Das Feld der Träume
unserem Korrespondenten Eric Fry in New York in Investors Daily
vom 20. Juli 2004 18:00 Uhr
ENL5462
Heute bin ich in Cooperstown, New York – dem Geburtsort des Baseball. Cooperstown gehört zwar zum Bundesstaat New York, befindet sich aber bereits soweit draußen auf dem Land, dass es hier mehr Milchkühe als Starbucks-Filialen gibt ...
In den nächsten paar Tagen wird mein Sohn hier im "Field of Dreams" Park von Cooperstown Baseball spielen. Und in den nächsten paar Tagen wird Baseball in diesem idyllischen Ort Thema Nummer 1 sein. Es sieht so aus, als ob Baseball DER amerikanische Nationalsport wäre.
Aber Baseball ist in den USA erst seit Präsident Hoover (in den 1920ern) zum wirklichen Nationalsport geworden. Der de facto Nationalsport ist das "Spekulieren", das besonders an der New Yorker Börse gespielt wird. In den 1990ern hat die Popularität dieses Spiels zugenommen, denn die ganze Nation war der Ansicht, dass Aktien "langfristig immer steigen".
Kurzfristig fallen die Kurse allerdings. So auch gestern, als der Dow Jones fast ein halbes Prozent verlor. Und jetzt, wo der Aktienmarkt seit drei Wochen fällt, da beginnt es, richtig weh zu tun. Die Art von Schmerz, die daraus resultiert, dass man am Strand bei strahlender Sonne ohne Sonnencreme eingeschlafen ist.
Wie ist das passiert? Wochenlang sah der Aktienmarkt doch so harmlos wie ein Sommertag aus. Und dennoch hat diese anscheinende Lethargie einige ziemlich große Verluste fabriziert. Und dennoch scheint der Aktienmarkt keine bestimmte Richtung zu favorisieren. Er steigt ein bisschen, dann fällt er ein bisschen, dann steigt er noch ein bisschen ... aber dieser nervende leblose Markt hat keine klare Präferenz gezeigt, weder für einen Bullen- noch für einen Bärenmarkt.
"In einem dahin dümpelnden Markt sollte man niemals short gehen", sagen die erfahrenen Trader der Wall Street. Aber daraus sollte man nicht ableiten, dass man long gehen sollte. Natürlich, dieser dahin dümpelnde Markt könnte jederzeit eine starke Rally hinlegen – um den Bären Schmerz zuzufügen.
Aber eine nachhaltige Rally müsste gegen eine Handvoll negativer Trends ankommen: Die Zinsen steigen (von 46-Jahres-Tiefs), und auch der Ölpreis flirtet mit neuen Hochs. Diese zwei Trends sind ausreichend wichtig, um einen neuen wirklichen Bullenmarkt verhindern zu können.
Und die bullishe Stimmung befindet sich in der Nähe von Allzeithochs, was niemals ein gutes Zeichen ist. Gleichzeitig bewegt sich die Volatilität in der Nähe von Mehrjahrestiefs. Niedrige Volatilität spricht normalerweise für selbstgefällige Investoren. Aber eine Masse von bullishen, selbstgefälligen Investoren ist nicht das, was man normalerweise vorfindet, wenn die Aktien billig sind.
Im Nachhinein konnte man sehen, dass der Aktienmarkt immer dann seinen Zenit überschritten hatte – mehr oder weniger –, wenn der Ölpreis ein neues Rekordhoch erreicht und die Fed einen neuen Zinserhöhungszyklus begonnen hatte. Wenn man jetzt noch die Tatsache hinzunimmt, dass die Masse der Investoren auf Seite der Bullen steht, dann könnte man schnell einen Mix erhalten, der statt einem "Field of Dreams" (Feld der Träume) eher an ein "Field of Nightmares" (Feld der Albträume) erinnern würde.
Artikel weiterempfehlen