Chart-Technik als letzter Orientierungspunkt
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 24. März 2009, 08:00 Uhr
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Liebe DaxDaily Leser,
selten stellte sich eine ganze Branche ein so schlechtes Zeugnis aus wie die Bank-und Finanzbranche in den vergangenen zwölf Monaten. Das Jahr 2008 war nicht nur geprägt von zahlreichen Fehleinschätzungen hinsichtlich der Wirtschaftskrise und ihrer Folgen, sondern auch von der Unfähigkeit vieler Verantwortlicher, die anhaltende Fehlerkette durch angemessene Kommunikation und sachlicher Bewertung der Umstände gegenüber der Öffentlichkeit zumindest einzugestehen. Zwar konnten wirksame Lösungsansätze wegen der Geschwindigkeit der Marktbewegungen und-reaktionen nicht jeweils einzeln diskutiert werden, aber erstaunlich ist es doch, dass viele Ökonomen die zum Teil schlichtweg falschen Erklärungen der Boulevardpresse für die Ursache der Banken- und Wirtschaftskrise unwidersprochen hingenommen haben. Noch mehr überrascht allerdings die Erklärung der Analystenkaste, wegen dem Ausfall der Unternehmensprognosen für das aktuelle Geschäftsjahr sei eine fundamentale Analyse kaum noch möglich. Das wäre ungefähr so, als wenn die Deutsche Börse morgen die Notiz der Aktienkurse wegen Wartungsarbeiten an Xetra-System, der elektronischen Handelsplattform, einstellen würde. Sicherlich handelt es sich bei dem aktuellen Konjunkturabschwung nicht um eine gewöhnlich zyklische Schwäche, sondern um eine von strukturellen Schwierigkeiten verschärfte Schwäche der Weltwirtschaft. Eine Prognose aber zu verweigern, weil man das Ausmaß des aktuellen Rückgangs so selbst noch nie erlebt habe, mithin deshalb eine Vergleichsmöglichkeit fehle und folglich keine Orientierungspunkte setzen könne, ist keine ausreichende Begründung.
Fundamentalanalysten haben für dieses Jahr kapituliert
Viele Vorstände haben sich deshalb jenen ersten Stimmen angeschlossen, die eine Prognose verweigerten, bestärkt vom Verständnis der Unternehmensanalysten. Diese Einstellung kommt einer Kapitulation der Fundamentalanalyse gleich, wiewohl sie doch über einen gut sortierten Instrumentenkasten verfügt, um auch schwierige Situationen wie diese zu meistern. Es sollte aber an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass es durchaus unabhängige Analysten gibt, die sich eine gescheite Unternehmensanalyse auch ohne Prognose des Vorstandes zutrauen. Allein, es fehlt ihnen die mediale Begleitmusik, werden doch immer wieder sehr gerne Kapazitäten zitiert, die sich mit einem anständigen Banknamen untertiteln lassen. Hier schließt sich aber der Kreis, denn wenn die Banken schon zu ihren eignen Geschäftsentwicklungen nur ungerne Stellung nehmen, so wollen sie sich nicht noch die Finger mit ihren Analysen verbrennen. So hat sich also das noch vor einem so zahlreich fließende Analysematerial zu einem dünnen Rinnsal entwickelt.
Technische Analyse verstärkt gefragt
Es wundert daher nicht, dass die Anzahl der Artikel, die anhand der Technischen Analyse versuchen eine brauchbare Prognose zu erstellen, gestiegen ist. Viele Investoren haben trotz der häufigen lauten Zweifel der Fundamentalanalysten an der Chart-Technik nämlich festgestellt, dass diese auch bei Entwicklungen unter schwierigsten Bedingungen funktioniert und antworten geben kann. Dabei muss natürlich erwähnt sein, dass die Fehlerquote der Analysen auch in der Technischen Analyse mitunter noch hoch sein kann, je kürzer der Zeitraum ist, den Analyse abdeckt. Im Grundsatz lässt sich aber auf der Grundlage der Chart-Technik immer eine Prognose mit einer brauchbaren Aussagekraft erstellen. Äußerst selten bewegt ursächlich eine Nachricht den Chart, sondern sehr häufig gesellt sich eine Nachricht zu einer erkennbaren, charttechnischen Entwicklung. Ein Beispiel gibt der holländische AEX-Index.
Holländisches Aktienbarometer hat noch Luft nach oben
Ähnlich wie die schwedische oder die Hongkonger Börse hängt die holländische Börse sehr stark an der Entwicklung der Wall Street. Dies hängt mit der starken Abhängigkeit der Unternehmen vom US-Markt sowie den begrenzten Umsätzen zusammen. Der AEX-Index reagiert besonders empfindlich auf die kleinsten Signale aus den USA. Anfang März vollzog der Index mit einer bullischen Kerzenformation (im blauen Kreis dargestellt) eine markante Trendwende, begleitet von einem Kaufsignal im MACD. Auch holländische Aktien haben mittlerweile eine niedrige fundamentale Bewertung erreicht, die aber von einigen Analysten der Zunft angezweifelt wird, weil ihnen die Prognosen vieler Firmen zu positiv erscheinen oder aktuellere Zahlen fehlen. Mangels Anlagealternative müssen sich aber viele institutionelle Investoren aktuell entscheiden, welche Investitionen sie tätigen. Ohne die Bedeutung der Fundamentalanalyse zu gering zu schätzen kann man ohne Zweifel sagen, dass viele kurzfristige Entscheidungen auf der Grundlage der Technischen Analyse getroffen wurden. Alternativ wäre weitere Passivität angezeigt gewesen, für aktiv gemanagte Vermögen unter den gegebenen Umständen keine attraktive Variante. Investoren, die auf sich aufgrund des gestrigen Kaufsignals im AEX für einen Einstieg in holländische Aktien entschieden haben, setzen kurzfristig auf eine Fortsetzung der Erholungsbewegung bis an den Widerstand bei 237/242 Punkten. Dort wird vermutlich eine erneute Konsolidierung einsetzen.
