Bundestagswahl: Für die Versorger wird es spannend
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 22. September 2009, 08:00 Uhr
ENL5454
Eine Große Koalition war im Jahr 2005 kaum die Idealvariante von Investoren am deutschen Aktienmarkt. Betrachtet man allerdings die Kursentwicklung des DAX gemessen an den anderen europäischen Börsenplätzen in den vergangenen vier Jahren, so kann sich die Bilanz unter dem Strich sehen lassen. Gerade in der Finanzkrise der vergangenen zwei Jahre war es sehr vorteilhaft für den DAX, dass schnelle Entscheidungen von einer breiten politischen Mehrheit getragen wurden. Allerdings richtet sich der Blick der Börsianer nun wieder nach vorne und die Präferenzen des Marktes, die ich gestern schon kurz erwähnte, sind eindeutig. Eine Kombination aus CDU/CSU und FDP würde den Finanzinvestoren am besten gefallen (ich weise darauf hin, dass es sich hiermit weder um Wahlwerbung noch um eine Wahlempfehlung, sondern lediglich um eine nüchterne Analyse auf der Grundlage historischer Erfahrungen handelt).
Die Begründung hierfür lässt sich auch relativ leicht finden. Die Marktteilnehmer erwarten von einem solchen Regierungsbündnis eine rasche Umsetzung von aus ihrer Sicht notwendigen Reformen in den Sozialsystemen, eine breitere Ausrichtung der Energiepolitik sowie eine geringere Belastung von Unternehmen aus steuerlicher Sicht. Zudem könnte das in der jüngsten Zeit stark aufgebauschte Thema der Regulierung der Finanzmärkte wieder einer realistischeren Betrachtungsweise unterworfen werden. Zumindest erscheinen den Investoren die zu treffenden „harten" Maßnahmen in der Wirtschaftspolitik durch eine schwarz-gelbe Koalition eher gewährleistet zu sein.
Regierungswechsel setzt (Aktienkurs-) Kräfte frei
Historisch gesehen blieben Bundestagswahlen zumeist ohne größeren Einfluss auf die Entwicklung der Aktienkurse. Bei einem Regierungswechsel, eine nicht häufig vollzogene Prozedur in sechzig Jahren Bundesrepublik Deutschland, reagierte die Börse hingegen deutlich. Dem zweiten durch eine Bundestagwahl initiierten Regierungswechsel 1998 hin zu einer rot-grünen Regierung und die Einigung auf eine Große Koalition 2005 folgten jeweils deutlichere Kurszuwächse. Enttäuschung machte sich hingegen 1994 und 2002 breit, weil der erhoffte Regierungswechsel ausblieb.
Betrachtet man sich alle Wahlreaktionen des DAX seit 1957, so ergibt sich in 12 von 14 Fällen eine seitwärts oder leicht abwärts gerichtete Tendenz im Zeitraum von rund zwei Monaten vor dem Wahltermin. Hingegen kam es auf Sicht von zwei Monaten nach dem Wahltermin bis auf eine Ausnahme immer zu Kursgewinnen. Da die Erwartungshaltung in das Ergebnis aber meistens schon vorher eingepreist waren, folgten am Montag nach dem Wahlsonntag oft Gewinnmitnahmen. Kurzfristige Kursrücksetzer könnte also durchaus zum Positionsaufbau genutzt werden.
E.ON und RWE hoffen auf schwarz-gelb
Die stärkste Achterbahnfahrt könnten in den nächsten Tagen die Aktien der Versorger machen. Reicht es für eine schwarz-gelbe Mehrheit, nimmt die Wahrscheinlichkeit stark zu, dass die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängert werden. Solarwerte würden dementsprechend kurzfristig weniger interessant sein. Bleibt es hingegen bei einer Großen Koalition oder werden gar die Grünen in ein Regierungsbündnis mit aufgenommen, wäre das kurzfristig keine gute Nachricht für die Versorger.
Allerdings sollte man im Hinterkopf haben, dass das schwarz-weiß Schema in Sachen Energiepolitik schon lange nicht mehr gilt. Zudem haben auch die Vorstände bei den Energieunternehmen die Zeichen der Zeit erkannt und sich schon längst umorientiert. Ohne eine breite Angebotspalette hat heute kein Versorger mehr eine realistische Chance am Markt. Zudem spielen Arbeitsplätze bei politischen Entscheidungen immer eine gewichtige Rolle, Subventionskürzungen bei erneuerbaren Energien wären deshalb bei einem schwarz-gelben Wahlsieg noch lange nicht sicher.
E.ON: 30er Marke muss jetzt fallen
Nicht alleine die Wahlaussichten eines schwarz-gelben Bündnisses bestimmten in der jüngsten Vergangenheit die Kursentwicklung von E.ON. Die Erholung an den Rohstoffmärkten, eine zunehmende Industrieproduktion und neue Kooperationsmöglichkeiten jenseits des europäischen Marktes zogen den Kurs der Aktie langsam aus dem Keller. Die starken Verluste seit Anfang 2008 sind damit aber noch nicht einmal zur Hälfte wieder ausgeglichen.
Die bisherige Erholung erfüllt mit einem Anstieg von 18 auf knapp 30 Euro gerade einmal das 38,2prozentige Fibonacci-Retracement. Aktuell sieht es aber nicht so aus, als würde die Aktie an dieser Linie bereits ihre Aufwärtsbewegung beenden. Der laufende Aufwärtstrendkanal ist intakt und bietet dem Titel im Falle eines Ausbruchs über 30 Euro Potential bis zum nächsten Widerstands bei knapp 35 Euro. Könnte E.ON diese Lücke füllen, wären zumindest 50 Prozent der Kursverluste seit Anfang 2008 wieder ausgeglichen.
Die Kombination der Trendfolgeindikatoren MACD und Momentum deutet darauf hin, dass die nächste Bewegung tendenziell nach oben erfolgt. Auch die aktuelle Konsolidierungsformation bestehend aus einer kleinen bullischen Flagge lässt darauf schließen. Würde sich das Blatt kurzfristig dennoch zugunsten der Bären wenden, fände sich im Bereich um 26 Euro eine solide Unterstützungsline. Nur ein Unterschreiten dieses Niveaus würde zu größeren Verlusten bis zunächst 24 Euro führen.
