Das Europäische Haus
Tom Firley in Investors Daily
vom 12. Juli 2011, 18:00 Uhr
ENL5454
auf vielfachen Wunsch ("Sie hatten doch mal die EU mit einer WG verglichen... können Sie den Text nochmal veröffentlichen?") präsentiere ich Ihnen heute noch einmal meinen Beitrag, in dem ich die EU mit einer "Länder-WG" vergleiche. Erstaunlicherweise ist der Beitrag schon über ein Jahr "alt". Und noch erstaunlicher ist, dass die damaligen Euro-Herausforderungen immer noch die gleichen sind. Der ein oder andere Leser könnte sich in der Tat fragen, an welchen Lösungen die jeweiligen Regierungen gearbeitet haben...
Mittlerweile (Anmerkung vom 12. Juli 2011: Das war also damals im April 2010 schon klare Sache...) kann sich wohl jeder ausrechnen, dass Griechenland pleite sei oder zumindest ein massives finanztechnisches Problem hat (damit auch die EU). Jetzt möchte ich nicht auf den Griechen bzw. auf der griechischen Regierung in Athen rumkloppen. Das Kind ist nun mal in den Finanzkrisen-Brunnen gefallen und eine Lösung muss geschaffen werden. Hierzu einmal ein etwas anderer Gedanke:
Das Europäische Haus
Stellen Sie sich ein großes Haus mit vielen Zimmern vor. Jedes (sehr große) Zimmer wird jeweils von einem Landsmann aus den EU-Ländern bezogen. Ziel dieser großen Wohngemeinschaft:
1.) Harmonisches Zusammenleben
2.) Wohlstand und (wirtschaftliches) Wachstum bzw. Fortschritt
Um Punkt 1 zu erreichen, müssten eigentlich nur verschiedene Regeln beachten werden (Küche nach Gebrauch aufräumen, keine Zigarettenkippen aus dem Fenster werfen, nach Alkoholgenuss nicht gröhlend durchs Treppenhaus ziehen... usw. )
Punkt 2 ist da natürlich schon etwas schwieriger zu erreichen. Aber sagen wir mal so: Jeder einzelne Zimmer-Bewohner würde ein Unternehmen führen (der eine im Bereich Maschinenbau, der andere macht Stadt-Führungen, wieder ein anderer verkauft Möbel etc.). Und jeder einzelne dürfte sogar Schulden machen, um sein Unternehmen ggf. auszubauen. Einzige Regel: Die Schulden (böses Wort, sagen wir lieber: das entliehene Investitions-Kapital)... also, das entliehene Kapital darf niemals 60% des Jahresumsatz des einzelnen Zimmergenossen überschreiten.
Die Bewohner des europäischen Hauses leben in einem verhältnismäßig friedlich-freundlichen Miteinander (ist ja auch nicht immer ganz so einfach die verschiedenen Mentalitäten unter einen Hut zu bringen... vor vielen Jahren hatte ich einmal eine gute Bekannte in einem Kölner Studenten-Wohnheim..., ich weiß also von was ich rede) und einige Zeit vergeht.
Regelmäßig wird berichtet, wie die jeweiligen Unternehmen so laufen. Bei den einen läuft es besser, bei den anderen schlechter. Das ist per se nicht ungewöhnlich.
Dann jedoch wird bei einem Mitbewohner klar, dass er sein Unternehmen nicht wirklich gut geführt hat (und einige weitere stehen auf der Kippe). Das entliehene Investitionskapital übersteigt den Umsatz, den das Unternehmen erwirtschaften kann. Mit anderen Worten: Das Unternehmen (oder der Mitbewohner) ist faktisch bankrott.
Was tun?
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten für die anderen Mitbewohner:
1.) Den Mitbewohner rauswerfen und seinem Schicksal überlassen.
Das wäre wohl die kapitalistischste Lösung
2.) Dem Mitbewohner noch etwas Karenzzeit lassen, (Geld) sammeln gehen und hoffen, dass der Mitbewohner das Unternehmen doch noch irgendwie in den grünen Bereich bringt.
Das wäre wohl die naivste Lösung
3.) Die unternehmerisch besten Mitbewohner schauen sich das offensichtlich marode Unternehmen des Pleite-Kandidaten an und analysieren die Gründe für den Bankrott. Danach würden rigide Regeln aufgestellt, um das Unternehmen wieder raus aus der Insolvenz in die Gewinnzone zu bringen. Der Unternehmer hätte sich diesen Regeln bedingungslos zu unterwerfen... schließlich scheint er von Unternehmensführung wenig Ahnung zu haben. Sollte er die Regeln brechen, fliegt er aus dem Europäischen Haus.
Das wäre einerseits sicherlich eine sinnvolle, andererseits eine (hoffnungsvoll) kapitalistische und leider auch (aus meiner Sicht) eine naive Lösung...
Sagen wir mal so: In dem beschriebenen Haus (also tatsächlich mit 27 Unternehmern) würde Lösung 3 vermutlich funktionieren. Der insolvente Pleitegeier würde mit der Zeit in der Tat lernen und die anderen - offensichtlich besseren Unternehmer - kopieren.
Die große Frage
Fraglich ist allerdings - bezogen auf die EU - wer tatsächlich die besseren Unternehmer seien, wer am besten mit den zweifellos aufzubringenden Milliarden-Beiträgen am besten haushalten kann und wer Griechenland wirklich nachhaltig (!) vor einem Staatsbankrott bewahren kann. Es warten ja schließlich noch weitere Kandidaten wie Portugal oder Spanien... (Nachtrag vom 12. Juli 2011: Und offensichtlich gesellt sich Italien auch hinzu...)
In meinem Kopf wabern jetzt noch unzählige Seiten Text (und Verbesserungsvorschläge für die aktuelle Lage), jedoch möchte ich Sie mit meinen idealistischen Vorstellungen nicht langweilen.
Viel Erfolg an der Börse
Tom Firley
PS: Ab morgen früh werde ich vor Ort recherchieren und Ihnen bei Gelegenheit aktuelle Informationen zukommen lassen. Mein Flieger hebt um 12.35 Uhr Richtung Griechenland ab... In den nächsten Tagen werden Sie also mit interessanten Gastbeiträgen "versorgt".
ähnliche Beiträge:
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Graf (12.07. 2011 21:25 Uhr):
Ihre Parabel gefällt mir, aber sie bleibt im System und kann die Probleme der EU-"Wohngemeinschaft" nicht lösen. Für mich ist die heutige EU mehr ein Knast, in dem man 27 Insassen versammelt hat - gegen ihren Willen. Die Probleme der EU bedürfen einer schematischen Öffnung, denn im System sind sie nicht zu lösen. Darf ich Ihnen folgende alternativen Konzepte des PERSPEKTIVE ohne Grenzen e.V. anbieten: www.d-perspektive.de/konzepte.html Beste Grüße H.-W. Graf
Antworten - Kommentar von Hartmut Grimm Georgi (12.07. 2011 23:27 Uhr):
S. g. Hr. T. Firley, geehrte MitleserInnen, ist das auch nur annähernd eine realitätsbezogene denkweise? Ich glaube nicht, denn es wird ein DENKFEHLER begangen , - jeder weiß, daß die hoch verschuldeten Mitbewohner Ihre Schulden bei anderen Mitbewohnern haben und damit ein Rauswurf tabu ist, da der Schaden für die verbleibenden bei Rausschmiss "TOO BIG TOO FAIL " ist. Alles Klar?!
Antworten