Daimler und das Groschengrab
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Dax 30
vom 21. Februar 2007 07:30 Uhr
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Erinnern Sie sich noch an diesen Jokus aus den 70ern ... ein Sarg, auf den man eine Geldmünze legen musste, damit ein Totenkopf hochklappte und eine Knochenhand die Münze in die Tiefe des Sarges zog? Da hatte jemand den Begriff „Groschengrab“ in einen amüsanten Schnickschnack umgesetzt, der sich gut verkaufte.
Die Geschichte zwischen Daimler und Chrysler erinnert mich unwillkürlich daran. Daimler legte Münzen, Chrysler zog sie in die Tiefe ... und sie waren nicht mehr gesehen. Im Gegensatz zu der originellen Spardose, die man natürlich öffnen und das Geld wieder entnehmen konnte, sind die Milliarden, die Daimler in Chrysler steckte, einfach nur weg.
Damals teuer eingekauft, Milliarden erfolglos investiert und nun tatsächlich zum Verkauf gestellt. Die „Hausbank“ übersende dieser Tage die erforderlichen Unterlagen an die Interessenten. Ha, ob da allzu viele Briefmarken für nötig sind? Ich bin ja mal gespannt, ob sich da jemand findet, der mehr auf den Tisch legt als einen symbolischen Euro, wie einst beim Neue-Heimat-Verkauf (o.k., da war es noch eine Mark).
Und ich bin mal sehr gespannt, wann für die Daimler-Aktionäre der Aschermittwoch beginnt wenn erst einmal deutlich wird, welchen Rattenschwanz sich Daimler da aufgehalst hat, der noch nachwirken wird, wenn Chrysler verkauft ist. Dann lauten die Quartalsberichte immer „wenn man die Sonderbelastungen herausrechnet hat das Unternehmen operativ...“. Als wenn Sonderbelastungen in heißer Luft statt in harten Euro abgerechnet werden. Wer weiß, ob der Konzern nicht sogar noch was drauflegen muss, damit jemand das marode Unternehmen überhaupt nimmt.
Damals klasse, heute super ...
Bislang finden die Aktionäre das Ganze grandios. Ebenso grandios, wie sie 1999 die Chrysler-Übernahme fanden. Außer gestern ... siehe Chart. Der Chart sieht mit seinen Sprüngen ohnehin schon reichlich wackelig aus. Aber gestern kam dann auch noch ein „bearish engulfing pattern“ hinzu, d.h. der Kurs eröffnete über dem Vortagshoch und schloss unter dem Vortagstief. Noch kein unmittelbares Verkaufssignal ... aber ein Warnzeichen. Ursache soll, so wird kolportiert, ein Artikel im „Barron’s“ sein, in dem bezweifelt wird, dass Daimler für sein Groschengrab so leicht einen Käufer finden würde. Wenn das wirklich der Grund ist, packt mich das Entsetzen. Denn das würde ja bedeuten, dass auch nur irgend einer, der bei diesem Kurssprung der Aktie um in der Spitze 14% eingestiegen ist, eben dies geglaubt hat: Dass sich die Welt darum reißt, ein marodes Unternehmen zu übernehmen (das aus dem Land der tollen Produktivitätssteigerungen stammt, mit seiner Hochtechnologie und den flexiblen Arbeitskräften, laut Notenbankchef Bernanke), bei dem selbst ein Topkonzern wie Daimler letztlich alle Viere von sich strecken musste.
Damals schoss DaimlerChrysler nach oben – sie sehen es im Chart, der alle Kurse der Aktie seit ihrem Start als DaimlerChrysler in 1999 zeigt. Dann ging es rapide bergab. Nicht zuletzt die Quittung für das, was vorher noch alle super fanden. Nun schießt der Kurs erneut nach oben. Wann kommt jetzt der Katzenjammer? Noch sieht man nur das Geld, dass Daimler nun im Kässchen behalten darf, anstatt es Chrysler in die Knochenhand zu legen. Aber welche Kosten diese Scheidung mit sich bringen wird ... das lässt sich bislang nicht ermessen. Klar ist nur: Das scheint bislang keiner sehen zu wollen.
Die Aktie steckt nun in einer charttechnischen Widerstandszone zwischen 55 und 58 Euro. Der langfristige Aufwärtstrendkanal seit 2003 wurde bereits in dieser Rallye durchbrochen. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, dass die Aktie in der momentanen Situation noch viel Potenzial hat, wirklich nicht. Aber ... was weiß ich schon, um mit Bill Bonner zu sprechen.
Von Kernkompetenz zum Multitechnologiekonzern ... und wieder zurück .. und ...
Es ist immer wieder das selbe Spiel. Wenn es den Großunternehmen zu gut geht, wird Unfug getrieben. Erst Chrysler rein – hurra – dann wieder raus – hurra. Schlau. Auf die Kernkompetenzen konzentrieren. Erinnern Sie sich noch, als der unvergessene Edzard Reuter damals AEG zu Daimler holte mit dem Argument, einen Multitechnologischen Weltkonzern aufbauen zu wollen? Damals rief auch alles hurra. Das ist das Gegenteil von „Kernkompetenzen“. Aber wen kümmert’s? Dann wurden die Rosinen herausgepickt und der Rest des AEG-Kadavers verschleudert.
Nachdem sich herausstellte, dass auch viele der Rosinen nicht süß schmeckten, wurden diese auch schnell von Bord geworfen – nicht immer mit Gewinn – und am Ende wurden die Reste von AEG 1996 beerdigt. Dann kam die Sache mit Chrysler, und das Theater ging unter anderem Vorzeichen wieder von vorne los. Kein Multitechnologischer Weltkonzern, sondern ein Weltkonzern mit konkreter Ausrichtung auf Kernkompetenz sollte es nun werden.
Ja, derartige Kehrtwenden kommen schon mal vor ... und niemanden scheint dies zu stören. Siehe BMW: Rover rein, Milliarden weg, Rover raus und alle sind fröhlich. Beim Einkauf ebenso wie beim Verkauf. Die Telekom gliedert T-Online aus und dann wieder ein. Weise und durchdacht. Siemens gliedert Epcos und Infineon aus, nimmt dadurch Milliarden bei den Aktienemissionen ein ... und so sind es gleich drei verschiedene Aktien, die ab 2000 den Gang in die Tiefe antreten.
Ich habe den Eindruck, wenn man nur genug Zuversicht in den Blick legt und glücklich lächelt, kann man an den Börsen immer noch Blei für Gold verkaufen. Natürlich sind alle diese Aktionen vom guten Willen und der Absicht, das Projekt gelingen zu lassen begleitet, damit wir uns da nicht missverstehen. Aber das ist keine Garantie, dass es auch so kommt. Und nicht selten kann jeder, der einen skeptischen Blick von außen auf diese Geschehnisse wirft, auch als Nicht-Konzernführer erkennen, dass hier einige eventuell den Überblick verloren haben könnten.
Pausen in diesen planlosen Aktionen entstehen immer nur dann, wenn – und das geschieht regelmäßig - der Schleier fällt, der die vorherigen Fehlentscheidungen und ihre Folgen sanft überdeckt hatte. Ich weiß nicht, wann man an der Börse für Daimler wieder zur Sachlichkeit zurückkehrt ... aber mit den nun gestarteten Versuchen, Chrysler an den Mann zu bringen, könnte das bereits begonnen haben.

