Bullenmarkt beim Erdgas
unserem Korrespondenten Eric Fry in New York in Investors Daily
vom 16. Juni 2003 18:00 Uhr
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Alan Greenspan ist doch nicht allwissend! Nur zwei Tage nachdem er die Nation davor gewarnt hatte, dass steigende Erdgaspreise ein Risiko für die Volkswirtschaft sein könnten, ist der Preis für Erdgas deutlich zurückgekommen. Der Preis für den Juni-Kontrakt ist um fast 10 % gefallen, auf 5,62 Dollar pro Einheit. Das war eine technische Reaktion ... der Preis für Erdgas kann schließlich nicht jeden Tag steigen. Nur Aktien können das.
Während die Aktien weiter steigen, fielen die News von der volkswirtschaftlichen Front auch letzte Woche nicht gerade berauschend gut aus. Die wöchentliche Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe kam zwar etwas zurück, blieb mit 430.000 aber immer noch deutlich über der von Volkswirten als wichtig bezeichneten Marke von 400.000. Die Einzelhandelsumsätze stiegen im Mai um magere 0,1 %. Die Lagerbestände stiegen im April um 0,1 %. Mit anderen Worten – draußen in der realen Welt passiert nicht allzu viel, was die hartnäckig hohen Energiepreise nur noch bedenkenswerter macht. Abgesehen von der technischen Korrektur beim Ergaspreis könnte Alan Greenspan Recht haben, wenn er sich wegen steigender Ergas- und Erdölpreise Sorgen macht.
Der Preis für Erdgas hat sich in den letzten paar Jahren mehr als verdoppelt, und auch dieses Jahr ist er weiter gestiegen. Anlass für den aktuellen Rückgang war die Nachricht, dass die US-Lagerbestände an Erdgas vor 2 Wochen um 10 % gestiegen sind.
Dennoch bleiben die Erdgas-Lagerbestände 35 % unter dem vor einem Jahr erreichten Wert, und 25 % unter dem 5-Jahres-Durchschnitt. Deshalb könnte es voreilig sein, den Bullenmarkt beim Erdgas zu verabschieden ... was auch bedeutet, dass es etwas voreilig sein könnte, die gewagte Prognose von T. Boone Pickens ad acta zu legen (ich hatte hier im Investor's Daily darüber berichtet: "Der Preis für Erdgas wird niemals in meinem Leben mehr unter 4,50 Dollar pro Einheit fallen." Die Prognose des Mannes, der sein Leben lang in der Erdölbranche verbracht hat, wäre ein bisschen kühner, wenn er 26 und nicht 76 Jahre alt wäre.
Dennoch, der Punkt ist klar: Der Bullenmarkt im Erdgas ist gerechtfertigt und eine Realität. Der erste Grund für die Prognose von Pickens ist eine bekannte Tatsache – die Nachfrage übertrifft das Angebot.
John Myers stimmt da begeistert zu. "Der Bullenmarkt beim Erdgas ist echt", so Myers, "und die kanadischen Öl- und Erdgasgesellschaften werden die größten Profiteure der steigenden Erdgaspreise sein. Kanada hat jede Menge Erdgas, und die USA brauchen Erdgas. Obwohl Kanada nur ca. 1/6 des US-Verbrauchs liefert", erklärt Myers, "hat Kanada ca. die Hälfte des NEUEN Erdgasbedarfs der USA der letzten Dekade beigesteuert."
Mit anderen Worten: Wenn der Bedarf an Erdgas in den USA steigt, dann wird dieses zusätzliche Erdgas meist aus Kanada importiert – was der Grund dafür ist, dass Myers seine Analysen auf ausgewählte kanadische Gesellschaften konzentriert. Im letzten Jahr sind die amerikanischen Erdgasreserven auf den niedrigsten Stand seit fast 30 Jahren gefallen. "(Aber) es gibt fast nichts, das man tun kann, um das Angebot an Erdgas zu erhöhen", so ein Industrieexperte letzte Woche. "Das ist ein jahrelanger Prozess (neue Quellen zu erschließen oder neue Pipelines zu bauen, um mehr Erdgas importieren zu können), und große Projekte brauchen lange Zeit."
"Einige Marktbeobachter nennen das Angebot-Nachfrage-Ungleichgewicht beim Erdgas eine 'Krise', wenn auch eine ruhige Krise", so Pittsburgh Tribune-Review, "weil es nur wenige außerhalb dieses Marktes bemerkt haben." Es stimmt, es werden keine Massenproteste gegen steigende Erdgaspreise organisiert. Und dennoch fragen sich in den USA viele Leute, warum ihre Heizkosten im letzten Winter so gestiegen sind. Auch viele Unternehmen spüren die Nadelstiche der steigenden Öl- und Erdgaspreise.
"Wenn Krise bedeutet, dass man bald keine Energie (Erdgas) mehr hat, oder dass man im Winter frieren und im Sommer schmelzen muss, dann braucht man sich keine Sorgen machen", so Richard Levitan, Präsident der Unternehmensberatung Levitan & Associates in Boston. "Wenn Krise bedeutet, dass es wirtschaftliche Schocks gibt – dann machen Sie sich bereit dafür."
Wir sind bereit. Aber was ist mit den Besitzern von US-Staatsanleihen (die 10jährigen Staatsanleihen bringen 3,16 %), oder den Besitzern von Aktien mit einem KGV von 30? ... Sind auch die bereit?