Charttechnik: Das "Doppeltopp"
Axel Retz in DAX Daily
vom 22. Juni 2007 08:30 Uhr
ENL5454
„Kurzfristig hat der Dax einen neuen Rekord aufgestellt. Ohne Umsatzbeteiligung, ohne Dynamik, aber auch ohne Euphorie. Die schwachen Wall Street-Vorgaben dürften heute etwas bremsen; auf eine verwertbare Weichenstellung muss weiter gewartet werden.", lautete mein gestriges Fazit.
Und die Wall Street-Vorgaben bremsten in der Tat, womit sich der deutsche Aktienmarkt der morgens gesehenen Gelassenheit der Börsen in Fernost nicht anschließen konnte.
Wie immer beim Erreichen vorheriger Rekordmarken geistert auch jetzt wieder das Gespenst einer großen Trendwende nach unten durch die Medien. Und natürlich kann es diese Trendwende geben. Dagegen spricht, dass wir am Markt (ich schrieb es gestern) keine wirkliche Euphorie sehen, sondern ganz im Gegenteil eine zunehmende Zahl von Skeptikern. Dafür spricht, dass man sich mittlerweile wirklich fragen muss, was sich aus fundamentaler Sicht von jetzigen Status quo eigentlich noch verbessern könnte, um als Treibsatz für weitere Kursgewinne zu dienen.
Doppeltopp – was ist das eigentlich?
Und natürlich spukt auch das „Doppeltopp" nun wieder durch die Köpfe. Insbesondere bei all denen, die sich mit Charttechnik nur am Rande beschäftigt haben. Was ein „Doppeltopp" wirklich ist, möchte ich Ihnen im folgenden Chart zeigen:
Schematisiert sehen Sie diese Chartformation links im Chart: Das Ganze gleicht einem „M", also zwei in etwa auf einer Höhe liegende Kursspitzen, zwischen denen ein Zwischentief liegt.
Definitionsgemäß wird in der Charttechnik erst dann von einem „Doppeltopp", also einer bearishen Umkehrformation gesprochen, wenn der Kurs nach der Ausbildung der zweiten Spitze wieder unter das Zwischentief der Formation zurückfällt. Und, so lautet die Regel, das Verkaufssignal entsteht erst dann!
Eine sehr wichtige Regel. Beachtet man sie nicht, lassen sich im abgebildeten Langfristchart des Dax seit 1959 eine ganze Reihe vermeintlicher Doppeltopps identifizieren. Regelkonform „funktioniert" hat von ihnen nur ein einziges, in allen anderen Fällen marschierten die Kurse (mit oder ohne eine kleine Pause) einfach nach oben weiter.
Und das bedeutet ...
Im vorliegenden Dax-Chart könnte daher erst von einem abgeschlossenen „Doppeltopp" und einem daraus ableitbaren Verkaufssignal gesprochen werden, wenn der Kurs unter das Märztief 2003 zurückfiele. Und das lag (im Wochenchart nicht erkennbar) bei 2.188 Punkten.
Einen Dax bei 2.188 Punkten, das steht fest, würde ich aber bedenkenlos und blind kaufen, nicht verkaufen.
Es ist also müßig, nun über ein „Doppeltopp" zu sinnieren, zumal sich aus ihm für den Dax ein rechnerisches Kursziel von -3.760 Punkten ergäbe. Auch das erscheint wenig wahrscheinlich.
Das alles kann angesichts des dargestellten Charts nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich hier eine gewaltige Chartstruktur aufgebaut hat, die mich (als alten Rheinländer) irgendwie an den Kölner Dom erinnert.
Und damit kommt eine andere charttechnisch realistischere und vor allem handfestere Idee zum Tragen: Nämlich zu verkaufen, wenn die Kurse jetzt noch weiter steigen und danach unter das Märzhoch von 2000 zurückgehen.
