Das japanische Szenario
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 28. Mai 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Deflation, Deflation, Deflation.
Dieses Wort macht derzeit die Runde. Noch vor ein paar Jahren kannte viele dieses Wort überhaupt nicht. Jetzt springt es uns aus allen Zeitungen entgegen ... und sogar bei höflichen Dinner-Parties hört man es immer öfter. Die Leute nehmen dieses Wort einfach so in den Mund, es ist ihnen nicht peinlich ... und sie entschuldigen sich nicht dafür. Sie müssen es auch nicht erklären. Jeder weiß, was gemeint ist. "Deflationsangst" lässt die Kurse der Anleihen steigen, so die News (und damit fallen die Renditen). Die Rendite der 10jährigen US-Anleihen ist auf 3,30 % gefallen. Wenn man also solche Anleihen für 10.000 Dollar kauft, dann wird man jedes Jahr 330 Dollar Zinsen bekommen, dafür, dass man sein Geld der US-Regierung leiht.
Diese Regierung ist übrigens dieselbe Regierung, die verspricht, dass sie diese heutigen 10.000 Dollar in der Zukunft deutlich weniger wert machen will. Die Gerüchte sagen, dass die US-Zentralbank eine Inflationsrate von ca. 3 % als "Ziel" hat. Hm ... man bekommt also gut 3 % Zinsen, und man verliert 3 % wegen der Inflation? Und das dann, wenn die Fed ihr Ziel erreicht. Aber sie könnte ihr Ziel ja auch übertreffen, was zu einer Inflation von 5 % oder sogar 10 % führen könnte. Warum sollte jemand, der kein Neo-Konservativer ist, ... also jemand, der denken kann ... US-Anleihen zu solchen Bedingungen kaufen? Die US-Anleihen haben ein ungünstiges Chance/Risiko-Profil bekommen, da das "Risiko" zugenommen hat.
Die Alternativen sehen besser aus. Die Euro-Anleihen versprechen deutlich mehr Rendite ... und der Euro steigt weiter. Chris Wood von "Fear and Greed" empfiehlt "fast jede handelbare Währung in der Welt, mit der Ausnahme vielleicht des philippinischen Peso", gegenüber dem US-Dollar.
Und dennoch erscheint den Japanern eine Rendite von 3 % bei Dollar-Anleihen als ziemlich attraktiv. Schließlich erhalten sie in Japan auf vergleichbare Papiere nur 0,535 % – oder effektiv "Null". Aber da die Preise in Japan fallen ... ist trotzdem ein akzeptabler Ertrag gegeben, da sie von der Deflation profitieren.
Die Japaner kaufen jetzt US-Anleihen. Sie sind derzeit die größten Käufer. Sie versuchen, den Dollar gegenüber dem Yen steigen zu lassen, so die Meinung der Analysten. Selbst in einem Abschwung verkaufen die japanischen Exporteure 30 % ihrer Waren in die USA – sie sind einfach davon abhängig, dass die Amerikaner weiter kaufen.
Sie hoffen außerdem, dass sie mit ihren Investments in den USA Gewinne machen. "Eine weitere substanzielle Deflation wäre eine unwillkommene Entwicklung", so Alan Greenspan letzte Woche. Aber genau darauf setzen die Japaner.
Paul Krugman erklärt: "Die Situation der USA ist mit der japanischen Situation vor 10 Jahren vergleichbar. Wie Japan 1993 oder 1994 sind die USA heute mit den Nachwehen des Platzens einer Aktienmarkt-Spekulationsblase konfrontiert – der Nikkei und der S&P 500 hatten sich in den 5 Jahren vor ihren Tops jeweils verdreifacht."
"Ebenso wie in Japan gibt es in den USA keinen scharfen Einbruch, sondern eine persistente Underperformance – eine Wirtschaft, die zwar wächst, aber zu langsam, um eine steigende Arbeitslosigkeit und fallende Kapazitätsauslastungen zu verhindern. Was für Versicherungen Alan Greenspan auch abgeben mag – die Fed macht sich sehr große Sorgen darüber, dass es in den USA zu einem japanischen Szenario kommen könnte."
Der Effekt einer persistenten Underperformance war in Japan Deflation. In den letzten 7 Jahren sind die Preise dort um ca. 1 % pro Jahr gefallen. Die Renditen der japanischen Anleihen sind auf fast Null gefallen und dort geblieben.
Wenn Amerika dem japanischen Beispiel folgen wird, dann werden die Kurse der US-Anleihen weiter steigen und die Käufer von US-Anleihen werden sich wie Genies vorkommen.