Das alles ist vielleicht gar nicht so schlecht...
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 11. März 2009, 12:00 Uhr
ENL5454
*** Am 6. Februar hatte ich hier im Trader´s Daily im Beitrag „unerträgliches Verhalten" den ehemaligen CEO von Lehman Brothers kritisiert. Über dessen Verhalten hatte ich mich wirklich geärgert, damals schrieb ich:
„Ähnlich daneben der CEO von Lehman Brothers. Bekanntlich ging auch dieses Brokerhaus Pleite (Traders Daily-Leser/innen waren rechtzeitig gewarnt, die KfW hingegen nicht). Der CEO mit Namen Dick Fuld genehmigte sich ein Gehalt von 25.000 Dollar PRO STUNDE. Und schaffte es, das Unternehmen gegen die Wand zu fahren (dabei hatte Lehman Brothers sogar die Weltwirtschaftskrise überlebt). Selbstkritik? Keineswegs. Es seien die „Shortseller" Schuld gewesen! Ich finde: Geistige Gehaltsstufe Null."
Nachtrag dazu:
Im aktuellen SPIEGEL geht es in der Titelgeschichte genau um besagten Dick Fuld und Lehman Brothers. Die letzten Wochen und Tage dieses Brokerhauses sind spannend wie ein Krimi aufbereitet worden. Kann Ihnen die Lektüre nur empfehlen!
(Dick Fuld wurde mir nach dem Lesen des Artikels übrigens keineswegs sympathischer.)
*** In der SPIEGEL-Titelgeschichte wird die Tatsache, dass der amerikanische Staat Lehman Brothers nicht gerettet hat, als „Jahrhundertfehler" bezeichnet
Das sehe ich anders (so sehr ich die super Aufbereitung der Lehman Pleite durch den SPIEGEL auch bewundere). Die Pleite von Lehman Brothers war meiner Ansicht nach keineswegs der Auslöser der aktuellen Krise - eher deren Symptom.
Das grundlegende Problem war doch die Tatsache, dass hemmungslos Hypotheken vergeben wurden, auch an nicht solvente Käufer, und zwar wurden Kaufpreise zu 100% finanziert (und manchmal sogar zu über 100%!). Die Hypotheken wurden gebündet und weitergereicht, und es war doch klar, dass das nicht gut gehen kann, wenn a) die Immobilienpreise fallen und/oder b) die Häuslekäufer ihre Hypotheken nicht mehr bedienen können.
Und ich fand es durchaus konsequent und auch erfrischend offen, dass der US-Finanzminister nicht Steuergelder einsetzen wollte, um die Fehler eines arroganten und offensichtlich unfähigen CEO (eben Dick Fuld) auszubügeln.
Und ich denke, eine Katharsis ist notwendig. Ein reinigendes Gewitter.
Diese Auswüchse müssen in der Krise beseitigt werden. Da müssen die USA (und voraussichtlich wir Europäer auch) nun eben durch. Das ist eben der Kater, der in Kauf genommen werden muss, wenn man sich betrinkt.
Und gibt es nicht auch positive Entwicklungen, die wir gerade sehen?
In den USA sparen die Bürger inzwischen wieder. Das ist ein „fast unbekanntes Phänomen" - denn „der Amerikaner an sich" ist eher dafür bekannt, dass er für das Shopping seine Kreditkarten ausreizt.
Zu was diese wachsende persönliche Verschuldung geführt hat, haben wir ja gesehen (Unfähigkeit, die Hypotheken zu bedienen.)
Und was sehen wir jetzt?
Die Amerikaner sparen wieder. Im Januar sparte der durchschnittliche Amerikaner rund 5% seines Einkommens
Mit Mitteleuropa verglichen ist dies zwar nicht besonders viel (hier werden traditionell rund 10% des Einkommens gespart) - aber für die USA ist das ein durchaus hoher Wert!
5% des Einkommens Sparen....einen so hohen Wert gab es in den USA seit 1995 nicht mehr.
Eine gesunde Entwicklung, finde ich: Hoch verschuldete Verbraucher fahren den Konsum ein bisschen zurück, um alte Schulden zu tilgen bzw. sogar ein bisschen zu sparen.
Natürlich lässt das kurzfristig die Wirtschaftskraft schrumpfen. Aber ist es so nicht gesünder, als wenn weiter „auf Pump" konsumiert würde?
Oder nehmen wir das US-Handelsbilanzdefizit. Die Krise hat dazu geführt, dass die Importe der USA zurückgegangen sind
Das ist kurzfristig natürlich gar nicht gut für die Nationen, welche die Importwaren liefern.
Doch es hat dazu geführt, dass das amerikanische Handelsbilanzdefizit seit Sommer 2008 um rund ein Drittel zurückgegangen ist. Und ist das nicht notwendig, dass ein Staat, der erheblich mehr Waren einführt als er ausführt, dann eben einfach mal weniger einführt? Kann es danach nicht zu einem gesünderen neuen Aufschwung kommen?
Da ich das so sehe, kommt bei mir keineswegs Katastrophenstimmung auf. Wie gesagt, reinigendes Gewitter, würde ich sagen. Wer hat da schon Lust drauf? Aber es ist wohl notwendig.
Mit herzlichem Gruß
Ihr
Michael Vaupel