Das Geheimnis von Herrn Wu.
Von Greg Grillot in Investors Daily
vom 13. Mai 2005 18:00 Uhr
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Gestern Nachmittag winkte mich ein runzeliger Mitmensch aus der Mandschurei mit einem riesigen, aber auch beruhigenden Leberfleck auf der Spitze der Nase, zu seiner wackeligen Rikscha. Ich weiß nicht, in welcher Sprache er mit mir gesprochen hat, vielleicht Mandarin, vielleicht Mandschurisch – mit Sicherheit nicht Französisch – er war dennoch sicher, dass ich ihn verstehen würde.
Wir rasten daraufhin durch den chaotischen Verkehr im alten Huton Bezirk in Beijing. Hey, wenn sich die Autos und Busse nicht an die Vorfahrtsregeln halten, warum sollte der mutige Strampler vor mir? Vielleicht hat er sich dadurch anregen lassen, einen jungen Setzling von knapp siebzig Kilo anstelle der ewigen älteren, schlappen amerikanischen Ehepaare, die mindestens eine viertel Tonne wiegen, durch die Gegend zu kutschieren.
Was auch immer, er hat Bussen und einem Honda Sedan den Weg abgeschnitten, auf unserem Weg durch das quälende Gewimmel von Gassen und dem Spinnennetz von Häusern in dieser 800 Jahre alten Gegend, in der mich Mr. Wu geduldig erwartete.
Mr. Wu ist ein freundlicher Mann. Er ist ein Archäologe, der sich schon vor langer Zeit zur Ruhe gesetzt hat – was bedeutet, dass er wahrscheinlich zu Maos Ruhm Schätze der Dynastien und Krieger aus Ton ausgegraben hat. Mr. Wu hat die ewig junge Art mancher asiatischer Senioren. Er lächelt mit den Augen und dem Mund, während er die Fragen durch einen Übersetzer beantwortet – er versteht Englisch, spricht es aber nicht.
Mein Begleiter, Karim Rahemtulla, stellte Mr. Wu einige interessante Fragen. Hier ist ein Ausschnitt aus der Unterhaltung.
Karim: "Wie hat sich Ihr Lebensstandard in den letzten 20 Jahren verändert?"
Mr. Wus Übersetzer: "Vor 13 Jahren habe ich eine Pension von 250 Yuan im Monat erhalten. Jetzt bekomme ich 2.500 Yuan. [250 = 30,21 Dollar und 2.500 = 302,06 Dollar, zu dem Zeitpunkt, zu dem ich das schreibe. Weil sich der Yuan am Dollar orientiert, wird die Umrechnung, wenn Sie das lesen, immer noch präzise sein ... aber das gilt nicht für immer.] Zuletzt hat man ihm angeboten, dass er sein Haus für 300.000 Dollar verkaufen könnte. Er hat seit 50 Jahren in diesem Haus gelebt und auch seine beiden Söhne leben hier. Er war dennoch nicht bereit zu verkaufen. Er will das Haus an seine Söhne und an seine Frau vererben, wenn er einmal nicht mehr sein wird."
Die anderen Leute, die Karim und mich auf dieser Tour begleiteten, stellten auch einige Fragen: über die einzige Außentoilette, das mit Marmor ausgelegte Wohnzimmer und so weiter. Währenddessen konnte ich sehen, wie sich auf Karims Gesicht ein Argwohn abzeichnete.
Nachdem Mr. Wu die letzte Frage beantwortet hatte, folgte ich Karim nach draußen auf den Hof mit den verlassenen Vogelkäfigen.
"Greg, irgend etwas passt hier nicht zusammen. Seine Pension ist in den letzten Jahren um 13 % gestiegen, während die Inflationsrate im Jahr bei 2-5 % schlummerte. Wie kann sich eine Regierung leisten, ihm in einer so kurzen Zeit so viel mehr Geld zu zahlen? Ich werde dir, sobald wir wieder im Hotel sind, etwas über das Bankensystem erzählen."
Karim hatte Recht. Meine Zufriedenheit mit dem neuen Wohlstand des alten Mannes hatte meine Kritikfähigkeit ausgeschaltet. Irgendwo zwischen den 900 % und den 2-5 % klaffte ein riesiges Rätsel ... irgend etwas passte wirklich nicht zusammen. Aber warum ist es auch von Bedeutung?
Tatsächlich, je mehr ich mich umschaue, desto mehr fällt mir auf, dass niemand zu wissen, oder sich darum zu kümmern scheint, wie es möglich ist, dass so viele Leute so viel so günstig herstellen können ... und es dann auch noch unter den Produktionskosten verkaufen können. Wie funktioniert das chinesische Wunder? Spielen die Chinesen mit dem wirtschaftlichen Feuer?
Überall in Beijing findet man Leute, die Dinge für weniger verkaufen, als es sie gekostet haben muss, die Dinge herzustellen – ich habe eine "Woe-lex" für 24 Cent abgelehnt und landete wieder in dem gemütlichen Taxi meines heftig winkenden und lächelnden Manchufreundes ... vollkommen in meine Gedanken über die Wirtschaft versunken, schaute ich auf den vorbeiziehenden Shicha See.
In den hübschen Kunstledersesseln in der Lobby meines Hotels versuchte ich drei zusammenhängende Fragen zu beantworten.
1.)Wie konnte Mr. Wus Pension in 13 Jahren um 900 % steigen, wenn in der gleichen Zeit die Inflationsrate immer unter fünf Prozent blieb? 1.) 1.)2.)
2.)Wie ist es möglich, dass man in Beijing ein Einwegfeuerzeug für 12 Cent bekommt? 2.)3.) 2.)4.)
3.)Wieso muss die Liebe meines Lebens das Geld, das sie über ihre Kreditkarte geliehen hat, zurückzahlen? 3.)5.) 3.)6.)
Okay, die ersten beiden Fragen sind mir wirklich ein Rätsel – auf die dritte gibt es eine einfache, reflektierte Antwort. Aber in der Antwort auf die letzte Frage könnte der Schlüssel zu den ersten beiden Fragen liegen.
Ich erinnerte mich an die guten kubanischen Zigarren, die ich mit meinem Freund T.M. rauchte. Als er mir Feuer gab, amüsierte er sich über das Feuerzeug für 12 Cent, das er einem Straßenhändler abgekauft hatte.
Ich überlegte: "Zwölf Cent, nun, Arbeit ist günstig. Auch die Lebenshaltungskosten sind niedrig ... aber wie ist es möglich, dass beides so verdammt niedrig ist, dass man Feuerzeuge und funktionierende Armbanduhren für 12-24 Cent verkaufen kann?" Je mehr man sich umsieht, desto mehr wundert man sich.
Zurück im Hotel, schauten sich Karim und ich ein paar Zahlen in den Büchern einer chinesischen Stahlfirma an. Die Bruttoverkaufszahlen stiegen kontinuierlich Jahr für Jahr ... aber trotz dieser steigenden Verkaufszahlen stiegen die Schulden immer noch ein bisschen schneller an als die Verkäufe.
Damit ist der Nettogewinn im Laufe der Zeit verschwunden. Das ist praktisch. Trotz der steigenden Verkaufszahlen, wurden die zu versteuernden Einkünfte geringer. Es sieht aber auch so aus, als würde die Firma ihre Schulden nicht zurückzahlen ... auch das ist ein guter Deal. Aber auf dem freien Markt gibt es nichts umsonst.
Wenn die Chinesen nicht ihre Schulden zahlen, gibt es dann eine Grenze des Geldbetrags, den die Banken verleihen können? Und was sind das überhaupt für Banken?
Ist das vielleicht die Lösung. Das Schwert des Alexander für den Sino-gordischen Knoten?
Im Land der weltgrößten Kapitalisten gibt es einen Geschäftszweig, der nicht im Geringsten vom freien Markt erfasst wird: die Banken. Ganz einfach ausgedrückt sind die Banken und die Regierung dieselben.
Wie die modernen amerikanischen Banken, verleihen auch die chinesischen Banken (d.h. die chinesischen Regierungen) Geld an Anfänger und an große, etablierte Unternehmen. Aber anders als die modernen amerikanischen Banken (oder zumindest die meisten) erwarten die chinesischen Banken nicht, dass die Firmen das Geld zurückzahlen. Darauf deuten zumindest die Roll-over Kredite aus den Büchern der Stahlfirma hin.
Auf weite Sicht sieht China so für mich aus: die heimischen Stahlkocher, Feuerzeughersteller und Taxifahrer stellen ihre Produkte kostenlos her. Damit sie die Ware dann noch zu Preisen unter den Produktionskosten verkaufen können.
Kostenloses Geld durch Kredite, die nicht zurückgezahlt werden müssen, erlaubt es der Stahlfirma, Stahl für fast gar nichts herzustellen und es dann zu den Marktpreisen zu verkaufen.
Was im Westen sehr viel weniger ist, als der Preis, den man veranschlagen muss, wenn man seine Kredite zurückzahlen muss und über den Produktionskosten bleiben muss.
Vielleicht hat T.M. deswegen das Feuerzeug für 12 Cent kaufen können, um seine Havannas für 20 Dollar pro Stück anzuzünden.
Jetzt wünschte ich nur noch, dass meine Liebste ihre Kreditkartenschulden ebenso wenig zurückzahlen müsste, wie die chinesischen Stahlbarone.
Karim hat etwas von der Spar- und Kreditkrise erzählt, die über Amerika hereinbrechen wird. Selbst wenn es sich um eine beabsichtigte Politik handelt. Keine Wirtschaft kann freiwillig uneffizient sein, Kapital zur Verfügung zu stellen. Die Dinge kosten Geld. Sie können natürlich nicht weniger kosten, als die Rohstoffe, die man braucht, um sie herzustellen. Das Ganze kann nicht weniger wert sein, als die Summe seiner Teile.
Einige Gesetze der Wirtschaft können, ebenso wie die Gesetze des moralischen Verhaltens, gebeugt werden, aber nicht gebrochen ... zumindest nicht ohne Konsequenzen.