Das amerikanische Syndrom
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 20. Mai 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Hinweis in eigener Sache: Dieser Artikel ist ein "Klassiker" von Bill Bonner, der bereits am 9. Februar 2001 das erste Mal veröffentlicht wurde – aber auch heute noch brandaktuell ist!
Der Volkswirt Anthony Chan traf sich Privat mit Alan Greenspan und den sonstigen Fed-Größen. Nach dem Treffen wurde er von einem Journalisten gefragt: "Sagen Sie mir, wie es war ... und haben Sie etwas lernen können, was Sie vorher nicht wussten."
"Nun", sagte Chan, "wenn ich Ihnen das sagen würde, oder diese Frage beantworten würde, dann müsste ich Sie töten."
- The Washington Post
Das TIME-Magazin gibt seinen Lesern Rat, wie man durch die derzeitige magere Phase durchkommen könnte, um dann wieder mit Aktien Geld verdienen zu können: "Stellen Sie größere Käufe – wie Autos – zurück, und versuchen Sie, ein Bargeld-Polster zu bilden, das Ihre Ausgaben von ungefähr 3 Monaten abdeckt."
Dieser Rat hat einen kleinen Nachteil: Wenn alle TIME-Leser diesen Rat befolgen würden, dann würde das fast sicher eine Rezession hervorrufen. Das ist der Grund, warum der Fed-Gouverneur Robert McTeer den gegenteiligen Rat gibt: Kaufen Sie ein neues Auto.
Der private Verbrauch repräsentiert 2/3 der US-Wirtschaft. Konsum hängt von Konsumausgaben ab. Und in den USA hängen die Konsumausgaben vom Schuldenmachen ab. Die Amerikaner geben bereits jetzt alles aus, was sie verdienen – und manchmal noch etwas mehr.
Dr. Kurt Richebächer schreibt: "1998 lief alles, sowohl die US-Wirtschaft als auch ihr Finanzsystem, komplett außer Kontrolle. Seit dem vierten Quartal dieses Jahres sind die persönlichen Sparraten von 244 Mrd. Dollar auf akuell (negative) 56 Mrd. Dollar gefallen. Das US-Leistungsbilanzdefizit hat sich zwischen 1990 und 1997 von 77 Mrd. Dollar auf 140,5 Mrd. Dollar vergrößert. Im 3. Quartal 2000 betrug es – aufs Jahr hochgerechnet –450 Mrd. Dollar."
Wenn die amerikanischen Konsumenten plötzlich beginnen sollten, wie ihre japanischen Gegenstücke zu handeln, dann würde das einen "Teufelskreis" mit unangenehmen Effekten in Gang setzen. Wenn sie ihre Ausgaben zurückfahren würden, dann würde das einen Rückgang der Umsätze bedeuten, was zu niedrigeren Gewinnen führen würde. Niedrigere Gewinne werden zu Entlassungen führen, und geringerer Expansion. Das würde weniger Geld in die Hände der Konsumenten bringen. Und es würd in- und ausländische Investoren dazu veranlassen, US-Aktien zu verkaufen ... was den "Reichtumseffekt" in den Teufelskreis einfügen würde ... und den Konsumausgaben "Kollateralschaden" zufügen würde, und auch den Investitionsausgaben.
Der gesamte Effekt ist in der Literatur der Wirtschaftsgeschichte mit folgendem Begriff bezeichnet: "Die große Depression".
Was war so groß an dieser "großen Depression", also der Weltwirtschaftskrise, die 1929 begann? Nun, man konnte in Manhattan in die besten Restaurants ohne Reservierung gehen, und man bekam einen Tisch. Man konnte ein Auto kaufen, ohne dass man auf eine Warteliste gesetzt wurde. Eitelkeit war billiger geworden. Man brauchte nicht viel Geld, um sich überlegen zu fühlen. Ein Mann mit so wenig wie 1 Million Dollar in einer solventen Bank konnte sich wie ein riesiger Star fühlen.
"Die Leute machen sich zuviel Sorgen über ihr Geld", so mein Freund Francois gestern. "Das ist verrückt." Vielleicht gehört es zu den großen Dingen der großen Depression, dass die Leute weniger Geld hatten, um das sie sich Sorgen machen mussten.
Aber alles hat seine guten und schlechten Seiten. Während der Weltwirtschaftskrise gab es schließlich auch wirklich harte Armut.
Könnten wir eine neue Depression bekommen, groß oder nicht so groß? Das ist fast unvorstellbar.
Warum nicht? "Weil sich der Charakter unserer Volkswirtschaft geändert hat", werden Volkswirte antworten. "In den 1930ern wurden Institutionen gegründet, die als Sicherheitsnetze fungieren, um die Leute vor katastrophalen Verlusten zu beschützen. Und die Fed weiß jetzt, wie man den Kreditzyklus managen kann."
Die Illusion bei deren Gründung: Technologie und rationales, zentrales Planen könnten Unsicherheit eliminieren. Soziale Regierungsprogramme würden das Chaos der Tradition und der Kultur ersetzen, so die Planung. Die wirtschaftlichen Zyklen könnten unter Kontrolle gebracht werden. Die Fed würde die Währung und die Zinsen kontrollieren, um die Stabilität der Märkte zu gewährleisten.
Jetzt der Sprung ins neue Millennium: Heute setzt z.B. Alan Greenspan per Deklaration das Niveau fest, zu dem die Banken Geld leihen können – anstatt den Markt über die Zinssätze entscheiden zu lassen.
Anstatt die Leute für sich selbst Vorsorge treffen zu lassen – was Sparen notwendig machen würde – haben die Regierung und die Zentralbank die Illusion eines großen Regenschirms gefördert, der die Öffentlichkeit vor jedem Risiko beschützt. Seit der Roosevelt-Ära glaubt man in den USA, dass es immer viele Jobs geben wird ... immer viel Geld, viele Kredite, viel Essen und viel Benzin ... viel von allem ... solange diese Programm nur fortgeführt wird.
Die Amerikaner werden durch die Handlungen der Fed nicht enttäuscht werden. Die Fed wird ihre Versprechen einlösen. Sie wird die Zinsen senken. Sie wird das Geldangebot erhöhen. Und auch die Hypothekenbanken stehen bereit. Wie Dr. Kurt Richebächer anmerkte: "Wenn sich der Kreditmarkt verknappt, dann greifen sie ein und schaffen Liquidität. Erst vor kurzem hat die Hypothekenbank Freddie Mac angekündigt, dass sie damit rechnen, zur Finanzierung ihres Geschäftes Anleihen im Volumen von 90 Mrd. Dollar herausgeben zu wollen, was einem 25 %igen Wachstum entspricht!"
Die von Roosevelt gegründete Maschine steht bereit, vorbereitet, ihren Teil zu übernehmen ... nämlich die wichtigsten Schuldner der Welt vor dem Schicksal, das sie verdienen, zu beschützen und zu verteidigen.
Aber wird dieser Schutz funktionieren? Kann man die Wirtschaftslage verbessern, wenn man die eigene Währung zerstört? Kann man reich werden, wenn man über seine Verhältnisse lebt? Kann die US-Zentralbank wirklich zur Schaffung von neuem Reichtum ermutigen ... indem sie der Öffentlichkeit faule Äpfel anbietet?
Bleiben Sie dran ...