Das Problem mit der US-Zahlungsbilanz

Andrew Kashdan in Investors Daily
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von Andrew Kashdan

Murray Rothbard, ein bekannter Volkswirt der sogenannten österreichischen Schule, hat einmal Folgendes gesagt: "Über Zahlungsbilanzen ist mehr Unsinn geschrieben worden als über alle anderen volkswirtschaftlichen Aspekte." Auch auf das Risiko hin, dass diesem Unsinn noch mehr hinzugefügt wird, schreibe ich jetzt auch etwas über die Probleme des amerikanischen Zahlungsbilanzdefizits. Nicht dass ich voraussagen könnte, wie das Defizit beseitigt werden könnte. Ich will nur das grobe Bild skizzieren.


Versuchen Sie sich an die 1990er zu erinnern – die Aktienkurse stiegen, und das lockte ausländisches Kapital an, was die Kurse weiter steigen ließ. Gleichzeitig erhöhten die Amerikaner wegen der Aktiengewinne ihre Konsumausgaben und kauften vermehrt ausländische Güter. Die US-Handelsbilanz war tief in den roten Zahlen. Beide Effekte sind so nicht mehr gültig – deshalb dürfte sich auch das Defizit verringern.

Schwierig wird es allerdings, wenn man sich die amerikanischen Exporte ansieht. Wenn die Exporte relativ zu den Importen zulegen, wird dies normalerweise als positiv bezeichnet – aber das ist nicht zwangsläufig so.

Das Problem, mit dem sich derzeit die ganze Weltwirtschaft konfrontiert sieht, ist die Tatsache, dass die USA der Motor der Weltwirtschaft sind. Auf der einen Seite hat die gewaltige Nachfrage der US-Konsumenten nach Importgütern die ausländischen Volkswirtschaften gestützt. Aber jetzt, nach dem Boom, wollen die ausländischen Investoren diesen amerikanischen Konsum nicht mehr durch Kapitalexporte in die USA und damit weiterhin hohe Zahlungsbilanzdefizite der USA mitfinanzieren.

Wenn der Rest der Welt US-Waren nicht mehr zu den aktuellen Preisen kaufen will, dann müssen die Preise eben fallen. Aber, wie John Mauldin erklärt: "Die Unternehmen verlangen lieber, dass die Währung abgewertet wird, als dass sie ihre Preise für die Produkte senken." Das trifft bestimmt auf die US-Exporteure zu. Sie haben sich lange über den starken Dollar beschwert. Das führt uns zu einem interessanten Punkt: Wenn die Kräfte des Marktes mit denen der Politik an einem Strang ziehen, dann handelt die Zentralbank.

Da die Inflation niedrig ist, kann die Geldmenge deutlich erhöht werden, der Dollar sollte dann schwächer notieren. Wenn es jemals einen Konsens über eine Erhöhung der Geldmenge gab, dann diesen! Im "Economist" stand letzte Woche, dass "die Schulden der Haushalte nicht dauerhaft schneller als deren Einkommen steigen können. Die Haushalte werden irgendwann dazu gezwungen, mehr zu sparen und weniger auszugeben." Das gleiche gilt auf internationaler Ebene, wie der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem letzten Bericht mitgeteilt hat. Dort steht, dass in den Defizit-Staaten (also: den USA) die aktuellen Lücken zwischen dem Wachstum der heimischen Nachfrage und der realen Produktion nicht unbegrenzt fortbestehen können.

Mit anderen Worten: Die amerikanischen Konsumenten leben über ihre Verhältnisse. "Es geht darum", so der IWF weiter, "ob die mögliche Rotation im Wachstum der realen Nachfrage von den Defizit-Staaten weg hin zu Europa oder den fernen Osten wandert – und ob es eine sanfte Entwicklung sein wird, oder nicht." Es wird zwar nicht offen ausgesprochen, aber der IWF scheint davon auszugehen, dass es keine sanfte Entwicklung sein wird.

Was manchmal im ganzen Zahlenwust untergeht, ist die Höhe der absoluten Devisenreserven eines Landes. Nehmen wir z.B. Japan und die USA. Der IWF geht davon aus, dass die Devisenreserven Japans bis 2007 auf ein Drittel bis 40 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP) steigen werden, während sich die amerikanischen Netto-VERBINDLICHKEITEN auf ebenfalls 40 % des BIP verdoppeln werden. Schon die jetzigen Niveaus wären schwer zu rechtfertigen, so der IWF, diese Prognosen sind deshalb einzigartig. Fazit: Große externe Adjustierungen sind nötig, um diese Verhältnisse auf tragfähigem Niveau zu stabilisieren. Es gibt wenig historische Beispiele für Staaten, die für längere Zeit hohe Zahlungsbilanzdefizite hatten. Der IWF geht davon aus, dass diese Adjustierungen durch eine Kombination von geringerem Produktionswachstum und Währungsabwertung zustande kommen. Weil das Volumen von Exporten und Importen nur langsam auf Wechselkursveränderungen reagiert, kann es ein Jahr oder länger dauern, bis die Bilanz ausgeglichen ist. Der Rat des IWF an die Politik: Mittelfristige Konsolidierung der öffentlichen Haushalte – also weniger Staatsausgaben. Und bei den Überschuss-Staaten: Erhöhung der Flexibilität und des Wettbewerbs.

Aber genau das Gegenteil ist in der Realität der Fall: Die USA erhöhen ihre Staatsausgaben und Japan und Europa scheinen mit ihren Reformen nicht weiter zu kommen. Die Weltwirtschaft hat schon bessere Tage gesehen. Morgan Stanley hat die Schätzungen für das Wachstum der Weltwirtschaft 2003 von 4,1 % auf 3,1 % zurückgenommen. Das ist 0,5 Prozentpunkte unter dem 30jährigen Durchschnitt, und es gibt noch Risiken. Morgan Stanley-Analyst Roach geht davon aus, dass sich die Entscheidungsträger weltweit abstimmen sollten.

Aber egal – was die Bürokraten auch machen werden, wir wissen, dass der Markt seinen eigenen Weg gehen wird. Irgendwann wird er die Scherben der Spekulationsblase der 90er hinter sich gelassen haben. Das Problem ist nur, dass das noch ein bisschen (oder viel) weh tun kann.


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