Das große Strohfeuer?
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 24. September 2008, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
nachdem Sie sich die vergangenen Ausgaben tapfer durch meine mit Theorie beladenen Artikel gekämpft haben, möchte ich heute eine erste kleinere Marktbetrachtung mit Ihnen teilen. Natürlich wird es in Zukunft noch weitere Werkzeuge geben, welche ich Stück für Stück vorstellen werde, aber zwei grundliegende Teile (den NYSE BPI und P&F Charts) haben wir jetzt schon einmal kennen gelernt und das ist für den Anfang schon sehr viel wert.
Darüber hinaus möchte ich die heutige Ausgabe nutzen, um mich, was meine Einschätzung angeht, sozusagen bei Ihnen öffentlich zu positionieren. Ich weise vorsorglich darauf hin, dass ich weder "Bulle" noch "Bär" im klassischen Sinn, sondern von meiner Natur aus ein Sektor-Händler bin. Hierbei betrachte ich meist die einzelnen Sektoren der Aktienmärkte (z.B. Automobilindustrie, Banken, Pharma, etc.) und behandle diese ähnlich wie "Untermärkte" (was durchaus einen starken Sinn macht, aber hierzu komme ich ein anderes Mal). Die übergeordnete Bewegung des Gesamtmarkts ist dabei für mich in den meisten Situationen weniger interessant.
Da ich jedoch weiß, dass sehr viele von Ihnen gerade dies verfolgen und auch tendentiell stark in Indextitel wie z.B. DAX-Werte investiert sind, werde ich hier bei Investoren Wissen auch sehr oft auf den breiten Markt schauen anstatt fast ausschließlich auf Sektoren.
Der langfristige Horizont (2-3 Jahre und mehr)
Aus Sicht sämtlicher technischer Marktmodelle, welche ich nutze, sind wir in einem langfristigen Bärenmarkt, der durchaus noch einige Jahre andauern kann und wohl auch wird. Dies deckt sich ebenfalls mit den fundamentalen Daten, denn nahezu weltweit befindet sich das Wirtschaftswachstum am Abschwächen. Besonders deutlich wird dies im Falle der USA etwa an den beständig schwachen Frühindikatoren. Für mich deutet alles darauf hin, dass die Krise, welche sich momentan entfaltet, erst an ihrem Anfang steht und die Folgen für die Realwirtschaft erst noch beginnen werden einzutreten. Auch rechne ich mit langfristig steigender Inflation (was natürlich selten linear verläuft).
Die Maßnahmen, welche bisher durch Regierungen und Zentralbanken zur Besserung der Lage ergriffen wurden, hatten alle eine Sache gemeinsam: Es ging um Zeitgewinn und um Symptomkurierung unter Einsatz der Gelddruckmaschine und auf Kosten und zu Lasten der Allgemeinheit. Gelöst bzw. an der Wurzel gepackt wurde das Übel nicht und jede Kaskade, die durch das Finanzsystem ging, fiel bisher stärker aus als ihr Vorgänger. Wenn Sie einmal zurückdenken, wie alles begann, dann werden Sie schnell sehen, was ich meine: 2007 hieß es, das Problem sei auf Subprime beschränkt und es gab Abschreibungen... die Kaskade jetzt brachte die Pleiten. Was kommt als nächstes?
Ich weiß, dass dies sehr negativ klingen mag und dass viele von Ihnen solche Dinge nur ungern lesen. Vergessen Sie dabei bitte aber nicht, dass historische Gelegenheiten aus historischen Krisen entstehen. Dazu kommt, dass es keineswegs so ist, dass Sie nur durch steigende Kurse Geld verdienen können. Im Gegenteil... Fallende Kurse bringen nicht selten sogar noch schnellere und stärkere Profite. Es ist also wichtig, die Turbulenzen unbeschadet zu überstehen (und warum nicht dabei auch ein nettes Sümmchen nebenbei verdienen?), so dass Sie dann, wenn es soweit ist, zuschlagen und Schnäppchen jagen können. Noch ist dieser Moment aus meiner Sicht allerdings ein gutes Stück entfernt.
Dementsprechend sehe ich auch den Paulson-Plan, welcher aufgrund seines geringen Volumens wohl kaum die Lage bessern kann und wird, und die damit verbundenen Kauf-Bewegungen von letzter Woche als nichts anderes als ein großes Strohfeuer an, was wohl bereits jetzt schon wieder dabei ist, langsam seine Wirkung zu verlieren. Die nächsten Wochen werden es zeigen.
Der mittelfristige Horizont
Um den mittelfristigen Zustand des Markts besser einschätzen zu können, bietet sich ein Blick auf den NYSE BPI an, was ich im nächsten Artikel tun werde...