Bush will in die Geschichte eingehen
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 22. Februar 2005 18:00 Uhr
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Wie sagt man so schön: In der ersten Amtsperiode arbeitet ein US-Präsident für das Volk, in der zweiten für die Geschichte.
Offenbar hat auch Bush genau das vor. In der ersten Amtsperiode wollte er sich, besonders nach dem 11. September, als durchgreifender patriotischer Staatsmann präsentieren, der nach dem "Angriff auf die USA" die richtigen Schritte zum Wohle der eigenen Bevölkerungen gehen wird und gegangen ist. Er sammelte die Neokonservativen, die religiösen und andere politisch entscheidenden Gruppen hinter sich, um wiedergewählt zu werden. Dass er dabei seine Bündnispartner in Europa ein wenig vor den Kopf stieß, hat er bewusst in Kauf genommen.
Jetzt erleben wir einen fast "ausgewechselten" Präsidenten. Er will die Beziehungen zu Europa vertiefen, spricht sogar von einem starken einigen Europa und nicht mehr von einem alten hinterwäldlerischen Provinz-Europa (verzeihen Sie mir die Überspitzung). Alle Unstimmigkeiten, Zwistigkeiten in Bezug auf den Irak sind beigelegt. Sein Anliegen ist nur noch, den Frieden und die Freiheit in die Welt zu tragen – zumindest sagt er das.
Einige Kommentatoren sehen hinter dem Kuschelkurs von Bush nur eine Taktik, um bei neuen außenpolitischen Konflikten wieder mehr Solidarität erwarten zu können. Ich weiß aus Ihren Mails, dass Sie diese Sicht sicherlich bevorzugen werden. Trotzdem möchte ich noch einmal auf den ersten Satz des heutigen Newsletters hinweisen. Da steckt mehr Wahrheit hinter, als wir uns in Europa vorstellen können. Ich erkenne auch in vielen kleinen Nachrichten der letzten Zeit ein deutliches Bemühen Bushs, als großer Staatsmann in die Geschichtsbücher einzugehen.
Letzten Endes werden wir es natürlich erst in vier Jahren wissen. Ein entscheidendes und damit auch spannendes Thema in diesem Zusammenhang wird das weitere Vorgehen der USA in dem Konflikt mit dem Iran sein. Hier wird sich bald zeigen, ob Bush nur die Nähe zu Europa sucht, um neue Verbündete im Falle einer Eskalation zu finden.
Der Ölpreis jedenfalls steigt aufgrund einer neuen Kältewelle in den USA, die Märkte sind angespannt. Der wieder zulegende Ölpreis verstärkt natürlich die Inflationsgefahr in den USA. Alles wartet auf die US-Verbraucherpreise, die morgen veröffentlicht werden und ein weiteres Indiz für die aktuellen Inflationsgefahren in den USA sind. An diesen Zahlen wird sich die Marktrichtung für den Rest dieser Woche entscheiden.
Euro steigt überraschend stark an
Heute verunsicherte eine Meldung die Devisenmärkte, dass Südkorea seine Währungsreserven "diversifizieren" will. Das bedeutet im Klartext, dass Dollarreserven abgebaut und Euro und andere Währungen aufgebaut werden sollen. Das führte heute natürlich zu einem schwächeren Dollar und gleichzeitig stärkeren Euro.
Zunächst könnte man denken, na ja, Südkorea ... was soll das schon bewirken. Doch Südkorea ist eines der Länder mit den größten Währungsreserven der Welt, natürlich weit hinter China und Japan. Daneben besitzt so eine Nachricht auch eine Signalwirkung. Wir wissen, dass mittlerweile knapp 70 % der Zentralbanken den Euro in ihren Portfolios stärker gewichten wollen ... Diese Nachricht rückte heute wieder in das Bewusstsein der Anleger.
Ich weise darauf hin: Wenn Banken sich von einer Aktie verabschieden, dann sollte man das als Anleger auch tun. Natürlich verkaufen Banken zunächst die Graupen, bevor sie an die guten Stücke im Depot gehen. Wenn nun die Zentralbanken weltweit das Vertrauen in den Dollar verlieren, dann sollten Sie das auch tun.
Ich möchte Ihnen aber nicht die andere Sicht der Dinge vorenthalten. Auch wenn ich Sie damit ein wenig verwirren werde, aber so ist die Börse:
Man könnte argumentieren, dass eine Diversifikation angesichts der Währungsschwankungen der letzten Jahre grundsätzlich vernünftig ist. Die Zentralbanken haben einfach nur dazugelernt. Das sei nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass sie von einem schwachen Dollar ausgehen.
Wenn jedoch die Banken wirklich von einem starken Dollar überzeugt wären, warum sollten sie ausgerechnet jetzt, NACHDEM der Dollar eingebrochen ist, solche Schritte planen?
Nun gut, 2002/2003 haben auch die großen Versicherungen in Deutschland ihre "letzten" Aktienpositionen auf den Markt geworfen und lagen damit total falsch.
Es bleibt, wie es ist; wenn der Markt selbst für Alan Greenspan nach eigener Aussage Überraschungen bereithält (die niedrigen Zinsen am langen Ende), dann braucht man sich nicht wundern, wenn die Zentralbanken ebenfalls hin und wieder überrascht werden.
Doch generell gilt: Immer im Windschatten der Großen bleiben, da passiert einem als kleiner Anleger am wenigsten, auch auf die Gefahr hin, dass sich selbst die Großen hin und wieder täuschen.