent über den Erwartungen lag. Aber wie das zustande kam, das war genau das, worüber sich Alan Greenspan Sorgen machte. Es wurde getrickst und Bilanzkosmetik betrieben, damit man das gewünschte Ergebnis vorweisen konnte. Es schien sich um den größten Wirtschafts-Boom der Geschichte zu handeln – bis auffiel, dass sich die Unternehmen nicht nur legaler Tricks bedienten. Was Alan Greenspan noch 1996 kritisierte, bemerkte er 1998 nicht mehr. Er war selber irrational überschwänglich geworden. Märkte machen Meinungen – ein alter Spruch an der Wall Street. Die Meinung von Al Greenspan orientierte sich bald am Bullenmarkt der Wall Street. Bill Graham schrieb über den Bullenmarkt von 1949 bis 1966: "Es herrschte eine solche Zufriedenheit an der Wall Street mit den damaligen Verhältnissen, dass alle davon überzeugt waren, dass die Kurse immer weiter steigen würden – eine unlogische und gefährliche Überzeugung."
Aktien steigen, so Anleger-Legende Warren Buffet, zuerst aus richtigen Gründen – und dann aus falschen. Aktien waren 1982 billig ... der Dow Jones legte 550 % in den nächsten 14 Jahren zu. Dann, als Greenspan im Dezember 1996 vor einer irrationalen Übertreibung warnte, waren die Aktien nicht mehr billig. Aber zu diesem Zeitpunkt interessierte das niemanden mehr. Die Aktien stiegen weiter ... und die Masse der Investoren war davon überzeugt, dass dies so bleiben würde.
"Greenspan wird es niemals zulassen, dass die Wirtschaft in eine Rezession fällt," so die Analysten damals. "Die US-Fed wird eingreifen, wenn ein wirklicher Bärenmarkt drohen sollte", so Investoren. Langfristig gebe es keine Risiken bei der Aktienanlage, sagten sie. Und sogar Greenspan schien das zu glauben. Wenn er es sogar glaubte, wer konnte dann noch zweifeln? Und je mehr es sich zu bestätigen schien, desto gieriger wurden die Leute.
"Was in den 90ern passiert ist", so Robert Shiller, Autor des Buchs "Irrationale Übertreibung", ist die Tatsache, dass die Menschen wirklich glauben, ein neues Zeitalter sei angebrochen. Deshalb wurden Risiken eingegangen, die rational denkende Menschen sonst nicht eingehen würden. An Sparen dachte niemand. Im Gegenteil – es wurde sehr viel konsumiert, da die Menschen davon ausgingen, dass die Zukunft ohne Risiken sein würde."
Aber das Risiko – wie auch der Wert – kann immer wieder steigen, sogar dann, wenn es so aussieht, als ob es vollkommen verschwindet. Je unfehlbarer Alan Greenspan schien ... desto überbewerter wurden die Kurse. Nachdem er zuvor vor einer moderaten irrationalen Übertreibung gewarnt hatte, hatte der Maestro jetzt selber eine noch größere kreiert.