Das Fest gestört
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 15. Dezember 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt ... Nach der Nachricht, dass Saddam Hussein gefasst wurde, reagierte gestern der außerbörsliche Handel mit unfassbaren Aufschlägen. Gut – wäre er während der normalen Handelszeit gefasst worden, hätte es sicherlich auch an den normalen Indizes eine 5 % Rallye gegeben. Aber selbst heute Morgen stand der Dax vorbörslich mit über 3950 Punkte fast 3 % im Plus. Die Eröffnung war dann eher enttäuschend. Nur knapp 2 % Aufschlag, aktuell 1,3 %. Was war geschehen?
Eine Nachrichten hat das Fest der Bullen in Deutschland gestört: Die "Einigung" im Vermittlungsausschuss über die Steuerreform. Ich hatte schon vor ein paar Tagen geschrieben, dass der Vermittlungsausschuss die Reformen zu Reförmchen degradiert. Ich frage mich, wie soll eine Partei schnell und mit nachhaltigen Maßnahmen auf aktuelle Gegebenheiten reagieren, wenn sie keine Mehrheit im Bundesrat hat?
Irgendetwas läuft da schief. Es kann nicht angehen, dass notwendige Reformen derart gehemmt werden (wobei ich überhaupt nicht darüber diskutieren will, welche Reformvorschläge besser und welche schlechter sind) Auf jeden Fall litten unter dieser Nachricht hauptsächlich die Konsum- und konsumabhängige Werte und belasteten somit den Dax. Ein Erfolg für das politisch verdrossene Deutschland ist diese Einigung ebenfalls nicht. Die Frage, ob sich die Parteien damit einen Gefallen getan haben, überlasse ich lieber anderen Kommentatoren.
Doch zurück zu der Festnahme von Saddam Hussein: Politische Börsen sind kurze Börsen. Nichts ist älter als die Nachricht von gestern. Mit anderen Worten, spätestens morgen kommen wir zum Alltag zurück. Das einzige was wirklich helfen könnte, wäre, wenn die Anschläge im Irak nachhaltig abnehmen würden. Doch daran glaubt ernsthaft eigentlich niemand. So ging die Anschlagserie gestern und heute unvermindert weiter, als wäre nichts geschehen. Am Sonntag ein Anschlag auf eine Polizeistation und auch heute Morgen wieder Autobomben.
Ich denke das Entscheidende ist, dass die meisten Anschläge antiamerikanisch motiviert sind und nicht pro Saddam Hussein. Es ist dabei egal ob El Quaida, oder sonst eine Terrororganisation verantwortlich ist. Man kann auch die Köpfe dieser Organisationen abschlagen, aber es würden 7 nachwachsen. So würde auch eine Festsetzung von Osama Bin Laden keine grundlegende Veränderung bringen: Die Probleme liegen viel tiefer. Selbst Bush deutete in seine Rede an, er sei nicht der Ansicht, dass die Anschläge nun vorbei seien.
Für überwiegende Teile der Bevölkerung im Irak dürfte diese Festnahme jedoch eine wirklich Erleichterung darstellen. Die Angst, dass Saddam Hussein wieder zurückkehrt, ist damit sicherlich geringer geworden. Ich denke jedoch, erst wenn Saddam Hussein nachweislich tot ist, wird sie sich wirklich auflösen. Der Mythos Saddam Hussein ist zu tief verankert.
Fast finde ich es ein wenig schade, dass die Märkte nicht deutlicher angestiegen sind. Ein schöner Ausverkauf, der Dax macht unter hohem Volumen 4–7 % in ein oder zwei Tagen, dann wüsste ich was zu tun wäre. Denn fast immer sind solche Ausverkäufe nach einer langen Rallye Zeichen für einen Trendwechsel.
Für die Charts ist der heutige Tag interessanter: Der Dow ist dabei die Wolfe Wave nach oben zu verlassen. Zwar ist die Formation dafür bekannt, dass sie an der 5 zu Ungenauigkeiten neigt, sollte es jedoch nicht bald zu stärker fallenden Kursen kommen, wird diese Formation schlichtweg hinfällig. Zwar existiert dann immer noch die Broadening Formation, diese wären dann jedoch auch derart aus dem Ruder gelaufen, dass eine Seitwärtsbewegung wesentlich wahrscheinlicher wäre.
Wenn ich dann daran denke, dass im nächsten Jahr Wahlen sind ... Ich kann mir gut vorstellen, dass die Bush Regierung alles daran setzen wird, den Markt zu stützen. Wenn ich Finanzminister Snow höre, dann weiß ich sowieso woher der Wind weht. Seine Aussage, die Dollarabwertung wäre gar nicht so extrem, macht mir klar, dass eine Inflation gewünscht ist. Der Euro reagierte und auch jetzt macht er sich auf zu neuen Höhen. Ich bin gespannt, ob er bei 1,235 wie von mir erwartet, konsolidiert.
Diese Woche erwartet uns auch noch der Hexensabbat, der dreifacher Verfallstag, an dem die Futures und Optionen verfallen. Für mich immer ein übler Tag, da ich dann meine ganzen Future-Charts umstellen muss, samt charttechnischer Linien – viel Arbeit. Für die Börsen könnte der Hexensabbat turbulent werden, allerdings die wirklich spannenden Bewegungen habe ich bei den letzten Verfallstage nicht erkennen können. Früher war das mal anders. Sehr gespannt bin ich auf die Zahlen zum Arbeitsmarkt am Donnerstag
Die Amis nur leicht im Plus: Um 16 Uhr: Dow 0,65 % Nasdaq100 1 %. Schön kann man heute verfolgen wie die politischen Börsen an Gewicht verlieren: Heute Nacht der Nikkei rund 3 %, heute Morgen: Dax eröffnet mit rund 2 % und heute Nachmittag: Nasdaq mit 1 % ...