Das Ende der Welt – verschoben
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 20. August 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Das Ende der Welt – verschoben
von unserem Korrespondenten Bill Bonner
Heute frage ich mich:
Waren meine Einschätzungen komplett daneben?
Ich habe mir diese Frage jedes Jahr in den letzten 4 Jahren gestellt.
Jedes Jahr denke ich, dass das Ende der Welt kommt. Und jedes Jahr – ungefähr um diese Jahreszeit – merke ich, dass ich mich immer noch mitten drin befinde.
Nach und nach ist jede Errungenschaft der "Neuen Ära" wieder verloren gegangen. Die Friedensdividende, der amerikanische Haushaltsüberschuss, die Magie der Technologie, das Ende der Geschäftszyklen, die Eliminierung der Bärenmärkte und so weiter.
Alles, was bleibt, ist das Produktivitäts-Wunder und das offensichtlich unerschütterliche Vertrauen in den amerikanischen Kapitalismus. Die meisten Ökonomen und Investoren denken, dass eine wirtschaftliche Erholung unmittelbar bevorsteht ... und dass die Aktien immer steigen. Und dass sich die Spekulationsblasen weiter aufblähen werden.
Der Dow Jones hat zu Wochenbeginn ein neues Jahreshoch erreicht. Die Volkswirte haben ihre Schätzungen für das Wachstum des amerikanischen Bruttoinlandsproduktes erhöht. Und die Immobilienpreise haben neue Rekordwerte erreicht. Ich kann den fröhlichen Chor der Kleinanleger fast hören: Wenn das das Ende der Welt ist, dann wollen wir mehr davon!
Und dennoch, auch ich habe keinen Grund, mich zu beschweren. Der Goldpreis ist seit April 2001 um 40 % gestiegen. Und ich habe mit Aktien nichts verloren – da ich keine gehabt oder empfohlen habe.
Und ich weiß aus der Geschichte – wenn nicht aus persönlicher Erfahrung – dass keine Spekulationsblase von Dauer sein kann ... dass keine Papierwährung von Dauer ist ... und dass es keinen Boom gibt, auf den nicht ein Abschwung folgt.
Ich spekuliere nicht über das Ende des Booms des Dollarstandards. Den gibt es schon seit mehr als 3 Jahrzehnten. Aber das Ende dieses Dollarstandards wird kommen, so sicher wie der Tod, und wird mit sich das "Ende der Welt, wie wir sie kennen", bringen. Nur das "wann" bleibt noch offen. Heute sieht es so aus, als ob die Fed es geschafft hätte, das System am Leben zu erhalten ... sie hat immer mehr Spekulationsblasen aufgepumpt. Ein weiterer Sommer geht vorbei, ohne dass das "Ende der Welt" in Sichtweite wäre.
Aber jedes Jahr kommt die Saison des Dollarstandards ihrem Ende näher. Selbst die breiten Medien beginnen das zu sehen: "
"Wir Amerikaner kaufen große Mengen an im Ausland hergestellten Pfannen, Autos, CD- und DVD-Player, Fahrräder, Uhren, Regenschirme, Socken und Schuhe", so Paul Samuelson in der Newsweek. "1996 importierten die USA für jeden Dollar, den sie exportierten, Waren im Wert von 1,31 Dollar; jetzt läuft dieses Verhältnis hin zu 2 Dollar (bis jetzt liegt es im laufenden Jahr bei 1,79 Dollar)."
Samuelson schätzt, dass das amerikanische Handelsbilanzdefizit um 50 bis 100 Mrd. Dollar pro Jahr WACHSEN müsste, damit das Welthandelssystem weiterhin gut läuft. Aber das sei, so erkennt er, unwahrscheinlich ... vielleicht unmöglich.
Und so wird die größte Spekulationsblase von allen – die Dollar-Spekulationsblase – irgendwann platzen. Ich war früh genug da, um einen Platz in der ersten Reihe bei diesem Spektakel zu erhalten. Und seit 4 Jahren warte ich – Popcorn essend – darauf, dass es endlich losgeht.
Dass es losgehen wird – daran habe ich keinen Zweifel. Allerdings habe ich große Zweifel, dass es bald losgehen wird. In der Zwischenzeit habe ich allerdings Bedenken, auf die Toilette zu gehen – denn ich könnte ja etwas verpassen.