Cui bono?
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 24. Januar 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Trader's Daily-Leser Georg M. schreibt mir:
"Von der Deutschen Bank habe ich vor 1 Monat eine nette Hochglanzbroschüre über die Markteinschätzung 2006 bekommen, in der die für mich überraschende Erwartung zu lesen war, daß der Ölpreis auf ca 50 Dollar fallen solle. Stattdessen steigt er – mal wieder – und dieses Ziel scheint eher weit daneben zu liegen. Nun meine Frage: kann es sein, daß die Deutsche Bank durch 'unsere' Fehlkäufe (Put oder Short-Zertifikate usw.) mehr verdient, als der geschädigte Ruf an Einbussen bringt? Oder vermute ich hier falsch? Stehen Emmitenten von Hebelprodukten nicht durch korrekte (veröffentlichte) Markteinschätzungen ihrer eigenen Rendite im Weg?"
Meine Antwort:
Freut mich, dass sich der Leser genau wie ich die grundsaetzliche Frage stellt: "Cui bono"? = Wer hat durch eine entsprechende Aussage einen Vorteil?
Diese Frage ist im Investment-Bereich immer sinnvoll!
Zum konkreten obigen Fall kann ich zwei Punkte anmerken:
1.) Ueber Markterwartungen laesst sich wie ueber jede Prognose immer streiten, vorab gibt es da kein "richtig oder falsch". (Allerdings unter uns meine ganz persoenliche Meinung: Ich halte die Prognose eines in diesem Jahr FALLENDEN Oelpreises fuer voellig daneben.)
2.) Die Deutsche Bank (oder jeder andere Emittent) verdient durch unsere "Fehlkaeufe" nichts (vom "Spread" = Differenz zwischen An- und Verkaufskurs) und Transaktionsgebuehren einmal abgesehen). Das liegt daran, dass sich die Emittenten von Zertifikaten risikoneutral positionieren. Wenn Sie Short-Zertifikate verkaufen, dann gehen Sie am Terminmarkt eine entsprechende Gegenposition ein, in der Fachsprache heisst das "Hedgen". Da die Risiken voll abgesichert werden, spricht man hier von einem "perfect hedge". Der Emittent eines Oel Short-Zertifikats profitiert also nicht davon, wenn der Oelpreis steigt, da er eine Gegenposition eingegangen ist, die das genau kompensiert.
Es gibt allerdings eine nicht ganz unwichtige Ausnahme ... eigentlich wollte ich jetzt darauf zu sprechen (bzw. schreiben) kommen, aber mir laeuft gerade die Zeit davon ... (heute geht mein Flug zurueck nach Deutschland, deshalb gibt es morgen auch keinen Beitrag von mir, da unterwegs). Ich werde darauf zurueckkommen, wahrscheinlich Ende dieser Woche.
Viele Gruesse,
Michael Vaupel