Das Beispiel Argentinien
James Davidson in Investors Daily
vom 02. Juli 2003 18:00 Uhr
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Die weiterhin schwächelnde Weltwirtschaft, der fallende Dollar und eine an vielen Ecken drohende Deflation sind keine ermunternden Signale für den amerikanischen Aktienmarkt. Man kann es nicht leugnen – wir leben in einer der herausforderndsten Zeiten für Investoren seit mehreren Jahrzehnten. Anfang Juni wolle ich einen anderen Blickwinkel von der Wall Street bekommen ... und flog nach Buenos Aires. Ich war das erste Mal seit der Abwertungskrise und der "großen Depression" Argentiniens (Januar 2002) wieder in diesem Land. Ich wollte aus erster Hand wissen, wie die Leute dort mit dem größten wirtschaftlichen Kollaps seit der Weltwirtschaftskrise klarkommen. Alleine 2002 sind die Einkommen in Argentinien um 40 % eingebrochen.
Die Wirtschaftsgeschichte von Argentinien liefert Beweise dafür, dass auch reiche Länder schnell auf das Einkommensniveau von Dritte Welt Ländern fallen können. Also – selbst wenn Sie dachten, dass Argentinien Sie überhaupt nicht interessiert, sollten Sie weiterlesen.
Wenn Sie noch nie in Argentinien gewesen sind, dann empfehle ich Ihnen eine Reise dorthin. Buenos Aires ist eine schöne, kosmopolitische Stadt, die Europa und Südamerika verbindet, mit schönen Kolonialgebäuden, breiten Alleen mit Cafes, trendigen Boutiquen und Buchläden. Im Straßenbild dominieren eindeutig Leute, die von Europäern abstammen. Der demografische Mix Argentiniens wurde schließlich vor ein paar Generationen festgefroren. Das war zu der Zeit, als Argentinien aufhörte, eine der dynamischsten Volkswirtschaften der Welt zu sein. Weil Argentinien stagnierte, wurde es für die späteren Wellen der Einwanderer aus Afrika, dem Mittleren Osten und Asien unattraktiv. Eine bekannte Karikatur eines Argentiniers betont sein europäisches Erbe: "Ein Argentinier ist ein italienisch sprechender Spanier, der glaubt, dass er ein Engländer ist, der in Paris lebt."
1950 lag das Pro-Kopf-Einkommen in Argentinien beim Zweifachen des japanischen Wertes. 1970 hatten die Japaner aufgeholt – pro Kopf waren sie 30 % reicher als die Argentinier. Während die argentinische Wirtschaft um fast 2 % pro Jahr schrumpfte, boomte die japanische Wirtschaft. 1990, als die Spekulationsblase in Japan platzte, lag das japanische Pro-Kopf-Einkommen dreimal über dem argentinischen. Damit war die Situation vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf den Kopf gestellt: Damals erreichte das argentinische Pro-Kopf-Einkommen das Dreifache des japanischen Vergleichswertes. Die Argentinier schafften es nicht, in einem Dreivierteljahrhundert ihre Einkommen auch nur zu verdoppeln – während die Japaner ihre Einkommen fast um den Faktor 14 steigerten.
Viele Ökonomen glauben, dass das schwache Bevölkerungswachstum für die schwache wirtschaftliche Performance Argentiniens vor 1990 verantwortlich war. Von 1970–1990 war das Pro-Kopf-Wachstum in Argentinien negativ. Eine schrumpfende Wirtschaft zieht keine Einwanderer an, was die Wirtschaft noch schwächer macht.
Wenn Argentinien ein Maßstab ist, dann sind die Sorgen wegen der Kreditkartenschulden in Nordamerika wahrscheinlich übertrieben. Denn trotz der Tatsache, dass die Armutsquote in Argentinien über alles gestiegen ist, was man sich in Nordamerika vorstellen kann – kein Wunder angesichts des 40 %igen Einbruchs der Pro-Kopf-Einkommen im letzten Jahr – sind die Kreditkartenschulden weiterhin so ziemlich das einzig Verlässliche in den Bilanzen des argentinischen Bankensystems.
Die Unternehmen verschulden sich nicht mehr. Selbst Gesellschaften, die Verluste machen, horten Berge von Bargeld. Der Hypothekenmarkt wurde durch den Einbruch der persönlichen Einkommen zerstört, was bedeutet, dass sich die meisten Leute, die eine Hypothek zum Hauskauf wollen, nicht mehr dafür qualifizieren können. Und dennoch werden die Kreditkartenschulden weiterhin bezahlt. Beeindruckend.
Bis Januar 2002 war der argentinische Peso an den Dollar gebunden. Wegen dieser Bindung war ein Peso ein Dollar wert, und das hinderte die argentinische Regierung daran, einfach Geld zu drucken.
Im Gegensatz zur Ansicht der Kritiker scheiterte dieses System nicht. Diese Bindung des Peso an den Dollar hätte ewig weitergehen können. Sie wurde nur wegen ideologischer Überzeugungen aufgegeben. Eine große Zahl von Ökonomen – und andere Leute, die sich einmischten, wie der ehemalige US-Finanzminister Paul O'Neill – verkündete laut, dass die strikte argentinische Geldpolitik die Wirtschaft behindere. Die lokalen argentinischen Politiker nahmen diesen impliziten Rat, eine laxere Geldpolitik durchzuführen, bereitwillig auf. Aber im Gegensatz zu den Erwartungen führte das nicht zu einer prosperierenden Wirtschaft. Die realen Löhne fielen nach der Abwertung – denn das war die Aufgabe der Bindung des Peso an den Dollar – um 40 %. Und die offizielle Armutsrate, die im Dezember 2001 bei 38,5 % gelegen hatte – was schon hoch ausgesehen hatte – schoss auf 58,5 %. Autsch.
Die "Experten" hatten falsch gelegen. Sie hatten die Geschichte der fehlerhaften argentinischen Politik vergessen, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt hatte. Darunter die schlimmste Inflation in Friedenszeiten – mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 127 % pro Jahr zwischen 1960 und 1994! Um klarzumachen, was das bedeutet: Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Argentinier und hätten 1960 ein Vermögen von 1 Million gehabt. 1994 wäre dann davon real 1/13 Cent übrig geblieben.
Warum?
Wie konnte ein solches Desaster in einem reichen Land passieren? Ich kann nicht vorgeben, mehr als ein ausländischer Beobachter zu sein, wenn es um die Geschichte von Argentinien geht. Dennoch habe ich meine Theorien. Ich sehe die wiederholten Krisen der argentinischen Wirtschaft und ihren langfristigen Abstieg aus den Reihen der reichsten Länder der Welt als die Konsequenz der fortgesetzten Bemühungen einer Einkommensumverteilung.
Sie werden bemerkt haben, dass die Idee einer Einkommensverteilung kaum eine argentinische Erfindung ist. Die USA und alle Volkswirtschaften mit hohen Einkommen haben demokratische politische Prozesse, die garantieren, dass diejenigen mit geringeren Einkommen unterstützt werden. Die Logik ist einfach. Die Wählerstimmen sind gleich verteilt unter Armen und Reichen. Geld und die anderen guten Dinge des Lebens jedoch nicht. Deshalb der Reiz der Einkommensumverteilung. Aber die Frage bleibt – warum hat eine solche Politik in Argentinien so desaströse Folgen gehabt, und in anderen Ländern nicht?
Ich denke, dass die Antwort in der Tatsache begründet liegt, dass der Anteil der Reichen an der Gesamtbevölkerung in Argentinien in der Mitte des 19. Jahrhunderts größer war als in den USA oder Kanada – aber dass der Anteil der Mittelklasse geringer war. Anders als die USA oder Kanada gab es in Argentinien niemals eine große Tradition von Kleinbauern. Und das lag nicht daran, dass es nicht genug Land gegeben hätte. Die argentinischen Pampas – ein Gebiet, das 50 % größer ist als Frankreich – enthalten einige der fruchtbarsten Ländereien der Welt. Kein Wunder, dass Argentinien einst als "Bäckerei der Welt" bekannt war. Aber in Argentinien wurde das Land in großen Besitztümern konzentriert, während das Land in Nordamerika in relativ kleine Parzellen für einzelne Farmer aufgeteilt wurde.
Vor einem Jahrhundert war es nicht ironisch, zu sagen "reich wie ein Argentinier". Viele Argentinier waren reich. Man kann eine Gegend, die 50 % größer als Frankreich ist, schon in ein paar schöne Großgrundbesitze einteilen. Konsequenterweise waren die Reichen in Argentinien zu Ende des 19. Jahrhunderts eine relativ zahlreiche Gruppe – ihr Prozentsatz an der Bevölkerung war größer als der der Amerikaner, die Industrie Tycoons wie Rockefeller wurden.
Ich habe keinen Zweifel daran, dass es politisch gesehen zu bevorzugen ist, eine größere Mittelklasse zu haben. 1900 lag das Pro-Kopf-Einkommen in Argentinien auf dem Niveau von Kanada – wie es auch schon 1870 gewesen war. In beiden Ländern lag diese Kennziffer nicht weit unter dem Wert der USA. Das Wahlrecht in Argentinien war auf die besitzende bzw. steuerzahlende Klasse beschränkt, und die gewählten Regierungen verfolgten eine Politik der freien Märkte. Das argentinische Pro-Kopf-Einkommen stieg zu dieser Zeit. Von 1900 bis 1913 wuchs die argentinische Wirtschaft um reale 37,8 %.
Was kann man nun also vom Beispiel Argentiniens lernen? Wahrscheinlich ist die dringendste Lektion die, dass eine große Mittelklasse politisch stabilisierend und erstrebenswert ist. Aber Bemühungen, die Mittelklasse künstlich durch Einkommensumverteilungen zu vergrößern, sind nicht wirtschaftlich stabilisierend und wünschenswert. Die Geschichte zeigt, dass die Krisen in Argentinien gerade dann aufkamen, als die Politik eine größere Mittelklasse kultivieren und fördern wollte.