Das Leerverkaufsverbot bleibt nutzlos
Till Kleinlein in Devisen-Monitor zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 17. Oktober 2011, 08:30 Uhr
ENL5454
Politiker haben seit dem Beginn der Finanzkrise Schuldige gesucht. Schuldige, mit deren Hilfe man vom eigenen Versagen ablenken konnte. Immer wieder gern als Krisenverursacher genannt werden die sogenannten Shortseller - also Marktteilnehmer, die auf fallende Kurse setzen. Mit dem Verbot des sogenannten Leerverkaufs sollten Krisenauswirkungen vermindert werden. Genutzt hat es jedoch nichts.
Leerverkäufer setzen auf fallende Kurse
Bei Leerverkäufen leiht sich der Marktteilnehmer die zu verkaufenden Aktien gegen einen Leihzins. Verleiher sind zum Beispiel große Pensionsfonds, die langfristig große Aktienpakete halten. Durch den kurzfristigen Verleih der Aktien kann die Rendite langfristig aufgebessert werden.
Der Ausleihende verkauft die geliehenen Aktien sofort am Markt. Ziel ist es, die Aktien zu einem späteren Zeitpunkt günstiger zurück zu kaufen. Geht die Spekulation auf, ist die Differenz zwischen Verkaufs- und Kaufpreis (abzgl. des Leihzinses) der Gewinn des Spekulanten. Kann die Aktie nicht günstiger zurück gekauft werden, hat der Spekulant einen Verlust erlitten.
Bei sogenannten ungedeckten Leerverkäufen leiht sich der Verkäufer keine Aktien. Er verkauft Aktien, die er nicht besitzt. Da zwischen Verkaufs- und Liefertag in der Regel ein bis drei Tage vergehen, hat der Spekulant jedoch auch nur ein bis drei Tage Zeit, die Aktien zurück zu kaufen. Denn geliefert werden müssen die Aktien auf jeden Fall. Ungedeckte Leerverkäufe sind also sehr kurzfristig angelegt.
Seit der Finanzkrise versucht sich der Gesetzgeber am Shortverbot
Schon seit Mai 2010 sind in Deutschland diese ungedeckten Leerverkäufe für zehn deutsche Finanzaktien verboten. Damit sollte der angeblich schädlichen Spekulation ein Riegel vorgeschoben werden. Schon damals war unklar, weshalb diese Geschäfte marktschädlich sein sollen, kreditfinanzierte Käufe jedoch nicht. Schließlich kauft ein kreditfinanzierter Spekulant Aktien mit Geld, das er nicht hat und treibt so die Kurse nach oben.
Genützt hat dieses Verbot praktisch nichts. Der Euro Stoxx Bankenindex notierte ein Jahr später genauso hoch wie zum Zeitpunkt des Leerverkaufsverbot.
Seit Juni halbieren sich die Kurse trotz erweitertem Verbot
Anfang Juni verboten zahlreiche europäische Staaten dann auch normale, also gedeckte, Leerverkäufe. Ein Schritt, der noch unverständlicher ist. Praktisch bedeutet das Verbot gedeckter Leerverkäufe, dass der Gesetzgeber nur noch Spekulationen erlauben möchte, die Kurse nach oben treiben. Korrigierende Spekulationen, die den Kursanstieg dämpfen, sind jedoch verboten.
Doch auch dieses viel weiter gehende Verbot hat genau gar nichts genutzt. Der Euro Stoxx Bankenindex stürzte seit diesem Verbot regelrecht ab und hat sich im Tief halbiert.
Leerverkäufe sind ein Nebenkriegsschauplatz - es gibt Wichtigeres
Offensichtlich waren es nicht gewissenlose Shortspekulanten, die für Kursverluste sorgten. Vielmehr waren es verängstigte Investoren, die in Massen ihre Aktien verkauften. Verängstigt von der ungewissen Zukunft der Banken, deren Teilhaber sie waren und sind.
Statt also willkürliche Markteingriffe durchzuführen, wäre die Politik gut beraten, sich künftig auf die Lösung echter Probleme zu konzentrieren. Sinkende Aktienkurse wird es immer geben, ebenso wie Übertreibungen.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Andy (17.10. 2011 16:18 Uhr):
Ich habe ein gewisses Verständnis davor, dass man ungedeckte Leerverkäufe als moralisch bedenklich einstuft. Daher könnte ich mir persönlich ein Verbot von ungedeckte Leerverkäufen gut vorstellen. ABER: Wenn (ungedeckte) Leerverkäufe verboten werden, da sie moralisch verwerflich sind, dann muss dies für alle Assetklassen gelten und nicht nur für ausgewählte Aktien.
Antworten- Antwort von Albert Karl (17.10. 2011 23:21 Uhr):
Ohne jetzt nochmals im Detail auf das Thema Leerverkäufe einzugehen und ob solche Finanztechnologien als moralisch einzustufen sind, bleibt folgendes festzuhalten: Für mein Verständnis wird bei der Entwicklung von Finanzstrategien viel zu komplex vorgegangen und dabei das Wesentliche aus den Augen verloren. Will heissen, dass die Technologien mittlerweile so komplex sind und die Märkte so eng zusammenhängen, dass die Finanzmärkte immer unbeherrschbarer werden und in immer kürzeren Abständen neue Krisen generieren. Auch Derivate sind nicht nur eng mit Dummheit, Leichtsinn, Selbstüberschätzung und Unfähigkeit verbunden. Der Fall Enron hat uns ja Ende der neunziger Jahre gezeigt, dass sie auch zum Betrug im großen Stil auffordern. Gruß A.K
- Antwort von Albert Karl (17.10. 2011 23:21 Uhr):
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