Das Regime Saddam Husseins am Ende
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 09. April 2003 18:00 Uhr
ENL5454
14.45 Uhr: Das Regime Saddam Hussein scheint am Ende zu sein: Plünderungen, keine Polizei, keine Soldaten. Der Informationsminister hat sich nicht mehr blicken lassen. Die Aufpasser der Journalisten ebenfalls nicht. Ich frage mich gerade, ob den Amerikanern gestern vielleicht doch der "Enthauptungsschlag" gelungen ist? Ist Saddam Hussein tot? Gibt es deswegen keine Strukturen mehr?
Die Briten hatten kurz zuvor noch erklärt, Saddam Hussein sei knapp dem Angriff entkommen. Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Saddam Hussein ist mit seinen direkten Vertrauten überstürzt geflohen oder aber wirklich tot. Anders sind die Auflösungserscheinungen in Bagdad nicht zu erklären. Amerikanische Panzer befinden sich im Zentrum Bagdads und treffen auf keine oder kaum Gegenwehr. Alles sieht danach aus, dass Bagdad gefallen ist. Nach knapp drei Wochen scheint Bagdad erobert.
Wir sind Börsianer und müssen den Blick nach vorne richten. Wie geht es weiter, wenn der Krieg nun tatsächlich sehr schnell zu Ende sein sollte. Die US Konjunkturdaten bleiben schlecht. Die Ertragsaison steht an und die Quartalsergebnisse der großen Firmen dürften nicht sonderlich erbaulich sein, dass sagen zumindest die Analysten.
So wird es nach einer vielleicht kurzen Kriegsende-Rallye zu einem heftigen Gezerre zwischen "Kriegsrallye" und "Konjunkturbaisse" kommen. Das übliche Spiel zwischen Bullen und Bären.
Die Bullen zielen auf einen niedrigen Ölpreis und auf positive Impulse durch das schnelle Kriegsende. Sie hoffen, dass die Firmen nach einem Krieg wieder mehr investieren werden. Ich hatte Sie darauf hingewiesen, dass viele Firmen erst einmal abwarten, wie denn der Krieg verläuft, bevor sie größere Investitionen vornehmen. Die Bullen hoffen auch, dass das Verbrauchervertrauen der Amerikaner nach einem Sieg drastisch ansteigt. Ein hohes Verbrauchervertrauen wird einen Konsumanstieg zur Folge haben. Sollte dieser Krieg nun vorbei sein, könnte es also zu einer deutlichen Konjunkturerholung kommen. Eine Konjunkturerholung in der USA wirkt sich natürlich direkt auf Europa und Deutschland aus. Und obwohl der Dax sich von 2190 im Tief auf nun bis 2800 Punkte erholt hat, ist diese mögliche Konjunkturerholung noch nicht eingepreist. Da ist noch Platz bis 3400. So die Argumente der Bullen.
Aber es gibt auch die Bären. Sie schauen aus ganz anderer Sicht auf die Märkte: Die Konjunkturdaten aus den USA sind mehr als schlecht, die Verschuldung mehr als hoch, die Arbeitslosigkeit mehr als bedenklich, das Außenhandelsdefizit mehr als defizitär und die Regierung tummelt sich aktiv im Weltgeschehen, anstatt ein solides Wirtschaftsprogramm auf die Beine zu stellen. Die Einmischung ins Weltgeschehen ist natürlich auch noch mehr als teuer. Dabei sind die Schulden derweil der einzige Faktor, der ein Wachstum zu verzeichnen hat. Denn auch die amerikanische Wirtschaft droht erneut in die Rezession abzurutschen. Die Ölfelder im Irak brauchen offenbar noch ein bis zwei Jahre bis sie ausgebeutet werden können und es warten ja noch andere Staaten darauf, endlich befreit zu werden. Iran, Nordkorea, Sudan ... wer weiß, was da noch passiert. So denken die Bären.
Wiedereinmal haben beide Seiten gute Argumente. Was machen Börsen aus solchen Situationen? Sie tendieren seitwärts. Immer wenn die Bären und Bullen streiten, kommt es zu diesem Hin und Her, das an ein Tauziehen erinnert. Ich frage mich, wer als erstes das Seil loslässt?
Im Moment bietet sich folgendes Szenario an: Sollte es zu keinen weiteren Schwierigkeiten im Irak kommen, könnte es zu einer kleinen Rallye bis vielleicht 3000 Punkte oder sogar höher kommen. Dann bringen die Quartalszahlen die Bullen in Bedrängnis, sie weichen zurück. Die Kurse fallen. Wie tief kann man kaum vorhersagen. Später könnten die Konjunkturdaten aus oben genannten Gründen wieder langsam besser werden. Das erwarte ich im Ende des dritten, Anfang des vierten Quartals. Daraufhin kommt es zu einem erneuten Anstieg der amerikanischen Indizes. Und irgendwann, vielleicht schon Ende des Jahres, bemerken die Anleger, dass es in Amerika doch wesentlich schlechter aussieht als allgemein angenommen. Vielleicht platzt dann zum Beispiel die Immobilienblase: Der Goldpreis steigt, der Dollar fällt.
Dieses Szenario halte ich im Moment für das Wahrscheinlichste. Das heißt natürlich nicht, dass es so geschieht. Sie wissen ja: An den Börsen kann alles geschehen, auch das Gegenteil.
Interessant ist, dass sich bereits jetzt die Begeisterung über diese Nachrichten in Grenzen hält. Der Dax ist nur leicht im Plus. D.h. es fehlen noch die Käufer, hier wartet alles auf die Amerikaner. Aber auch die amerikanischen Futures zeigen sich verhalten. Da entsteht ein ungutes Gefühl. Ich setze einen Stopp für meine beide Long-Positionen, der deutlich im Plus liegt. Sie kennen meine Meinung: Eine Position, die einmal deutlich im Plus war, sollten Sie nie mehr ins Minus laufen lassen.
Etwas stutzig macht mich immer noch, dass insgesamt so wenig Gegenwehr zu finden ist. Irgendwie habe ich in meinem Hinterkopf kleine warnende Gedanken. Ich habe einige Artikel über die Person Saddam Husseins gelesen. Was ist, wenn Saddam Hussein nun eine Art infernales Ende anstrebt. "Wenn ich untergehe, dann nur gemeinsam mit meinem Volk!" Ich denke an den Satz des Informationsministers: Bagdad wird das Grab für die Amerikaner. Was wäre, wenn überall in der Stadt Giftgasbomben platziert sind, die wie auch immer gleichzeitig ausgelöst werden könnten? Auch andere Horrorszenarien sind denkbar. Doch im Moment scheint das reine "Schwarzseherei" und ich hoffe, es wird auch dabei bleiben.