Bullenfalle oder Startschuss – die gedanklichen Irrwege der Trader
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 05. November 2002 18:00 Uhr
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Ich will Ihnen heute mal die gedanklichen Irrwege der Trader ein wenig näher bringen. Einfach mal um zu zeigen, wie verquer sie so denken. Wenn Sie sich gewundert haben, warum gestern die amerikanischen Indizes zum Schluss hin so abgaben – die Erklärung ist ganz leicht.
Ich hatte gestern schon darauf hingewiesen, dass die Zahlen vom Freitag und die gestrigen zu gut für den Markt sind. Das schlimme ist, eigentlich waren sie nicht mal gut, sondern nur besser als erwartet. In den Erwartungen der Analysten waren nämlich schon die extrem schlechten Zahlen im Vorfeld eingespeist, sie hatten ihre Erwartungen bereits drastisch gesenkt. Also, die Erwartung der Analysten waren deutlich nach unten geschraubt. Da aber die extrem schlechten Zahlen (zum Beispiel das Verbrauchervertrauen) aus dem September stammten und nur das Gefühl der amerikanischen Bürger wiedergaben, nicht aber die tatsächliche Situation, zeigt sich nun, dass die tatsächliche Situation nicht ganz so schlimm ist, wie "gefühlsmäßig" erwartet. Hier hatten die starken Kursverluste des Septembers ihr Quäntchen zu beigetragen, die Stimmung der Verbraucher zu verdüstern.
Daraus folgernd lässt sich schließen, dass die Stimmung im September negativ überhitzt war (wer hätte das gedacht) und nicht die wirkliche Situation der Wirtschaft widerspiegelte.
Warum ich das alles schreibe? Es geht um die Zinsen. Die Frage: Senkt Alan Greenspan (Chef der amerikanischen Notenbank) die Zinsen oder nicht? Selten sind Ereignisse an der Börse so spannend wie diese Zinsentscheidung. Bisher waren die Anleger davon ausgegangen, dass eine Zinssenkung unausweichlich sei, da die Situation derart düster sei. Zinssenkungen haben gemeinhin sehr positive Auswirkungen auf die Kurse. Im Vorfeld hatte es also in den letzten Tagen deutliche Kursgewinne gegeben. Doch die Vorfreude ist zumeist die schönste Freude und trügt zuweilen auch.
Die Zahlen von Freitag und gestern sind, wie gesagt, besser als erwartet. Die erste Euphorie über die besseren Zahlen gestern verrauchte, reichte aber aus, den Dax über den Widerstand bei 3300 zu drücken, dazu später mehr. Im weiteren Handelsverlauf besonnen sich die Händler und ihnen wurde klar, dass es so schlecht um die Wirtschaft nicht bestellt sei, wie sie nach den Septemberzahlen gedacht hatten. Damit wurde eine mögliche Zinssenkung aber unwahrscheinlicher und die ersten Trader nahmen ihre Gewinne mit, was zu deutlichen Kursverlusten in Amerika und anschließend heute morgen im Dax führte.
Mir wiederum gefällt das, denn wären die Daten schlechter ausgefallen und die Indizes bis Mittwochabend weiter gestiegen, hätte ein Zinssenkung um 25 Basispunkte nichts mehr bewirkt, denn sie wäre, wie ich gestern auch schrieb, im Markt völlig eingepreist gewesen. Jetzt, wo doch wieder Zweifel herrschen, ob die Zinsen überhaupt gesenkt werden, die Kurse im Vorfeld also fallen, könnte eine Zinssenkung einen weiteren Kursschub hervorrufen.
Aber selbst wenn die Zinsen nicht gesenkt werden, besteht noch die bescheidene Hoffnung, dass dies ein positives Signal an den Markt gibt. Alan Greenspan würde damit bestätigen, dass es der Wirtschaft doch besser geht als gemeinhin in den letzten Wochen angenommen. Es könnte nach anfänglichen Verlusten wieder zu neuen Kursgewinnen kommen. Doch sehr wahrscheinlich ist die Gefahr zu groß, dass die Kurse sich nicht davon erholen, so dass die Fed ihre Zinsen wohl senken muss, um Schlimmeres von den Märkten abzuhalten. So bleibt es spannend, was heute und morgen an den Börsen noch geschieht.
Sie sehen, es ist ein beständiges "wenn und aber", eine Erörterung, die dazu neigt, sich im Kreis zu drehen. Eben die gedanklichen Irrwege eines Traders. Aber die wenigsten von Ihnen können einen Markt 12 Stunden am Tag traden und sind eher längerfristig orientiert. Seien Sie froh, das erspart Ihnen diese Irrwege.
Genug der Theorie.
Viel einfacher ist da die Charttechnik – wirklich? Der große Widerstand bei 3300 ist gebrochen und das auf Schlusskursbasis. Das generiert neue Kaufsignale für den Markt. Man konnte es heute morgen im kurzen, heftigen Aufflackern im Dax erkennen. Die Rallye kann kommen. So weit so gut.
Aber leider ist es auch in der Charttechnik nicht ganz so einfach. Es gibt da einen netten Umstand, in Traderkreisen "Bullenfalle" genannt. Sie wissen, Bullen sind die optimistischen Markteilnehmer, die auf steigende Kurse hoffen. Bricht also ein solch wichtiger Widerstand, und es kommt nicht zu der erhofften Kursteigerung in den folgenden Tagen und Wochen, sondern der Kurs fällt wieder in sich zusammen, dann nennt man das einen falschen Bruch (False Brake). Die Bullen sehen sich in ihrem Optimismus und ihren Anlagen getäuscht: Eine Bullenfalle.
Egal ob fundamental oder aus charttechnischer Sicht, Börsen bleiben verworren. So kann man den Leitspruch eines Kollegen von mir verstehen: "An den Börsen kann alles geschehen, auch das Gegenteil" oder wie Freud so schön sagte: Manchmal ist eine Zigarre einfach nur eine Zigarre ...