Das denkbar bullishste Szenario
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 06. Juli 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Na, bisher geht die Strategie doch auf. Immer vorsichtig weitere Positionen bei einem neuen Jahreshoch kaufen, die anschließende Konsolidierung aussitzen, und dann die Positionen bei einem neuen Jahreshoch weiter ausbauen. Der Markt ist bullish, auch wenn viele mir nicht geglaubt haben, ich viele skeptische Mails in den letzten Monaten erhalten habe, aber es geht weiter und weiter. Noch hat sich der Dax allerdings immer noch nicht von der 4600er Marke nach oben ablösen können, so dass immer noch nicht die 5000er Marke in den Focus der Anleger rückt.
Trotzdem möchte ich Ihnen heute ein wirklich bullishes Szenario entwerfen. Ich muss dabei darauf hinweisen, dass es ein "mögliches" Szenario ist, nicht eins, von dem ich so ohne Weiteres ausgehe. Schließlich habe wir noch mit einem Problem zu kämpfen, dem hohen Ölpreis. Doch was glauben Sie, wo die Märkte ständen, wenn der Ölpreis kein Thema wäre?
Wirbelstürme werden in den nächsten Wochen marktrelevant
Leider ist das nicht der Fall. Aktuell beginnt die Zeit der Wirbelstürme im Golf von Mexiko, dort befinden sich wichtige Ölförderplattformen. Es bewegen sich zurzeit zwei Stürme auf diese Region zu, die durchaus das Potential haben, zu ausgewachsenen Wirbelstürmen zu werden. Mehrer Ölplattformen wurden bereits evakuiert. Solche Nachrichten werden das Geschehen den Sommer hindurch weiter beeinflussen. Kurz nachdem die Wirbelsturmsaison vorbei ist, wird auf die Heizsaison gewettet, das Thema wird Ende August bis Ende Oktober gespielt werden.
Ölmarkt nach wie vor kaum verlässlich prognostizierbar
Wo der Ölpreis dann steht? Der Ölmarkt ist mit Abstand einer der unfreisten, manipulierbarsten, verrücktesten Märkte weltweit. Wie wir gesehen haben, können unbedachte Äußerung eines Ölministers Kursstürze und kleine Rallys auslösen. Rebellen in Nigeria können sämtliche Ölbärenträume von einer Sekunde zur anderen zunichte machen. Selbst das Wetter, ob Wirbelstürme oder kalter Winter, hat Einfluss auf den Ölpreis. Ganz abgesehen von kleinen zufälligen Unfällen auf wichtigen Transportwegen und anderen Katastrophen ...
Wer halbwegs realistisch ist und noch dazu ehrlich, wird eingestehen müssen, dass jede kurzfristige Prognose rauf, wie runter, dem Versuch gleicht, die Lottozahlen von Samstag vorherzusagen. Natürlich sind momentan die "Rauf-Prognosen" am einfachsten. Das sind sie immer, wenn sich ein derart starker Trend etabliert. Leider geht aber ein Trend auch genau dann gerne zu Ende. Andererseits funktioniert der Ölpreis, wie bereits erwähnt, etwas anders als Aktien.
Verlassen wir also diese unnützen Spekulationen um den Ölpreis. Wenden wir uns den Dingen zu, die funktionieren. In solchen Situationen, in denen ein Faktor den Markt bestimmt, der nicht zu prognostizieren ist, bleibt nur eins übrig, man entwickelt verschiedene Szenarien für alle möglichen Geschehnisse. Dann muss man nur noch den Markt beobachten, um zu erkennen, welches Szenario er gerade versucht zu spielen.
Das denkbar bullishste Szenario
Wie der Titel schon sagt, stellen wir uns mal auf die Seite des notorischen Oberbullens und interpretieren alles, was zu finden ist, durch die rosarote Bullenbrille:
Falls die Märkte wieder zulegen, kann es sein, dass Kapital aus dem Ölpreis abgezogen wird und wieder in die Märkte fließt. Sobald die Anleger in den USA wieder Vertrauen in ihre eigenen Aktien haben, kann es hier zu stärkeren Aufwärtstrends kommen. Wichtig wird die nächste Berichtssaison, die aktuell startet. Allerdings muss man dabei wissen, dass im vergangenen Quartal der Ölpreis zwischenzeitlich stark gesunken ist. Hier sind also positive Überraschungen denkbar. Diesen Faktor sollten Sie in den nächsten Wochen nicht unterschätzen.
Nun kommt ein zweiter Aspekt hinzu. Seit fast einem Jahrzehnt konnte der Dow nun immer um den Oktober herum eine beachtliche Rally hinlegen. Mittlerweile ist diese Tendenz derart verfestigt, dass es Zeit für Miss Börse ist, mal wieder eine auftauchende Regel außer Kraft zu setzten. Erste Hinweise, dass dieses Jahr ein solches "Regel-außer-Kraft-setz-Jahr" ist, war der Mai. Die alte Börsenweisheit, sell in may, go away, war in diesem Jahr eine reine Nullnummer.
Das könnte dazu führen, dass auch die Sommermonate besser als erwartet verlaufen. Wenn die Sommermonate starke Monate werden, werden die Institutionellen, die auf eine Oktoberrally setzen, schon früher gezwungen, einzusteigen. Das hätte zur Folge, dass die Rally sich nach vorne verlagert, in den Sommer hinein.
Ein wichtiger Aspekt wird dann sein, ob, durch die steigende Märkte animiert, das spekulative Geld Kapital aus den Rohstoffmärkten abzieht und in die Standard-Indizes pumpt. Der starke Dollar und die nunmehr wachsende Überzeugung, dass der Dollar auch weiterhin stark bleiben wird (die ich nicht teile) werden ein übriges tun, Gelder aus den Rohstoffen rauszutreiben.
Wenn das passiert, dann wird auch der Ölpreis darunter leiden. Sinkende Rohstoffpreise sind gut für Firmengewinne. Wenn also die Märkte steigen, kann das zu einem positiven Teufelskreislauf führen, der sich selbst bestärkt. Weitere Anleger sehen dann ihre "ach-so-sichere" Oktoberrally davonlaufen und springen auf.
Spätestens dann wäre das Allzeithoch im Dow in Gefahr. Würde das dann auch noch überwunden, wäre das ein explosives Signal.
Wenn der offizielle amerikanische Leitindex (der inoffizielle ist der S&P 500) sein Allzeithoch nach oben bricht, wäre der Bärenmarkt "offiziell" beendet. Das wäre für viele ein Mega-Einstiegsignal. Daraufhin kommt es zu einem buy off, weil nun wirklich jeder Depp in den US Markt einsteigt, einige große weiße Kerzen entstehen ... alles wird gut, die Analysten feiern sich selber und merken in ihrer Sektlaune (Champagner ist seit 2000 tabu) gar nicht, wie Ihnen der Boden unter den Füßen wegbricht.
Denn genau das wird er dann tun, wie nach jeder Übertreibung brechen die Kurse (erst einmal weg) ... rasant, brutal, und energisch!
Und erst dann, beim zweiten Versuch, diese Marke anzulaufen, würde sich entscheiden, ob dieser Bruch des Allzeithochs Bestand hat.
Gut, das ist das "denkbar bullishste Szenario". Da ich denke, dass die Märkte nun aufgrund des erneut gestiegenen Ölpreises heute wieder schwächer notieren, da ich damit rechne, dass der Dax an seinem Jahreshoch erst einmal abprallt, damit wieder ein paar Bären Gefahr wittern, kann ich dann morgen, oder in den nächsten Tagen, sofern nichts anderes weltbewegendes passiert, eventuell das "denkbar bearishste" Szenario entwerfen.
Die Wahrheit wird dann irgendwo dazwischen liegen – nach wie vor bin ich jedoch bullish, der Ölpreis lastet allerdings schwer auf meinem persönlichen Bulle/Bär Index.