Das Tal der Tränen
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 17. Oktober 2002 18:00 Uhr
ENL5454
"Jeder Kapitalismus hat Fehler", schrieb der Ökonom Hyman Minsky 1985, "aber nicht jeder Kapitalismus hat gleich viele Fehler."
Der offensichtliche "Fehler" des Kapitalismus ist, dass sowohl die Kapitalisten als auch das Proletariat zur Rasse des Homo Sapiens und nicht der des Homo Economicus gehören. Sie analysieren nicht kaltblütig und kalkulieren den Gewinn. Stattdessen treffen sie ihre wichtigsten Entscheidungen – wo zu wohnen, was zu arbeiten, ... – nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen (oder dem Bauch). Ein Mann heiratet z.B. nicht, nachdem er sorgfältig alle Vor- und Nachteile abgewogen hat. Er handelt nicht wie eine Maschine, sondern Instinkten, die er niemals verstehen wird. Deshalb geht er in die Kirche wie in den Krieg – ohne Ahnung zu haben. Männer gehen weder zum Altar noch in den Krieg nach reiflicher rationaler Überlegung und Reflektion. Stattdessen werden sie von emotionalen Wellen hinweggeschwemmt ... und sie riskieren ihr Leben und ihr Wohlbefinden für Gründe, die – nachträglich – sehr absurd erscheinen.
Wenn Männer mit dem Herzen oder dem Bauch denken ... und in einem kollektiven Wahnsinn gefangen sind ... dann tun sie sehr verblüffende Dinge. Aber das ist das Tal der Tränen, in dem wir leben. Und ich persönlich mag es ganz gerne.
Minskys Hypothese der finanziellen Instabilität versucht zu zeigen, warum der Kapitalismus eine unstabile Erscheinung ist. Er hätte auch zeigen können, dass Bier schal wird, wenn man es zu lange stehen lässt, oder dass Kinder quengelig werden, wenn sie nicht genug Schlaf bekommen. Da der Kapitalismus eine natürliche Sache ist, wie Leben und Tod, ist die Sache klar. Alle natürlichen Dinge sind natürlich unstabil.
Aber es gibt interessante Details in Minskys Untersuchung. In den späten 90ern herrschte allgemein die Meinung, dass der amerikanische Kapitalismus in einem dynamischen Gleichgewicht war – mit immer neuen Möglichkeiten, die Leute reich zu machen. Boom und Rezession schienen der Vergangenheit anzugehören, denn bessere Informationsmöglichkeiten schienen es für Unternehmen möglich zu machen, Lagerbestände zu vermeiden. Und die Zentralbank schien perfekt messen zu können, wie viel Geldschöpfung notwendig sei.
Da es keine normalen "Abschwünge" mehr gab, schien die Volkswirtschaft stabiler als jemals zuvor. Aber ohne die Angst vor einer Rezession tendierte der Homo Sapiens dazu, es zu übertreiben. "Stabilität destabilisiert", so das Fazit von Minsky.
Minsky beruft sich auf ein Konzept von Keynes, den "Schleier des Geldes". Wertgegenstände werden oft beliehen ... damit entsteht eine gewisse Geldschöpfung. Dieser "Schleier des Geldes" wird dicker, je komplexer das Finanz-Leben wird. Es wird immer schwieriger zu sehen, wer eigentlich reich wird und wer nicht. Wenn zum Beispiel die Immobilienpreise steigen, dann sollten eigentlich die Hauseigentümer davon profitieren. Aber Hauseigentümer besitzen viel weniger von ihren Häusern, als sie es noch vor einigen Jahren taten. Hypothekenbanken wie Fannie Mae haben einen großen Anteil. In den letzten Jahren hat Fannie Mae sehr dazu beigetragen, den "Schleier des Geldes" undurchsichtiger zu machen. Der Hausbesitzer hat das Nachsehen. Aber wer wird die wirklichen Schmerzen spüren, wenn die Immobilienpreise wieder sinken sollten? Schwer zu sagen ...
Statt neue Wege zu finden, wie man die Leute reich machen könnte, hat die amerikanische Finanzindustrie – besonders die Wall Street und Fannie Mae – nur Wege gefunden, die Leute arm zu machen.
"Die Hypothese der finanziellen Instabilität", erklärt Minsky, "ist eine Theorie der Auswirkungen von Schulden auf das Verhalten, und sie beinhaltet auch die Art, mit der Schulden bewertet werden. Im Gegensatz zu der herkömmlichen Quantitäts-Theorie des Geldes nimmt die Hypothese der finanziellen Instabilität die Rolle, die die Bankenindustrie spielt, sehr ernst. Banken wollen Gewinne machen. Wie alle Unternehmer einer kapitalistischen Wirtschaftsform wissen die Banker, dass Innovationen Gewinne sichern. Deshalb sind die Banker (oder auch Broker) daran interessiert, die Schulden, die sie vermarkten, auf möglichst innovative Weise an den Kunden zu bringen ..."
Laut Minsky ist der Kapitalismus instabil und braucht deshalb die Regierung zur Stabilisierung. Das ist in etwa auch die Ansicht der Demokratischen Partei der USA. Es gibt auch die Ansicht, dass der Kapitalismus von Natur aus stabil ist – und dass die Regierung ihn erst destabilisiert. Das ist traditionell näher an der Einschätzung der Republikanischen Partei dran. Aber in den 1990ern lobten auch Republikaner den stabilisierenden Effekt von Alan Greenspan. Und jetzt verlangen sowohl Republikaner als auch Demokraten eine "neue Politik", um den Bärenmarkt zu bekämpfen und die Nation vor einer möglichen Deflation zu schützen.
Ich persönlich stimme mit Minsky in einem Punkt überein: Der Kapitalismus ist instabil.
Leider macht die Regierung das nur noch schlimmer.
Wie wir die letzten 16 Jahre gesehen haben, schien Alan Greenspan einen stabilisierenden Effekt auf die Weltwirtschaft zu haben. Er passte seine Geldpolitik den jeweiligen Bedürfnissen an. Aber während seiner Zeit kam es auch zu den US-Bilanzskandalen. Die asiatischen Volkswirtschaften brachen ein. Und es gab die Angst vor dem Jahrtausendwechsel ("Y2K"). Dann der Kollaps der Nasdaq und der große Bärenmarkt. Greenspan reagierte immer, indem er die Zinsen senkte. Jedes Mal schien er damit die Märkte zu stabilisieren. Und jedes Mal fanden die Banken neue und innovative Wege, den "Schleier des Geldes" zwischen Vermögenswerten und den wirklichen Nutznießern derselben zu verdichten. Am Ende, wenn das das Ende ist, war Alan Greenspan so erfolgreich, dass wir jetzt in einer der größten wirtschaftlichen Krisen der Weltgeschichte sind.
"Beim Versuch, die Wirtschaft zu stabilisieren", so Janelia Tse in der Winterausgabe des Oeconomicus, "wird eine bestimmte Wirtschafts- und Geldpolitik ergriffen. Wenn diese erfolgreich ist, dann boomt die Wirtschaft. Die Erwartungen über die zukünftigen Gewinne werden übermäßig optimistisch ... und riskantes Verhalten wird belohnt. Das führt zu Zerbrechlichkeit in der Wirtschaft."
"Von Zeit zu Zeit", so Minsky, "geraten Inflationen und Schulden Deflationen außer Kontrolle. Dann kommt es zu selbstverstärkenden Effekten – Inflation füttert die Inflation, Deflation die Deflation. In einigen historischen Krisen schienen die Interventionen der Regierung untauglich zu sein. Nach einer langen Periode, in der es gut geht, tendieren kapitalistische Volkswirtschaften dazu, sich von konservativen Strukturen hin zu spekulativen zu bewegen ..."
In den japanischen Boom-Zeiten drängten die japanischen Banken ihren Kunden Kredite förmlich auf, ohne große Prüfung der Bonität der Kunden. Diese faulen Kredite stehen immer noch in den Bilanzen ... und bedrohen jetzt die Zukunft der Banken selbst.
Während des amerikanischen Booms übernahmen die Hypothekenbanken die Rolle, die die japanischen Banken mehr als 12 Jahre vorher übernommen hatten. Eines Tages, vielleicht bald, werden die Konsumenten das bedauern. Weil Sie dann durch das Tal der Tränen gehen müssen, um da wieder herauszukommen.