Das Aus für den Euro?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 01. Juni 2005 18:00 Uhr
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Das Aus für den Euro?
Sind wir schon im Sommerloch? Haben die Medien nichts mehr anderes zu berichten? Als ich heute hörte, dass nun sogar die Abschaffung des Euros "diskutiert" wird, ist mein Kopf dann doch noch auf die Schreibtischplatte gefallen und nun habe ich leichte Kopfschmerzen.
Das riecht mir alles nach Panik. So einen Blödsinn habe ich selten gehört. Doch auch die Art dieser Meldung ist mal wieder typisch: Volkwirte sollen im Beisein von Bundesbankchef Axel Weber und Finanzminister Hans Eichel über ein mögliches Scheitern der EU und damit auch des Euro gesprochen haben (laut Handelsblatt).
Hört sich dramatisch an, oder? Wenn aber irgendein Volkswirt die Frage an Herrn Weber und Hans Eichel gestellt hat, ob die Abstimmungen in Frankreich und den Niederlanden zu einem ein Scheitern der EU führen könnte, dann wurde über dieses Thema "gesprochen". Unabhängig davon, was die beiden Herrn anschließend wirklich dazu gesagt haben. Aber solche Nachrichten sind typisch für Übertreibungsphasen. In solchen Fällen regiert die Angst. Und Angst ist bekanntlich die schlechteste Ratgeberin gemeinhin.
Mich erinnert das an: "Ölpreis auf 100 Dollar!!!" oder März 2003: "Dax bald dreistellig?" oder August 2004: "Dax verlässt Seitwärtsbewegung nach unten, kommt der Crash?"
Und wir Trader werden durch diese Nachricht von einem Stimmungshoch ins nächste Stimmungstief gestoßen, von Euphorie in Panik und zurück. Achterbahn!
Die einsame Insel
Stellen Sie sich vor, Sie wären in den letzten drei Jahren auf einer einsamen Insel verschollen gewesen. Stellen Sie sich weiter vor, Sie hätten keine Nachrichten gehört, Sie hätten nichts von außen mitbekommen, wüssten nichts über einen Irakkrieg, noch von hohen Rohstoffpreisen, Staatsverschuldung wäre fast zu einem Fremdwort geworden. Aber Sie sind ein leidlich guter Charttechniker, zumindest haben Sie schon davon gehört, was ein Chart ist und haben schon miterlebt, wie sich so ein Chart entwickelt.
Nun kommt ein ziemlich verstörter Trader zu Ihnen auf die Insel, zufällig. Verstört, weil er nicht begreift, wie alles steigen kann, obwohl alles so düster aussieht. Vor dem drohenden Crash ist er auf Ihre Insel geflüchtet. Vom Schwimmen außer Atem hält er Ihnen wortlos den Dax Chart der letzten drei Jahre vor Augen.
Ich glaube, Sie würden folgendermaßen reagieren:
Ach wie schön, meine Lieben und Verwandten in Deutschland scheint es ja richtig gut zu gehen. Das sieht doch alles prima aus. Und offenbar noch keine Anzeichen von Schwäche, sogar das letzte Mehrjahreshoch wurde nach oben gebrochen. Alles steigt, die Konsolidierungen gehen nicht sonderlich tief, die Umsätze sind noch nicht übertrieben, offenbar herrscht noch keine Euphorie.
Deutschland muss ein glückliches Land sein? Der nun endlich zu Atem gekommene, verstörte Trader würde wild umherspringen: "Nein, nein, es sieht alles ganz anders aus, alles geht den Bach runter, das Ende naht, alles geht in die Grütze, deswegen bin ich hier auf die Insel geflohen."
Was läuft hier falsch?
Es sind die Nachrichten, die Medien, die uns verrückt machen. Medien brauchen Schlagzeilen. Schlagzeilen, die Sie verleiten, diese aktuelle Zeitung zu kaufen, oder das Zappen zu unterbrechen, um dann auch noch die Werbung zu schauen.
Und eine Nachricht: "Das Aus für den Euro?" wird Sie sicherlich dazu verleiten, weiter zu lesen. Und hat es vielleicht gerade getan.
Das ist alles.
Nicht umsonst empfehlen einige der besten Trader unserer Zeit, keine Nachrichten mehr zu hören! Das ist sicher ein guter Tipp. Noch besser ist der Tipp, sich zu schizophrenieren.
Lassen Sie sich anstecken von den Medien, bilden Sie sich eine Massenstimmungsmeinung. Geraten Sie in Panik! Dann müssen Sie nur noch aus sich heraustreten und sich anschauen: "Aha, ich gerate gerade in Panik, mein Herz schlägt schneller, alles in mir schreit danach, sofort alles zu verkaufen und Short zu gehen!" Gut, also kaufe ich genau jetzt meine erste Long-Position!
Am Anfang werden Sie das kaum hinkriegen, aber mit ein wenig Übung und der Erfahrung, dass Sie so sehr häufig (natürlich nicht immer) fast perfekt eingestiegen sind, wird es immer einfacher, gegen jede eigene "Vernunft" zu handeln.