„Contango“ und „Backwardation“
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 10. Oktober 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Trader´s Daily-Leser Jürgen K. schreibt mir:
“Ich habe eine Frage, die Sie vielleicht beantworten, vielleicht aber auch sagen, diese wird nur beantwortet, wenn ich Ihren kostenpflichtigen Börsenbrief abonniere - auch dafür habe ich Verständnis. Ich bin - Maximum - ein Hobbytrader und deshalb auch - und so konnte ich nur mein gesamtes Wissen anreichern - ´learning by doing´. Ich investiere meist in Endloszertifikaten. Hier merkte ich, dass das Rollen dieser Zertifikate von einem Future zum nächsten einem zusätzlich Gewinne bzw. Verluste bescheren kann. (…) Hier gehören möglicherweise die Begriffe von ´Contango´ und ´Backwardation´ dazu. Könnten Sie - möglicherweise auch ein Fan von Endloszertifitaten - dieses komplexe Thema in eines Ihrer nächsten Ausgaben thematisieren, bzw. Quellen angeben, wo dieses Problem beschrieben ist?“
Meine Antwort:
„Contango“ und „Backwardation“…hatte ich das nicht schon mal im Trader´s Daily behandelt? Bin mir gerade nicht sicher, habe aber auch keine Lust, das Archiv der letzten Jahre zu durchwühlen.
Wie auch immer: Zunächst mal der Hinweis auf mein fast fertiges Rohstoff-Buch, in dem ich auch dieses für Rohstoff-Trader sehr wichtige Thema erklären werde. Hoffentlich in verständlicher Form…wie üblich bemühe ich mich auch in diesem Buch, schwierigere Sachverhalte möglichst einfach zu erklären. In der Finanzwelt ist es schon dröge genug (das weiß jeder, der schon einmal den Verkaufsprospekt eines Emittenten durchgearbeitet hat).
Warum ich das hier mitteile? Die Thematik „Contango“ und „Backwardation“ ist wichtiger Stoff, und hier im Trader´s Daily kann ich nicht einige Seiten dazu schreiben. Was ich aber hier tun kann: Einen kurzen Überblick geben.
Also, um was geht es? Folgendes Problem: Endloszertifikate sollen ja – welche Erkenntnis – endlos laufen. Allerdings beziehen sie sich immer auf einen Rohstoff-Future, welcher nur einige Monate läuft. Kurz vor Ende der Laufzeit des jeweiligen Rohstoff-Futures muss deshalb der Basiswert gewechselt werden, und zwar in einen dann länger laufenden Rohstoff-Future. Dieses Wechseln heißt im Börsenjargon „Rollen“.
Nun kann es dazu kommen, dass der länger laufende Future (in den hinein „gerollt“ wird) teurer ist als der kürzer laufende (der verkauft wird, d.h. aus dem hinaus getauscht bzw. „gerollt“ wird). Diese Situation heißt „Contango“. Damit es zu keinem Kurssprung des Endloszertifikats kommt, wird das Bezugsverhältnis angepasst.
Beispiel: Der verkaufte Future kostete 100,00 Dollar. Der gekaufte Future kostet 110,00 Dollar. Vorher lag das Bezugsverhältnis bei 1,0 (1 Future je Zertifikat). Nach dem Rollen liegt das Bezugsverhältnis bei 0,909.
Wenn das beim nächsten Rollen wieder ähnlich ist, dann sinkt das Bezugsverhältnis immer weiter, d.h. ein Endloszertifikat bezieht sich auf einen immer geringeren Anteil des jeweiligen Rohstoff-Futures. Tendenziell keine schöne Sache.
Genau umgekehrt ist es bei der Situation, die mit „Backwardation“ bezeichnet wird. Da gibt es die schöne Situation, dass für den jeweils verkauften Rohstoff-Future mehr erzielt wird, als für den neu gekauften bezahlt werden muss. Entsprechend steigt das Bezugsverhältnis, das Endloszertifikat bezieht sich auf immer mehr.
Ein Basiswert, der sich derzeit in ziemlich extremen „Contango“ befindet, ist Erdgas. Von diesem Wert lasse ich die Finger. „Contango“ oder „Backwardation“ ist aber per se noch kein Kauf- oder Verkaufsgrund. Es ist für mich ein Grund von vielen, wenn es um eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung geht. Eins aber ist klar: Wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich lieber „Backwardation“.
Warum es zu solchen Konstellationen kommt, was sie über mögliche künftige Ernten oder Prognosen der Marktteilnehmer aussagen können….wie gesagt, dazu fehlt mir an dieser Stelle der Platz, denn darüber habe ich mehrere Seiten geschrieben. Aber immerhin sagen Ihnen die Begriffe „Contango“ und „Backwardation“ nun hoffentlich etwas!
Beste Grüße,
Michael Vaupel