Das große Wirtschaftsexperiment (Teil 2 von 2)
Claus Vogt (Chefredakteur "Sicheres Geld") in Investoren Wissen
vom 4. November 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
(Fortsetzung des Artikels von gestern)
Warum diese Aussage heute noch sehr viel brisanter ist als Anfang der 2000er Jahre, können Sie anhand der folgenden Tabelle unschwer erkennen. Sie zeigt Ihnen seit der Weltwirtschaftskrise alle Rezessionen, die Amerika erlebte. Die erste Spalte markiert jeweils den Beginn der Rezession, die zweite Spalte das Ende. Die dritte zeigt die Dauer der Rezession in Monaten und die vierte den jeweiligen Rückgang der Wirtschaftsleistung als Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die letzte Spalte schließlich listet den Umfang staatlicher Konjunkturprogramme auf, wiederum als Prozentsatz des BIP. Diese Spalte fasst geld- und fiskalpolitische
Maßnahmen in einer Kennzahl zusammen. Dazu wird die Ausweitung der Notenbankbilanz und der Neuverschuldung des Staates addiert.
Diese Tabelle, die ich aus Grant’s Interest Rate Observer entnommen und aktualisiert habe, ist in vielerlei Hinsicht lehrreich und interessant:
Erstens sehen Sie, dass die meisten Rezessionen acht bis 16 Monate anhielten und zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von bis zu 3,4% führten.
Zweitens wurde der Staat fast immer mit Konjunkturprogrammen aktiv, meist in der Größenordnung von rund 3% des BIP.
Drittens bemerken Sie sicherlich, dass es eine Ausnahme von dieser Regel gab. In der Rezession von 1953/54 befindet
sich vor der Zahl in der letzten Spalte ein negatives Vorzeichen. Der Staat wurde damals also nicht mit Konjunkturprogrammen aktiv, ganz im Gegenteil. Damals wurden die Zinsen sogar erhöht. Die Keynesianer unter den Lesern dieser Tabelle werden es zwar nicht für möglich halten, aber auch diese Rezession ging vorüber – und das ganz ohne Staatseingriffe. Sie sprengte auch nicht den Rahmen anderer Rezessionen, sondern fiel mit einer Dauer von 10 Monaten und einem Rückgang des BIP von 2,7% sehr durchschnittlich aus.
Viertens erkennen Sie, wie außergewöhnlich die Weltwirtschaftskrise war, und zwar in jeder Hinsicht. Sie dauerte mit 43 Monaten extrem lange und fiel mit einem Rückgang des BIP von 27% extrem schwer aus. Aber auch die Größenordnung der staatlichen Konjunkturprogramme fällt mit 8,3% des BIP deutlich aus dem Rahmen. Das mag die ökonomisch Belesenen unter Ihnen vielleicht überraschen, denn es geistert nach wie vor die Geschichte eines in der Weltwirtschaftskrise sehr zögerlichen Staates durch
die Wirtschaftspresse – ein Märchen, das so gar nicht zu den nackten Zahlen passen will.
Fünftens sehen Sie, dass die Rezession des Jahrs 2001 etwas aus dem Rahmen fällt, und zwar aufgrund der Größe des Konjunkturprogramms von 7,2% des BIP: Hier spiegelt sich das große Experiment des Dr. Greenspan. Mit drastischen geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen wurde die sich abzeichnende Rezession massiv bekämpft. Das erwünschte Ergebnis stellte sich tatsächlich ein: Die Rezession war kurz und das BIP schrumpfte lediglich um 0,2%. Aber der Preis für diesen kurzfristigen Erfolg war sehr hoch: Es entstand die Immobilienblase, deren Platzen verheerende Folgen hatte und de facto das Finanzsystem ruinierte.
Sechstens schließlich erkennen Sie die Dimension der aktuellen Krise. Die Rezession (oder auch nur der erste Akt der Rezession) dauerte vermutlich 19 Monate und die Wirtschaft schrumpfte um etwa 3,9%. Aber der eigentliche Ausreißer dieser Statistik ist natürlich das Ausmaß des Konjunkturprogramms, das knapp 30% des BIP erreicht. Das, liebe Leserinnen und Leser, bezeichne ich als das größte wirtschaftspolitische Experiment seit der Einführung des Kommunismus in Russland.
Dieses Experiment hat viele Mütter und Väter
Gerne würde ich auch diesem Experiment einen griffigen Namen geben. Einer Person lässt es sich allerdings nicht zuordnen, denn es hat sehr viele Mütter und Väter. Weltweit sind fast alle regierenden Politiker und selbst die allermeisten Oppositionellen von der Richtigkeit und Notwendigkeit dieses Experiments überzeugt. Flankiert werden die Überzeugungstäter von nicht gleichdenkenden Notenbankern und einem Heer moderner Ökonomen.
Zugegebenermaßen war das beim Großen Experiment des Dr. Greenspan nicht viel anders. Aber damals war diese unheilvolle Person doch die Galeonsfigur dieser unheilvollen Interventionspolitik. Deshalb war es angemessen, ihn als Namensgeber des Experiments heranzuziehen. Sein Nachfolger Bernanke ist zwar ein geradezu messianischer Inflationist. Aber damit ist er mittlerweile doch nur einer von vielen. Und Ex-US-Präsident Bushs Reaktion auf die Krise unterscheidet sich in gar nichts von dem, was sein Nachfolger oder dessen Kollegen von Europa über Südamerika bis China bisher abgeliefert haben. Da überrascht es mich höchstens, dass Obama dafür noch nicht den Nobelpreis für Ökonomie bekommen hat. Aber vielleicht wären zwei Nobelpreise im selben Jahr sogar für den zum politischen Messias erkorenen US-Präsidenten zu viel der Ehre.
Abb.: Das extreme Ausmaß dieses geldpolitischen Experiments kann man mit Hilfe dieser Grafik auf einen Blick erkennen (Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis)
"Der Weg zur Knechtschaft" und der Weg in die Katastrophe
Friedrich August von Hayek gab seiner Warnung vor dem Interventionismus den Titel „Der Weg zur Knechtschaft“. In Anlehnung daran sollten wir dieses Experiment vielleicht „Der Weg in die Katastrophe“ nennen. Warum?
Um die Antwort auf diese Frage nachzuvollziehen, müssen Sie die Grundzüge der Österreichischen Theorie des Wirtschaftszyklus kennen. Dann sehen Sie, warum ein inflationärer Schub in dieser Größenordnung sich beispielsweise auf die Wirtschaftsstruktur sehr negativ auswirken muss. Und Sie wissen, warum Inflation keinen tragfähigen Aufschwung erzeugen kann, sondern als Saat der nächsten und sehr viel größeren Krise angesehen werden muss. Lesen Sie deshalb in den nächsten Tagen an dieser Stelle hier bei Investoren Wissen die wichtigsten Erkenntnisse und Theorien der „Österreicher“.
Herzlichst Ihr
Claus Vogt
ANMERKUNG DER REDAKTION:
Claus Vogt ist institutioneller Anleger, Bestseller-Autor und Chefredakteur des Börsendienstes "Sicheres Geld". Herr Vogt hat die Krise frühzeitig vorausgesehen und wiederholt vor ihr gewarnt. Während viele Anleger im letzten Jahr ihr Portfolio stark schrumpfen sahen, empfahl er immer wieder stark profitable Kriseninvestments und zeigte seinen Lesern, wie sie sich effektiv absichern können.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Reiner Hesse (07.11. 2009 12:33 Uhr):
Ich denke, dass bei aller Betrachtung - und teilweise berechtigter Kritik an den Thesen und Rezepten von Keynes allzu wenig auf den Zusatand der Märkte Rücksicht genommen wird: Zu Keynes Zeit ließen sich die Märkte ausweiten, und wenn es durch die Kriegswirtschaft war. Heute leben wir weitgehend in übersättigten Märkten mit entsprechenden Problemen einer ausreichenden Kapazitätsauslastung bei zusätzlicher Überversorgung auch der Verbraucher, jedenfalls in Europa! Das bedeutet aber, dass eine Ankurbelung des Konsums nur sehr teilweise gelingt, denn sehr viel vom zur Verfügung gestellten Geld wandert in irgendeiner Weise in Ersparnisse, verstärkt um dort zur Bildung neuer "Blasen" (immobilien, Rohstoff- und Aktienmärkte) zu führen: Tatsächlich bin ich der Überzeugung, dass die relative Stabilität der Aktienmärkte mehr auf "vagabundierende" Liquidität zurückzuführen ist als auf eine Stärkung der Produktivkräfte in der Wirtschaft.
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