Das Problem des Sozialversicherungssystems (Teil 2)
US-Redaktion ("Investoren Wissen") in Investoren Wissen
vom 29. Oktober 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
wie vorgestern versprochen folgt heute der zweite Teil des Artikels "Das Problem des Sozialversicherungssystems". Meine amerikanischen Kollegen Bill Bonner und Addison Wiggin führen hier ihre Gedanken weiter aus und zeigen auf, worauf diese Problematik ihrer Ansicht nach hinausläuft.
Darüber hinaus habe ich ein aktuelles Markt-Update für Sie. Dieses finden Sie im zweiten Artikel.
Beste Grüße
P.S.
Mein kürzlich gemachtes Angebot an Sie, sich Artikel zu speziellen Themen, die Sie besonders interessieren, bei Investoren Wissen zu wünschen, stieß auf erstaunlich schwache Resonanz Ihrerseits. Auch wenn es mir schwer fällt zu glauben: Ich folgere daraus, dass die meisten von Ihnen somit mit der Auswahl der Themen bei Investoren Wissen zufrieden sind bzw. tatsächlich keine besonderen Wünsche haben?
Ich bedanke mich für die Zusendung des heutigen Zitats. Auch wenn es sich wohl in seiner ursprünglichen Form eher auf Banken und private Firmen bezieht, ließe es sich m.E. durchaus auch in gewissem Sinne auf Staaten anwenden...
Erst wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer nackt schwimmt.
Warren Buffett (*1930)
(Der nachfolgende Artikel ist eine Fortsetzung des Artikels "Das Problem des Sozialversicherungssystems" vom vergangenen Dienstag)
Stützung des Sozialversicherungssystems
Zwischen 2005 und dem Herbst 2008 berichteten wir über die Anstrengungen von David Walker, dem früheren obersten Rechnungsprüfer der Vereinigten Staaten und Bob Bixty, verantwortlicher Direktor der Concord Coalition, welche versuchten, das Sozialversicherungs- und das Gesundheitssystem zu stützen und zu reformieren.
Das Projekt brachte eine spielfilmlange Dokumentation namens I.O.U.S.A. heraus, welche uns eine Reise zum Sundance Film Festival 2008 und zu den Critic`s Choice Awards in Los Angeles ein Jahr später einbrachte.
Wir veröffentlichten 2008 das Bestseller Begleitbuch mit dem gleichen Titel. Die Zahlen, welche wir in dem Film und dem Buch präsentierten, sind wirklich unglaublich. Aber wie dem auch sei, das Projekt war schon in einigen Punkten überholt, als wir es der Öffentlichkeit vorstellten.
- Gesundheitsfürsorge: Die Kreditkrise, welche ihren bisherigen Höhepunkt im Jahr 2008 hatte, verlagerte den Tag der Insolvenz der staatlichen Programme Medicare [etwa: Gesundheitsprogramm für Ältere, Anm. d. Ü.] und Medicaid [Gesundheitsfürsorge für Bedürftige, Anm. d. Ü.] noch weiter in die Gegenwart.
Am 13.05.2009 warnte zum Beispiel ein „Medicare Trustees Report" davor, dass der Fonds, welcher für die Unterstützungsempfänger die Krankenhauskosten bezahlt, im Jahr 2017 insolvent sein wird - zwei Jahre vor dem in 2008 genannten Datum.
Das Problem ist, dass das Programm mehr Ausgaben als Steuereinnahmen generierte. Und das ist zum Großteil der hartnäckigen Rezession zu verdanken. Tastsächlich ist es so, dass Medicare heute $13,4 Billionen auf ein Zinskonto anlegen müsste, um die für den Krankenhausfonds geplanten Unterstützungszahlungen der nächsten 75 Jahre überhaupt zahlen zu können. Das übertrifft die Schätzungen von letztem Jahr um eine Billion US-Dollar.
Nach Stand der Dinge betragen die derzeit unterfinanzierten Verpflichtungen des Programms, welches u.a. die Zuschüsse für die Ärzte und Medikamente beinhaltet, insgesamt $37,8 Billionen. Die Autoren des Berichts schätzen, dass in den kommenden Jahren die Ausgaben des Medicare-Programms schneller steigen werden als die die Einkommen der Bevölkerung oder die Wirtschaft als Ganzes.
- Sozialversicherungssystem: Die Reformoptionen des Sozialversicherungssystems werden relativ gut verstanden, aber die Auswahlmöglichkeiten sind schwierig umzusetzen. Jedoch sagen die Autoren des Reports, dass, obwohl sich die finanzielle Lage des Sozialversicherungssystems im Gegensatz zur Lage des Medicare-Programms noch schlechter entwickelte, das Medicare-Programm ein größeres Insolvenzrisiko und eine viel größere Herausforderung darstelle.
Die wachsenden Kosten können unter Kontrolle gehalten werden, ohne dass auf eine gute Qualität bei der Versorgung verzichtet werden muss. Aber nur, wenn die allgemeinen Kosten der Gesundheitsfürsorge mehr begrenzt werden. Aber egal ob auf die eine oder andere Weise, es ist erforderlich, dass bald etwas unternommenen wird, besonders um die Kosten für die Gesundheitsfürsorge unter Kontrolle zu bekommen.
Kurz gesagt folgert der Bericht, dass die finanziellen Schwierigkeiten, mit denen sich das Sozialversicherungssystem und das Medicare-Programm konfrontiert sehen, zahlreiche Herausforderungen mit sich bringen.
Können also die Vereinigten Staaten ihr „AAA" -Kreditrating weiterhin erhalten?
Uncle Sam`s Noten sinken
„Die US Regierung hat seit 1917 ein AAA-Kreditrating", zitiert die Financial Times David Walker, jetzt Präsident und CEO der Petersen G Peterson Foundation.
Aber nach Veröffentlichung des Trustees Reports sagte er, „... es ist jedoch unklar, wie lange dies noch der Fall sein wird. In meinen Augen kann eine der beiden Entwicklungen schon alleine dazu führen, dass wir unser Top-Rating verlieren...
- Obwohl eine umfassende Reform des Gesundheitssystems benötigt wird, darf diese unsere finanzielle Verfassung nicht weiter verschlechtern. Wenn wir dies tun, würden wir ein Signal senden, dass wir aufgrund gesellschaftlicher Bedürfnisse nicht auf unsere finanzpolitische Vernunft hören und dadurch immer mehr eine Hypothek auf die Zukunft unseres Landes aufnehmen.
- Ein Versagen der US-Regierung würde ein Signal senden, dass unser politisches System den Aufgaben der großen, bekannten und wachsenden strukturellen Ungleichgewichte, welchen wir uns gegenüber sehen, nicht gewachsen ist."
Natürlich müssen wir anmerken, dass das gesamte Kreditrating-Business ... nun... korrupt ist. Die Agenturen (S&P, Fitch und Moody‘s), welche uns die Staatsratings auftischen, sind die gleichen, die uns 2007 schon einmal hereinlegten.
Aber natürlich bekommen hypothekarisch gesicherte Wertpapiere ein „AAA". Wenn die Wallstreet sich ein „AAA"-Rating kaufen kann, kann dies Uncle Sam mit Sicherheit auch.
Aber selbst Moody`s beginnt seine Wetten abzusichern. Es implementierte seit 2007 drei Unterteilungen innerhalb seines „AAA"-Ratings: Resistance, Resilient und Vulnerable [widerstandsfähig, belastbar, verwundbar, Anm. d. Ü.]. Das bedeutet nichts anderes als „die Guten, die Schlechten und die Miserablen". Und obwohl die Vereinigten Staaten nicht unter den Schlechtesten dieses Haufens sind, gehören sie sicherlich auch nicht zu den Besten.
Erfolgreiches Investieren,
Bill Bonner und Addison Wiggin
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Lutz (30.10. 2009 20:21 Uhr):
Für Deutschland sehe ich es als eine Frechheit an, immer den demogra-fischen Faktor als Stimmungsmache gegen die Alten herbeizuzitieren. Die Rentenkasse war prall gefüllt und wurde von den Regierungen veruntreut. Außerdem wird kein Wort über das Produktivitätswachstum verloren. Die jetzigen Rentnergenerationen habe massiv dazu beigetragen, daß in diesem Land die Produktivität wuchs, wie kaum in einem anderen Land. Deutschland hat weltweit die zweit-höchste Produktivität. Wenn die Renten- kassen nicht geplündert worden wären und keine Umverteilung von unten nach oben (Agenda 2010) stattgefunden hätte, wäre es nie zu einem Renten-problem gekommen. Mit der Kenntnis dieser Fakten, bin auch ich nicht bereit, Rentenkürzungen zu akzeptieren, wenn meine Rente ansteht (in 13 Jahren). Ich sage dann zu der Selbstbedie-nungsmentalität der Politiker und Wohlhabenden, wir sind das Volk. Ohne das Volk könnten diese nämlich nichts erwirtschaften. Sie würden samt ihrem Geld verhungern.
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