Das beste Mahl
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 25. April 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Zur Ranch zu gelangen ist ein Abenteuer, das ich bereits beschrieben habe. Anfangs sind das nur Sensationen – Berge, Flüsse, Staub, klapprige Brücken, Nebel, Felsen, die strahlende Sonne ... und eine sich windende und holprige Straße, die ewig lang zu sein scheint. Doch nachdem ich die Fahrt einige Male hinter mich gebracht habe, fange ich an die Muster zu erkennen.
Man verlässt das reiche, flache Land um die Hauptstadt – Salta – und dann fährt man in Richtung Westen. Es dauert ungefähr anderthalb Stunden den höchsten Punkt der Kette der Vorberge der Anden zu erreichen, die zwischen dem Tal von Calchaquies und Salta selbst liegen. Dann ist man für anderthalb Stunden auf den Hochebenen. Man fährt abwärts und sieht bald ein grünes Tal vor sich. Man ist gut drei Stunden unterwegs, wenn man die erste Stadt am Fuß des Tals erreicht.
Dann überquert man einen Fluss und einige weitere Hügel, während man sich auf den Weg durch ein anderes Tal hinauf in Richtung Westen macht. Nach ungefähr einer Stunde führt einen dieses Tal zu verschiedenen Weingütern ... und dann fährt man auf die Hochebenen am Ende dieses Tales zu, wo unsere Ranch liegt.
Schließlich erreicht man das Ranchhaus – fünf Stunden, nachdem man den Flughafen verlassen hat. Man verlässt das Auto, man atmet tief ein, damit man ausreichend Sauerstoff hat, um aufrecht stehen zu können – schließlich ist man es nicht gewohnt, auf fast 3000 Meter Höhe zu sein. Und dann bewundert man diesen majestätischen Ort. Man befindet sich in einem gewaltigen, weiten Tal (es dauert fast eine Stunde, es auf dem Pferderücken zu durchqueren) mit scharfen Bergspitzen auf jeder Seite.
Und wenn man dorthin zurückblickt, wo man gerade hergekommen ist … zurück in das Tal, in dem die Weingüter liegen … dann sieht man nur den weiten offenen Raum, mit einer Reihe violetter Berge in der Ferne und einem schneebedeckten Gipfel – den Nevada de Cachi – in der Mitte. Hier oben sind wir den Sternen näher.
Sind wir auch den Göttern näher?
Von den Göttern glaubte man immer, sie seien an hoch gelegenen Orten. Die Griechen stellten ihre Götter auf den Olymp. Auch die Inkas scheinen sich vorgestellt zu haben, dass ihre Götter die Höhe lieben. Wenn Sie ihre Kinder zum Opfer darboten, dann setzten Sie sie nordwestlich von hier aus ... wo sie erfroren und trockneten ... und wo einige von ihnen erst vor wenigen Jahren entdeckt wurden – gut erhalten über Hunderte von Jahren aufgrund des kalten und trockenen Klimas.
Und so wandere ich durch diese Bergschanzen und suche nach etwas. Was ist es? Ich bin mir nicht sicher. Aber manchmal muss man reisen, ohne ein Ziel im Kopf zu haben. Man weiß nicht immer wo man hoffte hinzukommen, aber oft endet man dort, wo man sein sollte.
Und so beginnt ein weiterer meiner Streifzüge.
Am Sonntag gingen wir zur Messe in unserer eigenen kleinen Kirche. Jede dieser Ranches hat ihre eigene Kirche. Die Ortsansässigen sind praktizierende Katholiken. Ein Priester macht seine Runde und steht der Messe hier einmal monatlich vor. Padre Rafael kam am vergangenen Sonntag.
Die Leute, die selbst auf der Ranch leben, haben die Kirche erst vor einigen Jahren gebaut. Sie ist aus Stein gebaut (Steine gibt es hier im Übermaß) und mit örtlichem Holz bedeckt (Holz ist knapp). Das gesamte Dach der Kirche ist, genauso wie der Altar selbst, aus Kakteenholz hergestellt. Cardone Kakteen sind eine geschützte Art. Aber die gewaltigen Kakteenpflanzen sind hier in der Gegend zahlreich und wenn sie absterben, dann darf man sie fällen. Es liegen viele abgestorbene Kakteen herum. So weit ich das erkennen kann sieht es jedoch so aus, als seien sie nicht alle aufgrund natürlicher Ursachen eingegangen.
Die Ortsansässigen leben in einer fast bargeldlosen Wirtschaft. Sie handeln Ziegen gegen Getreide. Sie bauen ihren eigenen Mais an und ihr eigenes Gemüse an. Sie leben hoch oben in den Bergen, ohne eine andere Möglichkeit des Transports als auf den Pferderücken und mittels ihrer eigenen tapferen Beine. Dennoch ist es ihnen irgendwie gelungen genug Geld einzusammeln, um für die Baumaterialien der Kirche zu bezahlen, die sie nicht auf der Ranch finden konnten. Es liegen Kacheln auf dem Fußboden ... es gibt Farbe an den Wänden ... und Kirchenbänke, auf denen man sitzen kann. Für all das wurde bezahlt – mit Geld. Wie haben sie das Geld bekommen? Über Jahre hat Mario, Jorges Frau, kleine Kuchen gebacken und sie auf dem Markt verkauft, der eine Stunden weit entfernt liegt. Sie haben auch Pfeilspitzen in den Bergen gefunden und diese für jeweils einen Peso an Touristen verkauft.
“Sie müssen zur Messe kommen”, erklärte Jorge, “Sie sind der neue Dueno der Ranch. Die Leute wollen Sie sehen.“
Wir sind früh an der Kirche angekommen und wussten nicht, was uns erwarten würde. Francisco hat mich dem Priester vorgestellt ... und den Gemeindemitgliedern. Padre Rafael stammt aus Spanien, als Mitglied des Augustinerordens widmet er sich der Ausbildung der Armen und der Verbreitung des Wort Gottes, so wie es von der Kirche Roms interpretiert wird. Er war entspannt und es war leicht, sich mit ihm zu unterhalten.
Die Gemeindemitglieder waren alle dunkler und kleiner … indianischer. Tatsächlich waren sie vielleicht alle reine Indianer, Nachfahren des Hualfine Stammes, der einst die Dinge hier in der Gegend in der Hand hatte. Sie waren schüchtern. Die Erwachsenen blickten uns fast widerstrebend an ... und erstaunt, als ich versuchte mich vorzustellen.
Die Kinder hingegen konnten die Augen nicht von uns abwenden. Sie drehten sich um und starrten. Niemand lächelte. Sie sahen aus als seien sie Inkas des 15. Jahrhunderts, die zum ersten Mal Europäer sehen. Das konnte, um genau zu sein, nicht stimmen. Francisco und seine Familie leben schon seit Generationen hier. Aber Francisco hat dunkle Haare und eine dunkle Haut. Auch der Lehrer, selbst wenn er europäisch ist, hat sehr dunkle Haut. Selbst Padre Rafael hat dunkle Haare, auch wenn die Haut des Hirten deutlich heller ist als die seiner Herde.
Im Gegensatz dazu müssen wir sehr seltsam ausgesehen haben.
Katholische Kirchen haben in Europa die Tendenz, fast leer zu sein. Die wenigen Leute, die der Messe beiwohnen, sind normalerweise alt und schwach und stehen so kurz davor, ihrem Schöpfer wieder zu begegnen, dass sie das Gefühl haben müssen, sie sollten sich in seine Hände geben.
Hier war es genau andersherum. Die Kirche war voller Kinder – die mehr als eine Stunde gelaufen sein müssen, um hierher zu kommen. Auch ihre Mütter waren gekommen. Eine kräftige Frau stillte ihr Kind in der Kirchenbank gegenüber. Danach schwärmte das Kind davon und rannte den Gang hinab. Andere Kinder schrieen und kreischten. Es war oft schwer, der Messen zuzuhören.
Padre Rafael schien seine Rolle als Lehrer sehr ernst zu nehmen. Er unterbrach den Gottesdienst nach fast jeder Bibellesung, um den Text auf eine Weise zu erklären, die die Leute verstehen konnten. Auch das war eine Veränderung. Ich habe einige dieser Abschnitte Hunderte Male gehört. Das war das erste Mal, dass sich jemand die Mühe machte zu erklären, wie sie in die Gesamtgeschichte passten.
Die Kinder zappelten … ein Gitarrist spielte einen seltsamen lateinischen Rhythmus um einige der Hymnen zu begleiten … der Priester erklärte ... und dann ging eine seltsame Gruppe nach vorne, um ein Baby taufen zu lassen. Die Leute waren alltäglich gekleidet, aber sie waren sauber und adrett. Die Mutter stillte ihr Kind an ihrer Brust sogar in dem Moment, in dem es getauft wurde.
Am Ende der Messe wandte sich Padre Rafael an mich und dankte mir.
“Wie Sie wissen, haben die vorherigen Besitzer der Ranch Geld gestiftet, das es ermöglichte, diese Kirche zu bauen. Die neuen Besitzer haben auch gesagt, sie würden Geld spenden, um die Kirche fertig zu bauen.“
Juanita stellte mir ihre Mutter vor. Ich war überrascht. Juanita ist erst Anfang zwanzig. Die Frau, die sie mir vorstellte sah aus als wäre sie mindestens siebzig Jahre alt ... Sie hätte ganz leicht als Juanitas Großmutter durchgehen können. Die alte Frau zögerte nicht. Sie streifte ihre Hand hinter meinen Nacken, zog mich zu sich und küsste mich auf die Wange.
Der nächste Tag begann mit unserem längsten Ausritt. Er würde den ganzen Tag dauern, also haben wir Vorräte eingepackt – Würstchen, um sie über dem Feuer zu grillen und eine Flasche Wein. Wir sind ungefähr drei Stunden geritten ... hoch, hoch und noch ein bisschen höher, über Berge, durch Täler, durch Ströme suchten wir unseren Weg durch die Felsen, quetschten uns durch gewaltige Steinbrocken, trotten entlang staubiger Pfade. Schließlich gelangten wir in ein breites Tal mit grünen Büschen und einem kräftigen Strom, der sich durch die Mitte bewegte.
“Hier haben wir früher die Rinder während der trockenen Jahreszeit hingebracht”, erzählte Jorge mir. “Hier bleibt es ziemlich grün, aber es ist sehr beschwerlich, die Rinder hier rauf zu bringen. Sie verlieren genauso viel Gewicht wie sie hier oben durch das grüne Gras zulegen. Wir verwenden es ein bisschen, aber nicht sehr viel.“
Jorge und Francisco waren schon dabei ein Feuer zu machen, als der Rest von uns erst von den Pferden stieg. Die Pferde wurden an struppige Büsche gebunden, aber dazu bestand gar nicht die Notwendigkeit. Sie waren vollständig erschöpft. Sie standen einfach da, wo wir sie stehen gelassen hatten und protestierten nicht und unternahmen auch keinerlei Versuche wegzukommen.
Edward und Henry gingen hinüber zum Fluss.
“Es gibt Forellen in dem Fluss, aber ihr müsst sie mit der Hand fangen”, sagte Francisco. Die Jungs dachten, er mache Witze. Sie sprangen von Felsen zu Felsen, um in den Wasserbecken nach Fischen zu suchen.
”Hey, hier sind zwei”, schrie Edward.
Die Jungs untersuchten die Fische … Forellen, ungefähr dreißig Zentimeter lang. Den Fischen muss aufgefallen sein, dass sie beobachtet wurden ... sie versteckten sich unter einem Felsen und wurden nicht wieder gesehen.
Also liefen die Jungs ein wenig den Fluss hinauf und suchten weitere. Dann entdeckten sie einen und verhielten sich ruhig.
„Francisco, wir haben einen Fisch gefunden“, kam Henry mit einem Bericht zurück.
Francisco ging mit Henry mit. Nach einer Weile kamen die drei zurück ... mit einer sich windenden Forelle in Franciscos Hand.
“Francisco hat den Arm ins Wasser gesteckt” erklärte Edward, sichtlich beeindruckt, “er ist nicht dem Fisch hinterhergesprungen. Er hat einfach nur die Hand unter ihn gelegt und ihn dann gepackt.“
Der Gaucho griff ein Messer von hinter seinem Rücken und schnitt den Fisch auf. Dann reinigte er ihn im Fluss. Einen Moment später brutzelte er auf dem Feuer. Und nur wenige Minuten später war er zum Verzehr bereit.
“Ich habe noch nie eine so pinke Forelle gesehen”, sagte Elizabeth, “sie sieht aus wie Lachs.“
Ich habe schon teurere Mahlzeiten gegessen, aber niemals eine bessere Mahlzeit.