Das Bruttoinlandsprodukt und der Wohlstand

in Kapitalschutz Akte zum Thema Weitere Börsenthemen
vom


von Bill Bonner

Wie viel Erde wird in den USA bewegt?

Ich habe am Montag Nachrichten aus Arizona und Connecticut erhalten. Sowohl im Westen als auch im Osten wird weniger Erde geschaufelt und bewegt.


Das Unternehmen Caterpillar – ihre Produkte werden gekauft, wenn die Leute Erde bewegen wollen – warnte, dass die Erträge nicht mehr so stark ausfallen würden, wie die Investoren gehofft hatten. Der Aktienpreis brach ein.

Ich gehe davon aus, dass der Einbruch bei den Schätzungen für Caterpillar nur ein weiterer Anteil des Drucks in der Immobilienindustrie ist. Die Bauunternehmer haben eine schwere Zeit ihre Produkte loszuwerden, deswegen kaufen sie weniger Bagger und Laster.

Jedoch nicht in Greenwich. Hier steigen die Immobilienpreise weiter.

Greenwich ist eine hübsche Kleinstadt in Connecticut. Zumindest war sie hübsch, bis die Hedgefonds einzogen. Heute ist es eine hübsch aussehende Kleinstadt, wo viele aufgeblasene, selbstverliebte Besserwisser die Parkplätze besetzen.

Hedgefonds-Manager haben dank der Beliebtheit des legalisierten Geldspiels an den Finanzmärkten und dank ihrer „Kopf, ich gewinne, Zahl, du verlierst“-Gebührenstruktur viel Geld. Also geben sie natürlich auch viel Geld für Immobilien aus.

Und wo wir gerade vom Schuttbewegen sprechen: Sie stecken ihr Geld in Paläste mit gewaltigen Parkplätzen im Untergeschoss ... mit Weinkellern ... mit bombensicheren und computerisierten Kontrollräumen. Aber alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Und jetzt berichten die Bauarbeiter sogar schon in Greenwich, dass die Zeiten ein wenig härter werden. Zuletzt sind die Bauunternehmen für Eigentumswohnungen in der Stadt dazu übergegangen, deutliche Rabatte zu gewähren – von bis zu 100.000 Dollar auf Wohnungen für eine Million – um die Ware in Bewegung zu bringen.

Geichzeitig berichtet die Arizona Republic, dass die ganze Angelegenheit draußen in der Wüste langsam vertrocknet.

„Die Leute prahlen nicht mehr damit, wie sehr ihre Häuser in einem einzigen Monat an Wert gewannen. Es gibt keine Angebotskriege für Häuser mehr. Niemand spricht mehr davon, wie man den Eigenanteil anlegen will.“

„Nein, heute beobachten die Hausbesitzer jeden Verkauf in der Nachbarschaft, und sie zucken zusammen, wenn sie die Schilder „Zu verkaufen“ zu lange in den gleichen Vorgärten sehen und sie verlieren ihre Haltung, wenn die Nachbarn die Preise senken.“

Zu dem Artikel gehörte auch ein Photo von einer Straße in Maricopa. Darauf sieht man eine Reihe mit fünf Häusern, die jeweils ein „zu Verkaufen“-Schild in den Vorgärten haben.

„Der Immobilienmarkt im ‚Valley’ geht gerade definitiv und offensichtlich durch eine Korrektur“, sagt O’Campo de Castillo, „Die Häuser werden zwar noch verkauft, aber die Preise müssen stimmen. Niemand zahlt mehr die aufgeblasenen Preise aus dem Vorjahr.“

Warum nicht? Weil es gegenüber, in Phoenix, 45.000 Häuser auf dem Markt gibt, verglichen mit 20.000 im vergangenen Oktober. Der mittlere Preis für ein Bestandshaus fiel auf 256.900 Dollar verglichen mit 263.000 im September 2005. Der Preis hatte im Juni mit 267.000 Dollar seinen Rekord erreicht.

Doch sorgt euch nicht, ihr gutgläubigen Hausbesitzer.

„Wenn sich das Angebot/Nachfrage Szenario korrigiert hat, dann werden die Preise wieder anfangen zu steigen“, schreibt John Foltz, Präsident eines Immobilienausschusses mit Sitz in Phoenix.

Dann werden natürlich auch die Bagger von Caterpillar wieder ihre Motoren starten und anfangen, Schutt zu bewegen.

Aber woher weiß Mr. Foltz denn, dass die Hauspreise wieder steigen werden? Fast 100 Jahre lang sind die Preise fast gar nicht gestiegen. Sie blieben einfach immer auf dem Niveau der Inflation. Dann sind sie in den letzten zehn Jahren mit einem Satz, der um 30% über der Inflation lag, in die Höhe geschossen (und sogar um deutlich mehr, je nachdem, wo man sich gerade befand.) Aber deswegen wissen wir ja, dass wir uns an der Spitze einer Blase befinden ... die Leute haben Wahnvorstellungen über die Bescheidenheit, sie denken, dass außergewöhnliche Hauspreisanstiege normal sind.

Wenn der Schutt bewegt wird, dann bewegt sich auch das Bruttoinlandsprodukt. Und wenn sich das Bruttoinlandsprodukt bewegt, dann denken die Ökonomen, dass die Wirtschaft wächst und dass die Leute reicher werden. Ist das auch wirklich so? Können Leute reicher werden, weil sie Schutt hin und her bewegen?

Wie viel Schutt muss man dann bewegt haben, ehe man reich ist?

Hier zeigt sich, dass das Bruttoinlandsprodukt der größte Unsinn der Finanzwelt ist.

Wenn man jemanden bezahlt, damit er ein Loch in die Erde gräbt, dann wird das Bruttoinlandsprodukt einer Nation steigen. Je größer und je tiefer man die Löcher gräbt, desto mehr wird das Bruttoinlandsprodukt steigen. Sie sehen leicht ein, warum. Man könnte eine ganze Armee von Buddlern einstellen ... eine Flotte von Caterpillar Traktoren ... Tausende von Gallonen Benzin. Wenn es eine Kleinstadt mit einer hohen Arbeitslosenquote gibt, dann könnte man das Problem ganz leicht lösen – man gräbt einfach irgendwo am Stadtrand ein gewaltiges Loch. Die Leser werden meinen, ich machte Witze. Aber ernsthafte Wirtschaftswissenschaftler haben etwas Ähnliches vorgeschlagen, und viele Arbeitsprojekte – so wie das Civilian Conservation Corps (ein freiwilliger Arbeitsdienst in den USA während der Zeit des New Deals) an dem mein Vater während der Zeit der Weltwirtschaftskrise teilnahm – sind nichts anderes.

Große Löcher bedeuten große Ausgaben, was dazu führt, dass das Bruttoinlandsprodukt steigt. Und ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts bedeutet, dass der Wohlstand der Leute zunimmt, oder nicht? Nun, wenn es wirklich so leicht wäre, dann sollte man viel häufiger sehen, wie Löcher gegraben werden. Aber es ist nicht so leicht, denn wenn man Ressourcen nimmt – Arbeitszeit, Brennstoffe und Maschinen – und sie dazu nutzt, ein gewaltiges Loch zu graben, dann ist das einzige, was man dafür als Gegenleistung erhält, ein Loch im Boden. Die Leute sind nur in dem Sinne „wohlhabender“, als dass sie, wenn sie sich ein Loch im Boden gewünscht haben, jetzt im Besitz eines solchen sind. Und so lange man nicht wirklich wollte, dass Schutt bewegt wird, könnte man den ganzen Himalaja versetzten und wäre immer noch keinen Cent reicher ... denn man hätte seinen Wohlstand dafür verschwendet, Schutt zu bewegen, anstatt Dinge zu produzieren, die man wirklich haben will.

Die Zahlen des Bruttoinlandsprodukts ergeben nur dann Sinn, wenn die Leute Produkte kaufen, um sie ihrem wahren Wohlstand hinzuzufügen. Wenn eine Stadt in Schutt und Asche gebombt wird, dann wird das Bruttoinlandsprodukt beim Wiederaufbau der Stadt steigen; aber die Menschen der Stadt stünden keinen Deut besser da. Sie stehen auch keinen Deut besser da, wenn sie bloß eine Dienstleistung gegen eine andere, gleichwertige tauschen. Es ist wie bei jemandem, der seinen Nachbarn bezahlt, damit er für ihn den Rasen mäht. Wenn er den Rasen selber gemäht hätte, würde das Bruttoinlandsprodukt gleich bleiben. Wenn er seinen Nachbarn bezahlt, damit er es tut, dann steigt das Bruttoinlandsprodukt. Wenn jemand jedoch seinen Nachbarn bezahlt, damit er seinen Rasen mäht, und gleichzeitig zahlt sein Nachbar ihn, damit er dessen Rasen mäht, dann steigt das Bruttoinlandsprodukt sogar um den doppelten Wert. Aber ist deswegen irgendwer reicher? Nein.

Aber wie steht es mit dem Mann, der seinen Nachbarn anheuert, damit er den Rasen mäht, so dass er selbst ein Baseball-Match im Fernsehen ansehen kann? Das Bruttoinlandsprodukt der Nation steigt. Dieser Mann hat Geld bezahlt, um mehr Freizeit zu haben. Sein Nachbar hat etwas aufgegeben – vermutlich Freizeit – um das Geld zu bekommen. Aber wer steht jetzt besser da?

Ich weiß es nicht ... doch die Gesellschaft, in der diese beiden Männer leben, ist wohl kaum reicher.

Das wirkliche Wühlen in den vergangenen Jahren hatte damit zu tun, dafür zu sorgen, dass die Leute bessere Häuser bekommen. Ganze Berge wurden bewegt, um Straßen, Wasser, Erschließungen und Fundamente bereitstellen zu können.

Die Folge ist doch sicherlich, dass die Leute heute besser dastehen, oder? Sie haben jetzt neuere, größere, bessere Häuser – ausgestattet mit Arbeitsplatten aus Granit. Häuser sind greifbare, nützliche Dinge. Ein Hausbesitzer kann in seinem Haus leben. Er kann es vermieten. Er kann es an seine Erben weiterreichen. Ja, das Bruttoinlandsprodukt ist gestiegen – Schätzungen, wie viel der Immobilienboom zwischen 2002 und 2006 zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen hat, variieren und liegen im Schnitt bei zwei Prozentpunkten – aber der wahre Wohlstand muss doch auch gestiegen sein ...?

Ich habe davon gesprochen, wie leicht es sein würde, die Leute reich zu machen, wenn man dazu nur Löcher graben müsste. Aber es schien keine gute Idee zu sein. Aber stellen Sie sich jetzt einmal vor, dass man dazu nur Häuser bauen müsste? Nun ... da hätte man doch am Ende etwas von wahrem Wert.

Warum haben die Politiker gezögert? Warum sind sie nicht einfach losgezogen und haben Klempner, Dachdecker, Tischler und all die Leute aus dem Baugewerbe angeheuert, überall Häuser zu errichten? ‚Gebt uns eure müden, armen und gedrängten Massen’ hätten sie zur ganzen Welt sagen können, ‚und wir werden ihnen eine Empfangshalle geben ... und Granitarbeitsplatten.’

Es gibt natürlich noch andere Dinge von Wert, nicht nur Häuser. Nehmen sie beispielsweise Autos: Wenn man den Wohlstand der Leute – und das Bruttoinlandsprodukt – steigern kann, indem man ganz einfach Produkte von Wert herstellt, warum stellt man dann nicht einfach mehr Autos her? Dicke Brummer ... Geländewagen und Trucks.

General Motors hat Probleme – genauso Ford. Und hier gibt es eine Möglichkeit, das Bruttoinlandsprodukt zu steigern ... und Ford und GM wieder zurück ins Geschäft zu bringen. Und nicht nur das, es wäre auch eine Möglichkeit, die nachlassende amerikanische Produktionskapazität wieder aufzubauen.

Fangen Sie auch schon an zu glauben, dass es einen Haken an dieser Sache geben könnte? Ich schon!

Wenn es wirklich so einfach wäre, warum sind die Sowjets dann nicht darauf gekommen? Sie hatten Fabriken. Sie hatten Arbeitskräfte. Sie hatten viele Rohstoffe. Sie hatten auch ein Bruttoinlandsprodukt ... und sie hatten Zahlen für das Bruttoinlandsprodukt, um die die Welt sie beneidete, oder wenigstens die geknechtete Welt, die an diese Zahlen glaubte. Doch anstatt die Menschen reich zu machen, machte die sowjetische Wirtschaft die Menschen arm. Dank der Zentralplanung waren die Sowjets in der Lage, ihre Wirtschaft in ein wertminderndes System zu verwandeln. Sie haben ihre Produkte fertig gestellt, und sie waren weniger wert als die Rohmaterialien, die zu ihrer Herstellung gebraucht wurden.

Was ist das Problem?

Das Problem ist, dass Wohlstand nicht wirklich an den Dingen gemessen wird – weder an den Häusern, noch an den Autos. Tatsächlich können diese Dinge den Aufbau von Wohlstand behindern, da sie Ressourcen aus Projekten abziehen, die produktiver sein würden. Ein Haus muss erhalten werden, Steuern müssen bezahlt werden, es muss geheizt und klimatisiert werden, es braucht eine Versicherung, es braucht Möbel. Ein neues Haus ist für eine Familie, die es sich leisten kann, ein Segen, für eine Familie, die es sich nicht leisten kann, ist es ein Fluch.

Bei der großen Immobilienblase von 2002-2006, wurde viel Schutt bewegt ... doch sie hinterließ ein großes Loch im wahren Wohlstand der Nation.

von
Bill Bonner
Bill Bonner

Bill Bonner ist einer der anerkanntesten Finanzexperten der USA und Bestseller-Autor. Bei uns schreibt er regelmäßig im Börsen-Newsletter Kapitalschutz Akte.


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