Das Problem mit dem "langfristigen" investieren
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 25. Oktober 2002 18:00 Uhr
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"Wie würde Ihnen eine Kristallkugel gefallen, mit der Sie alle Trends und die Aktienkurse der kommenden Monate voraussehen könnten?" Dies fragt TheStreet.com.
"Während das natürlich unmöglich ist, können sie das nächstbeste dazu haben!"
Was ist das nächstbeste dazu? Angeblich Jim Cramer, ein Mann, der jetzt wieder zum Einstieg in den Aktienmarkt bläst!
Und es gibt weitere Männer wie ihn, zum Beispiel Louis Navellier: "Aktuell ist eine der besten Kaufgelegenheiten am Aktienmarkt, die ich in meiner ganzen Anlegerkarriere gesehen habe."
Louis Navellier und Jim Cramer sind beides ziemlich clevere Jungs. Aber keiner von ihnen ist lange genug am Markt, um zu wissen, was dieser Bärenmarkt ihnen noch bringen könnte.
Das Problem mit den "langfristigen" Prognosen ist, dass es so lang dauert – man muss so alt wie Methusalem werden –, bis man damit Erfahrungen sammeln kann. Weder Cramer noch Navellier können seit mehr als 20 Jahren am Markt sein. Aber zwei Dekaden sind nur ein kleiner Teil von einem kompletten Zyklus. Seit 1982 sind die Aktien im Allgemeinen nur gestiegen – mit Ausnahme der letzten 2 1/2 Jahre.
Ja, es gab "Bärenmärkte" und "Rezessionen", aber sie waren nur kurze Gegentrends – wie die temporäre Ruhe, die in einer ruhigen Nachbarschaft herrscht, bevor der lokale Bösewicht wieder aus der Besserungsanstalt entlassen wird.
Vor fünfzehn Jahren, auch im Oktober, fiel der Dow Jones um 508 Punkte, an einem einzigen Tag. Das war 1987. Der größte Tagesverlust überhaupt. Aber der Maestro (Alan Greenspan) griff schnell ein, und bewirkte mit seiner Politik des leichten Geldes, dass die Party bald wieder weiterging. Bis zum Millennium. Und diejenigen, die das mitgemacht haben, haben gedacht, dass sie wissen, wie die Aktienmärkte funktionieren: Sie steigen die meiste Zeit, und fallen manchmal.
Nicht immer.
"Diese Leute werden sich wundern", so James T. Kahn im Barron's Magazin. "Ein Horizont von 20 Jahren hat sie dazu geführt, Dinge zu glauben, die gerade beginnen, sich selbst zu widerlegen: Man kann den Einstieg nicht perfekt timen, kaufen und liegen lassen, Bärenmärkte tendieren zur Kürze." Cramer und Navellier sind wahrscheinlich zu jung, um sich daran zu erinnern. Aber der Bärenmarkt, der 1982 endete, hatte mehr als 16 Jahre gedauert. Während dieser Periode verloren die Investoren laut Mr. Kahn durchschnittlich 1,5 % pro Jahr – nominal. Wenn man die Inflationsrate berücksichtigt (ein Dollar von 1966 war 1982 nur noch 12,5 Cents wert), dann kommt man auf einen durchschnittlichen Verlust von 12 % pro Jahr.
"Die amerikanische Geschichte besteht seht 1792 aus 9 Bullenzyklen, die durchschnittlich jeweils 10 Jahre dauerten, und 8 Bärenzyklen, die durchschnittlich 14 Jahre dauerten", so Kahn, der die Dinge langfristig betrachtet.
Eine oft gehörte Meinung besagt, dass Aktien fast niemals 3 Jahre in Folge fallen. Zusammen mit anderen Illusionen des großen Bullenmarktes hat diese Ansicht dazu beigetragen, die Hoffnung von Navellier und Cramer aufrecht zu erhalten, als die Kurse fielen und fielen. Und jetzt – wo die Aktien zwei Wochen in Folge gestiegen sind – hoffen sie, dass dieses Jahr insgesamt mit einem Gewinn abschließen wird.
Aber wenn Kahn die Statistiken um die Inflation bereinigt, dann entdeckt er, dass "die Märkte in Wirklichkeit sogar normalerweise 5 Jahre in Folge fallen." Kahn findet in den Charts der letzten 400 (!) Jahre jede Menge 5-jährige Bärenmärkte.
Sogar ein sehr alter amerikanischer Investor könnte diese Tatsache übersehen. Ein solcher alter Investor hätte zum Beispiel erst gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auf Aktien aufmerksam werden können. Dann hätte er nur steigende Kurse kennen gelernt, denn von 1942 bis 1966 gab es einen schönen Bullenmarkt. Dann verschleierte die Inflation die Tatsache, dass es von 1966 bis 1982 einen Bärenmarkt gab. Und dann gab es den größten Bullenmarkt von 1982 bis 2000. Deshalb könne sogar ein sehr alter Investor an die Theorie des "langfristigen Investments" glauben, so Kahn. Heute ist die Inflation sehr niedrig. Sie wird nichts verdecken. Im Gegenteil – wenn die Nation in die Deflation fällt – wie in Japan –, dann wird das die Aktienkursverluste noch verstärken. Vielleicht werden dann auch alte Investoren die Dinge anders sehen.