China hebt die Leitzinsen – Rohstoffmärkte reagieren verschnupft
Jochen Steffens in Investors Daily zum Thema Global Anlegen
vom 29. Oktober 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Nun reagieren die Ölmärkte vermehrt auf Nachrichten, die für einen fallenden Ölpreis sprechen. Und wieder einmal konnte der geneigte Zuschauer in Perfektion miterleben, wie aus einem kleinen Ölpreis-Anstieg durch Nachrichten eine Rallye entstand, die zur "Spekulationsblase" wurde und die nun angestochen ist.
Mir sei ein kurzer Rückblick gestattet: In den letzten Monaten fieberten die Ölbullen jeder Nachricht entgegen, welche die bullishe Stimmung unterstützen könnte. Zunächst waren es noch "vernünftige" Nachrichten: Anschläge in Saudi Arabien oder auf Pipelines im Irak und natürlich die Yukos-Krise im Zusammenhang mit einer weltweit gestiegenen Ölnachfrage. Zu diesem Zeitpunkt war die Ölrallye noch in Ordnung. Es gab schließlich gute Gründe für steigenden Kurse. Dann bemerkte man schon eine "leichte" aber immer noch erträgliche Form der Hysterie. Diese steigerte sich bis zu den Wirbelstürme in den USA, welche die Ölinfrastruktur der USA (lediglich) beeinträchtigte. Hier standen die Ölpreis bereits nicht mehr im Verhältnis zu dem eigentlichen Geschehen.
Ganz absurd wurde es, als der Ölpreis neue Hochs erklomm, weil der berühmte Sack Reis in China umfiel – sprich: eine Pipelinie in Mexiko explodierte – eine Nachricht, die es unter normalen Umständen nicht einmal bis nach Deutschland geschafft hätte, wurde auf allen Medienkanälen rauf und runter diskutiert.
Gleichzeitig wurde Öl zu "dem Thema" in den Medien. Keine Nachricht zur Börse, in der nicht zumindest beiläufig das Wort "Öl" erwähnt wurde. Die Hysterie erreichte ihren Höhepunkt, der Markt lies sich anstecken – alles deutliche Anzeichen einer Überhitzung. Wie Sie wissen, veranlasste mich diese Beobachtung in den letzten Wochen dazu, zu prognostizieren, dass die Ölrallye nun ihr Ende erreicht hat.
Das bestätigte sich daraufhin dadurch, dass weitere für den Ölpreis günstige Nachrichten an Zugkraft verloren. Der drohende Streik auf den Nordseebohrinseln verursachte keine neuen dramatischen Rekordhochs mehr – der Ölpreis stieg lediglich nur noch aufgrund des schwächelnden Dollars. Spätestens wenn in einer Rallye, für die Rallye positive Nachrichten keinen Effekt mehr erzielen, sollten Sie vorsichtig werden.
Mittlerweile reagieren die Ölmärkte bereits auf Nachrichten, die sie in den letzten Monaten völlig ignoriert hätten – entlastende Nachrichten. Die neueste Nachricht, welche die Ölmärkte beeinflusst: China hat das erste Mal seit neun Jahren (!) den Leitzins erhöht und zwar von zuvor 5,31 % auf 5,58 %. Damit will die chinesische Notenbank die eigene Wirtschaft abkühlen, da sie die Gefahr einer Überhitzung vermeiden will. Natürlich reagieren darauf zunächst die Rohstoffmärkte, darunter der Ölpreis. Schließlich führt eine Abschwächung der chinesischen Wirtschaft direkt zu einer Abschwächung der Rohstoffnachfrage – theoretisch.
Insgesamt bleiben Rohstoffe trotzdem das Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Aber auch hier gilt: Wenn Sie überall nur noch das Wort "Rohstoffe" hören, sollten Sie Ihre Positionen absichern. Schließlich besitzt der Markt ausgezeichnete Selbstregulationskräfte. Die hohen Rohstoffpreise führen zu geringeren Gewinnen bei den Firmen und zu höheren Verbraucherpreisen, diese wiederum führen zu einem sinkenden Wirtschaftswachstum und einem sparsamen Verbrauch. Das wiederum führt zu einer sinkenden Nachfrage und diese zu sinkenden Rohstoffpreisen.
Deswegen kann es durchaus vorkommen, dass die Rohstoffpreise ein wenig nachgeben. Langfristig sind das jedoch nur kleine Korrekturen in einer der größten Haussen der Geschichte. Ob China nun 9 oder 7 % wächst – der Rohstoffhunger eines sich entwickelnden Milliardenvolks wird so oder so gigantisch hoch bleiben. Das, was wir aktuell erleben sind nur die Vorboten einer langen Entwicklung. (Auch wenn ich davon ausgehen, dass die Ölreserven noch viel länger halten, als bisher angenommen.)
Doch, auch da möchte ich hinweisen: Die aktuellen Ölpreise haben gezeigt, dass die Wirtschaft schon längst nicht mehr so abhängig vom Öl ist, wie Sie es zu Zeiten der Ölkrisen noch gewesen war. Hier wirken sich nach und nach die technischen Errungenschaften positiv aus. Bei weiter steigenden Ölpreisen und Rohstoffpreisen wird wieder mehr Geld in alternative Energien, Recycling und alternative Technologien investiert. Dieser Zweig der Wissenschaft wurde in den letzten 10 Jahren aufgrund der relativ niedrigen Preise etwas stiefmütterlich behandelt und wird in den nächsten 50 Jahren einen gigantischen Auftrieb erleben. Wenn Sie der Entwicklung der Microsoft Aktie hinterhertrauern, dann halten Sie in den nächsten Jahren nach einer Firmen Ausschau, die auf diesem Gebiet in Richtung Marktführerschaft strebt und dann damit anfängt, alle anderen Firmen aggressiv aufzukaufen ... In so eine Firma sollten Sie dann investieren. Und wenn der CEO der Firma dann auch noch (zu diesem Zeitpunkt) so aussieht, wie jemand, den man in der Schulzeit unter allen Umständen weiträumig gemieden hätte – voilà!
Zum Schluss möchte ich noch auf einen kleinen Leckerbissen hinweisen. Da am Montag Feiertag ist und Sie aus diesem Grund keinen aktuellen Börsenbericht erhalten, habe ich mir etwas einfallen lassen: Ich werden Ihnen am Montag die Einleitung aus dem Buch von Bill Bonner: "Tage der Abrechnung" vorstellen, sozusagen als Feiertagslektüre. Bis dahin wünsche ich Ihnen ein erholsames Wochenende und eine spannende Montagslektüre.
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