China holt sich die Ruhr – Teil 1 von 2
Chris Mayer in Traders Daily zum Thema Global Anlegen
vom 08. Mai 2007 12:00 Uhr
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Das Ruhrtal bildete das Herz der deutschen Industriemacht. Über mehr als 200 Jahre brachten die Schlote im nordwestlichen Winkel Deutschlands Stahl und Eisen hervor, die das Rückgrat der Industrie des Landes bildeten. Und als die Kriegstrommeln geschlagen wurden, belieferten diese Fabriken das imperiale Deutschland mit Feldgeschützen, bewaffneten Panzern und Granaten.
Reiche Gemeinden wuchsen in der Gegend dieser alten Hochöfen und Hütten. Die Leute waren stolz auf die Dinge, die sie mit ihren Händen herstellen konnten. Zehntausende fanden Arbeit in den Fabriken an der Ruhr. Generationen kamen und gingen mit dem Wissen, dass ihre Söhne und Töchter hier ihren Lebensunterhalt verdienen können und das Erbe einer solchen Region weitertragen würden. Lange Zeit ist es so gewesen.
Aber der Wind hat sich gedreht und geduldig sogar die beeindruckendsten Vorteile zermahlen. In den frühen Neunzigern haben die Arbeiter in Asien den Mörser angesetzt, der das traditionelle Leben an der Ruhr zerschlagen würde.
Es war ein langsamer Prozess, aber es war nicht schwer vorherzusehen, worauf es hinauslaufen würde. Während die Menschen in Südkorea weltweit die effizientesten Produzenten von Stahl wurden, kämpften die deutschen Arbeiter für die 35 Stunden Woche. Während die chinesischen Arbeiter den ganzen Tag in ihren Hütten und neuen Fabriken arbeiteten, die überall in China aus dem Boden schossen, erhöhte Deutschland die Steuern und dehnte die Regierungsprogramme aus.
Zur Jahrtausendwende konnte niemand mehr die deutlich sichtbare Realität verleugnen. Die Hütten und die Fabriken entlang der Ruhr fingen an zu schließen – für immer. In dem beachtlichen Buch: „China Shakes the World“ (China erschüttert die Welt), erzählt James Kynge die Geschichte von Thyssen Krupps Stahlhütte in Dortmund, einer der größten in Deutschland. Die Deutschen nannten sie den Phoenix, inspiriert von dem Aufstieg aus der Asche nach den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg.
Innerhalb eines Monats nach Schließung der Hütte von ThyssenKrupp, hat ein chinesisches Unternehmen sie gekauft, mit der Idee, die gesamte Hütte zu zerlegen und nach China zu bringen und sie dort in der Nähe der Mündung des Yangtse wieder aufzubauen. Schon bald, nachdem das chinesischen Unternehmen die Hütte gekauft hatte, kamen 1.000 chinesische Arbeiter nach Deutschland und fingen damit an, die Anlage zu zerlegen und nach China zu bringen.
Und die Deutschen erhielten direkt vor ihren Augen eine Lektion, warum sie nicht wettbewerbsfähig sind. Die Chinesen arbeiteten an sieben Tagen in der Woche und zwölf Stunden am Tag. Die Deutschen fingen an, sich zu beklagen. Also haben die Chinesen, dem örtlichen Gesetz gehorchend, einen Tag frei genommen.
Letzten Endes haben die Chinesen die Hütte in weniger als einem Jahr abgebaut – ganze zwei Jahre schneller, als ThyssenKrupp ursprünglich angenommen hatte, dass dafür nötig sein würde.
Als die Chinesen abgereist waren, hinterließen sie die Behelfsschlafräume und Küchen, die sie bewohnt hatten, sauber und ordentlich. Doch wurde ein einziges Paar schwarzer Stiefel in einem der Schlafsäle zurückgelassen. Die Stiefel trugen den Markennamen Phoenix, was genau der Name des Unternehmens ist, das die Chinesen abgebaut hatten. Die Stiefel hatten auch ein Schildchen, auf dem stand: „Made in China“, schreibt Kynge, „allerdings kann niemand sagen, ob es sich bei den vergessenen Stiefeln um ein Versehen oder um ein absichtliches Wortspiel handelt.“
Mehr als 7.500 Kilometer entfernt haben die Chinesen die Stahlhütte genau so wieder aufgebaut, wie sie in Deutschland war. Wie Kynge schreibt, wurden „insgesamt 275.000 Tonnen Ausstattung verschifft, zusammen mit 44 Tonnen von Dokumenten, die die Feinheiten des Wiederaufbauprozesses erklärten.“ Das alles war immer noch günstiger – ungefähr 60% günstiger – als eine neue Hütte zu bauen. Und abgesehen davon ist der chinesische Bedarf an Stahl so hoch, dass die Anlage sofort anfangen konnte, mit höchster Kapazität zu arbeiten.
Noch 1975 betrug die gesamte chinesische Stahlproduktion weniger, als diese einzige Hütte in Dortmund produzierte. Heute steht die Anlage selbst in China. Und in Deutschland haben wir eine sterbende Industriestadt, arbeitslose Stahlarbeiter und vernarbte Erde dort, wo die Hütte einst gestanden hat. Deutschland denkt darüber nach, das Gebiet in eine Parklandschaft zu verwandeln und dort vielleicht einen See und eine Yacht-Marina anzulegen. Aber, wie sagt einer der kräftigen Stahlarbeiter in Kynges Buch? „Wirken wir auf Sie etwa wie Yachtbesitzer?“
Diese beachtliche kurze und knappe Darstellung erfasst, in vielerlei Hinsicht, wie sich der Wind gedreht hat. Die bequemen Arbeiter in den Fabriken und Hütten in Amerika und Westeuropa haben keine Vorstellung davon, womit sie es zu tun haben. Und dennoch verschiebt sich die Natur des weltweiten Wettbewerbs.