Das Phänomen „Negativzinsen“ folgt rationalen Argumenten
Thomas Kallwaß in Devisen-Monitor
vom 23. Januar 2012, 08:30 Uhr
ENL5454
Bevor die Bundesrepublik Deutschland kürzlich in den Genuss von Negativzinsen kam, eilten bereits einige Wochen zuvor Meldungen über Negativzinsen für Dänemark, die Niederlande und die Schweiz über den Ticker. Die USA konnten schon während der Finanzkrise 2008/2009 einige Anleihen mit negativen Zinsen emittieren.
Negativzinsen entstehen, wenn beispielsweise der Ausgabepreis von Staatsanleihen oberhalb des Rückzahlungsbetrags liegt und die Differenz nicht durch die Zinszahlungen während der Laufzeit ausgeglichen wird.
Kapitalanleger leihen Staaten unter normalen Marktbedingungen einen bestimmten Betrag, der nach einer festgelegten Laufzeit verzinst zurückgezahlt wird. Dabei gilt: Umso höher die Bonität, desto niedriger der Zins. Denn mit steigender Bonität steigt in der Regel auch die Nachfrage nach den risikoarmen Anleihen. Banken nutzen ihr überschüssiges Kapital, um es zu kleinen Zinsen, dafür aber mit der geringsten Ausfallwahrscheinlichkeit, anzulegen. Negativzinsen sind demnach Kosten, die die Finanzmarktteilnehmer akzeptieren, um das Kapital einem bestimmten Schuldner leihen zu dürfen.
Ungewöhnliche Marktbedingungen als Ursache
Damit dieser, auf den ersten Blick irrational wirkende Vorgang in Erscheinung tritt, bedarf es einiger ungewöhnlicher Marktbedingungen. Zum einen wird die Anzahl von hochsolventen Ländern immer kleiner. Die Ratingagenturen heben einst als sichere Häfen gepriesene Staaten, wie etwa Frankreich, auf‘s Tableau und diskutieren über mögliche Risiken, die eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit nach sich ziehen könnten. Selbst das einstige Zugpferd der Weltwirtschaft, die USA, waren vor einer Herabstufung nicht gefeilt. Derzeit gibt es noch 18 Staaten, die über die Bestnote AAA verfügen. Der Kandidatenkreis, der sich mit einer drohenden Herabstufung konfrontiert sieht, nimmt jedoch zu. Ende 2012 besitzen also nur im besten Fall noch immer 18 Staaten die höchste Kreditwürdigkeit.
Da der Finanzmarkt verunsichert ist, was sich auch am mangelnden Vertrauen der Banken untereinander auf dem Interbankenmarkt ausdrückt, wird händeringend nach sicheren Kapitalanlagen gesucht. Was unter normalen Marktbedingungen an andere Banken oder als Unternehmenskredit verliehen wird, fließt heute an die EZB oder in Staatsanleihen von Triple-A-Staaten.
EZB und AAA-Staatspapiere bleiben sichere Häfen
Zusätzlich zur anhaltenden Vertrauenskrise werden Negativzinsen dadurch begünstigt, dass Banken überschüssiges Kapital nicht in Form von Sichteinlagen bei sich selbst anlegen können. Das Kapital muss also verschoben werden. Der Vertrauensverlust, der seit der Finanzmarktkrise 2008 nie vollständig wieder hergestellt wurde, beschränkt die Anlagealternativen, die heute noch als sicher gelten auf Zentralbanken und AAA-Staatsanleihen. Die ungewisse Entwicklung an den Finanzmärkten erfordert zudem eine ständige Verfügbarkeit von Kapital. Staatsanleihen besitzen in diesem Zusammenhang zwei Vorteile gegenüber Anlagealternativen.
Negativzins könnte weiter steigen
Zum einen können die Schuldtitel bei der EZB als Sicherheit hinterlegt werden, um an frisches Kapital zu gelangen. Zum anderen sind die Staatsanleihen frei handelbar. Der Markt für AAA-Staatsanleihen ist sehr liquide, sodass sich jederzeit ein Käufer findet.
Auch wenn die Rechnung auf den ersten Blick ein Verlustgeschäft darstellt, könnte sich der Negativzins, der sich bei der letzten Auktion von deutschen Schuldverschreibungen mit einer sechsmonatigen Laufzeit im Durchschnitt auf minus 0,0122 Prozent belief, noch zu einem guten Geschäft entwickeln. Denn das Jahr 2012 könnte einigen Prognosen zufolge einen neuen Vertrauenstiefpunkt markieren. Das Vertrauen der Banken untereinander könnte also weiter schwinden, die Anzahl sicherer Anlagealternativen auch. Es besteht also durchaus die Chance, dass der Negativzins bzw. die Prämie im Laufe des Jahres 2012 weiter steigt. Ein Verkauf der Schuldtitel würde dann nicht nur die nötige Liquidität der Gläubiger herstellen, sondern bei sich vergrößerndem Negativzins sogar ein Gewinngeschäft bedeuten.