CHACO CANYON
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 16. August 2004 18:00 Uhr
ENL5454
"Bis heute weiß man nicht, wo sie herkamen, der Indianerstamm der Pueblo. Sie scheinen in Beziehung zu den Anasazi – auch 'Die Alten' genannt – zu stehen. Man glaubt, dass sie Teil der großen Diaspora sind, die vor 12.000 Jahren verschiedene Stämme aus Sibirien auf den nordamerikanischen Kontinent brachte."
Elizabeth verkündete wieder einmal ihr Wissen. Sie erklärte dem Rest der Familie den Ursprung der Chaco Canyon-Ruinen.
Eine Ansammlung von mindestens ein Dutzend Häusern, Speicher- und Arbeitsgebäuden und religiösen Kammern hat man im Chaco Canyon-Canyon gefunden. Einige dieser Gebäude haben Hunderte von Räumen – aber nicht etwa kunterbunt zusammengestellt, sondern mit handwerklichem Geschick und anhand eines Musters, das man offenbar im Vorhinein ausgearbeitet hatte.
Anscheinend hat hier ein Klimawandel stattgefunden. Heutzutage ist der Ort so trocken wie das Grab eines Pharaos. Es scheint unmöglich zu sein, hier zwölf Menschen am Leben zu halten, geschweige denn 5.000.
"Die Sibirier waren nicht die ersten, die nach Amerika kamen", fuhr Elizabeth fort. "Man hat Knochen gefunden, die einer noch älteren Rasse angehören. Aber nicht genug Knochen um zu einer Schlussfolgerung über ihre Herkunft zu kommen. Sie stellen ein Rätsel dar und sind eine Quelle für viele wissenschaftliche Auseinandersetzungen."
Navajo, Pueblo, Apachen und andere Stämme nennen sich selbst "amerikanische Eingeborene". Die Bezeichnung "Indianer" mögen sie nicht, weil es sie an die Bevormundung der ersten europäischen Eroberer erinnert – die sie Indianer nannten, weil sie dachten, sie sein in Indien gelandet.
"Warum nennen sie sich "amerikanische Eingeborene?", wollte Henry wissen. "Sind sie nicht ebenso wie die Weißen nach Amerika immigriert, nur früher?"
Henry hat Recht. Die erste Bezeichnung war falsch, aber auch die zweite ist eine Lüge. Die "Amerikanischen Eingeborenen" sind Immigranten, genau wie alle anderen. Und genau wie die europäischen Einwanderer haben sie wahrscheinlich die Vorgängerstämme – eine Menschengruppe, von der es wenig Überbleibsel gibt – gejagt, ausgerottet, verseucht oder einfach vertrieben.
"In New Mexico waren sie vor mindestens 12.000 Jahren", so unser Reiseführer. "Man hat das Skelett eines riesigen, ausgestorbenen Bisons gefunden. Es hatte Pfeilspitzen in den Knochen. Mit der Radiokarbonmethode hat man das Alter der Knochen bestimmt. Außerdem ist diese Spezies schon seit 10.000 Jahren ausgestorben.
"Die Bewohner dieser Gegend waren über einen sehr langen Zeitraum Sammler und Jäger. Aber sie hatten scheinbar Kontakt zu anderen Völkern aus dem Süden. Von ihnen erhielten sie Grassamen und später auch Mais. Allmählich pflanzten sie mehr und mehr und gingen immer seltener auf die Jagd. Zuerst lebten sie in Höhlen, erst später begannen sie Steinhäuser zu bauen – etwa vor 1.000 Jahren."
Wir sahen uns 'Pueblo Bonito' an, die eindrucksvollste der Anasazi-Städte. Dann kletterten wir in die Felsen, um einen Spaziergang am Tafelberg zu machen. Der Pfad ging aufwärts.
"Müssen wir das machen?", fragte Jules. Die Augustsonne in der Wüste hatte uns müde gemacht, bevor es richtig losging.
"Ja" antwortete Elizabeth. "Es wird euch gut tun. Ich werde euch mehr über die Gegend erzählen."
Als wir an einer anderen Touristengruppe vorbeikamen, hörten wir sie diskutieren.
"Sie haben die Gebäude vor 1.000 Jahren gebaut" sagte einer.
"Wann war das römische Reich?", fragte ein anderer.
"Vielleicht zur Zeit der Ägyptischen Pharaonen", schlug ein dritter vor.
"Das war auch zur Zeit des griechischen Reichs", gab der zweite wieder zu denken.
"Oh, mein Gott." Elizabeth war entsetzt. Diese Menschen waren dermaßen ungebildet. Wir hatten typische Exemplare von Banausen und Dummköpfen vor uns. Sie sollten sich schämen. Jedes Kind weiß, dass die Römer Jesus getötet haben. Wir sind im Jahr 2004. Also müssen die Römer vor etwa 2000 Jahren gelebt haben, nicht vor 1000. Und die Griechen und Ägypter waren sogar noch früher.
"Diese Stadt wurde zu selben Zeit gebaut, als William, Herzog der Normandie, England eroberte. Es war auch etwa zu der Zeit, als die Kathedrale von Notre Dame fertig gestellt wurde.
"Mom", Jules stellte sich auf die Seite der Dummköpfe. "Sie wussten also nicht, was vor 1000 Jahren war. Na und? Was macht das für einen Unterschied? Du denkst du bist besser, nur weil du ein paar Daten im Kopf hast und die Geschichte etwas kennst."
"Darum geht es nicht", antwortete seine Mutter. "Aber man muss über ein Basiswissen verfügen. Sonst kann man die kleinsten kulturellen und historischen Zusammenhänge nicht verstehen. Lasst uns weitergehen ..."
Wir marschierten weiter. Ich als Familienvater schritt voran, während sich Elizabeth um unsere Allgemeinbildung kümmerte.
Wir waren schon seit zwei Stunden durch die Felslandschaft geklettert. Wir dachten nur noch an Wasser. Ob der Spaziergang Jules wirklich gut tat, wissen wir nicht. Aber nach einigen Stunden strammen Wanderns, machten wir uns allmählich Sorgen um seine Gesundheit. Sein Gesicht war purpurrot. Keiner von uns war es gewohnt, sich in dieser Höhe und bei dieser Hitze sportlich zu betätigen. Die Wüstensonne hatte alle Flüssigkeit in uns aufgesogen.
"Trink noch etwas Wasser", rieten wir ihm.
"Es ist nichts mehr da."
"Wie das? Wie können unsere Wasservorräte so schnell aufgebraucht sein?"
Wir sahen im Rucksack nach. Nur noch eine Flasche war übrig und nur noch ein bisschen Wasser befand sich in ihr. Es reichte gerade für einen Schluck für jeden von uns aus. Unsere Pariser Familie hatte unterschützt, wie viel Wasser sie benötigen würde. Wenn wir so weitermachen würden, würden wir wahrscheinlich Kandidaten für den Darwin Award werden – ein Preis der posthum an Leute vergeben wird, die in besonders schwachsinniger Weise den Gen-Pool aufbessern.
"Wir müssen zurück gehen", sagte ich meinen Kindern.
"Ja, aber wir haben einen langen Weg vor uns", sagte Jules, der sich schon sein eigenes, von Aasgeiern abgeknabbertes Skelett am Wegesrand vorstellte.
"Übrigens Mom", fuhr Jules fort "erinnerst du dich an die Touristen, die das römische Weltreich nicht historisch einordnen konnten? Nun, sie haben jedenfalls genug Wasser dabei."