Das Schlimmste aus 2 Welten
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 05. August 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Oh là là ... das wird immer interessanter.
Ich rede von der Wirtschaftslage.
Der Aktienmarkt lenkt nur ab; ignorieren sie ihn. Was interessant ist, ist der Anleihenmarkt ... der Dollar ... Gold ... Japan ... und Argentinien.
Der amerikanische Anleihenmarkt setzte seinen Kollaps letzte Woche fort. Die Renditen der 10jährigen US-Staatsanleihen standen am 13. Juni bei 3,07 %. Jetzt stehen sie bei 4,40 %. Das ist das schlimmste Anleihen-Massaker seit 20 Jahren. Das ist "ein Jahrhundersturm", so Franklin Raines, Vorstandsvorsitzender der US-Hypothekenbank Fannie Mae, deren Anleihen sogar noch stärker gefallen sind als die US-Staatsanleihen.
Aber was bedeutet das?
Welchen Weg nehmen die USA ... Richtung Japan oder Richtung Argentinien? Das eine Land lebt mit einer langen, langsamen, soften Depression ... mit Deflation. Seit 1990 sind die Aktienkurse in Tokio per saldo um 80 % gefallen, womit 20 Jahre Kursgewinne in Nichts aufgelöst wurden. Jetzt könnte vielleicht der endgültige Boden erreicht sein.
Argentinien hat eine andere Art der Folter erlitten – eine Wirtschaftskrise mit einer Hyperinflation, und fast ein Drittel der Bevölkerung hat keine Arbeit. Aber auch Argentinien könnte sich bereits auf dem Pfad der Erholung befinden. In den letzten 12 Monaten hat der argentinische Peso gegenüber dem Dollar zugelegt, und die Arbeitslosenquote ist auf 15 % gefallen!
Was die USA betrifft ... ich dachte ja eigentlich, dass sie zunächst den japanischen Weg gehen würden, und danach den argentinischen. Das schien unausweichlich. Die USA sind Japan mit einer gewissen Zeitverzögerung jahrelang gefolgt; warum sollte das jetzt aufhören?
Letzte Woche gab es mehr News, die für den "japanischen Weg" der USA sprachen. In den USA ist die Zahl der Beschäftigten den 6. Monat in Folge zurückgegangen. Mehr als eine halbe Million Arbeitslose sind so entmutigt, dass sie die Suche ganz aufgegeben haben.
In den USA gingen auch die Autoverkäufe zurück. Und der Goldpreis ist etwas zurückgekommen, fast in meine Kaufzone – die bei Kursen unter 350 Dollar pro Feinunze liegt. All diese News riechen nach Sushi.
Ah, aber es gibt einen großen Unterschied zwischen den USA und Japan. Die japanische Volkswirtschaft wurde intern finanziert – durch eine Bevölkerung von Sparern. Die USA hängen hingegen vom Wohlwollen der ausländischen Geldgeber ab. Während die Japaner in ihren langen Abschwung auf einem Kissen von Ersparnissen gleiten konnten, haben die Amerikaner nichts, auf das sie fallen könnten – außer dem harten Beton der Schulden. Und Tag für Tag schütten die Fed von Alan Greenspan und die US-Regierung unter George W. Bush mehr Beton auf. Greenspan hat die Leitzinsen 13 Mal gesenkt, um die Konsumenten tiefer in die Schuldenfalle zu locken. Und die US-Regierung leiht sich fast 500 Mrd. Dollar pro Jahr.
Früher oder später müssen die USA ihren Weg nach Japan aufgeben – und nach links abbiegen, Richtung Argentinien. Denn wie Argentinien – und Deutschland in den 1920ern – und anders als Japan ist Amerika gegenüber dem Rest der Welt stark verschuldet. Deshalb können sich die USA einen langen, deflationären Rückgang nicht erlauben.
Ich fragte mich, ob das große Schiff zurück in den Hafen lief, als am 14. Juni der Abschwung des US-Anleihenmarktes begann. War das nicht ein Signal dafür, dass das Ende des Beginns gekommen war ... dass der Boom am Anleihenmarkt vorüber war ... und dass jetzt Inflation, nicht Deflation, der Feind der Anleihenkäufer sein würde?
Es schien plausibel genug. Aber ich zweifle inzwischen daran. Und hier wird es so lieblich ... so täuschend rasend machend ... so pervers und verrückt: Weil es jetzt so aussieht, als ob die USA jetzt die Deflation von Japan mit steigenden Zinsen bekommen werden!
Ich dachte, das wäre unmöglich ... denn wie könnte eine Wirtschaft gleichzeitig in zwei gegensätzliche Richtungen laufen? Und dennoch – das scheint es zu sein, was gerade passiert. In einem deflationären Abschwung vergrößern sich die Renditeabstände zwischen den Anleihen von guten und denen von schlechten Schuldnern. Mit anderen Worten: In einer Welt der fallenden Preise akzeptieren die Investoren bereitwillig niedrigere Renditen, aber sie machen sich Sorgen über erhöhte Kreditausfallrisiken. In einem inflationären Abschwung hingegen steigen die Zinsen am kurzen wie am langen Ende, die Renditeabstände hingegen vergrößern sich nicht. Die Investoren machen sich nicht soviel Gedanken darüber, dass die Gesellschaften Pleite gehen – sondern sie machen sich Sorgen über den realen Wert der Zins- und Tilgungszahlungen, die sie erhalten.
Derzeit haben wir steigende Renditen (bei lang- und kurzfristigen Anleihen) und gleichzeitig sich vergrößernde Renditeabstände – zur großen Verwirrung der Investoren, Volkswirte und Kommentatoren.
Stephen Roach nennt das den "ultimativen Teufelskreis". Steigende Zinsen zerstören nicht nur den Aufschwung ... sondern sie zerstören auch investiertes Vermögen der Anleihenbesitzer (steigende Renditen bedeuten schließlich fallende Anleihenkurse). Und die fallenden Preise zerstören die Unternehmensgewinne (die noch übrig sind) und Arbeitsplätze. Könnte das sein, liebe(r) Leser(in)? Könnten die USA weder den Weg nach Japan noch den nach Argentinien einschlagen, sondern das Schlimmste aus beiden Welten mitnehmen ... Sushi mit Salsa?
Wir werden es sehen.