Brot und Spiele

Tom Firley (Gastbeitrag) in Investoren Wissen
vom


was würde wohl die Menschheit so richtig in Wallung bringen? Was würde solch ein Entsetzen erzeugen, das die Masse auf die Barrikaden zwingt?

 

Inflation?

Schleichend haben wir uns daran schon gewöhnt. Und in der Tat habe ich das Gefühl, dass die meisten Euro-Insassen bereits mit dem Inflations- oder Abwertungs-Gedanken spielen. Frei nach dem Motto: Vom Schlimmsten ausgehen und sich dann vom halbwegs Positiven überraschen lassen. „Eigentlich" wäre dies politisch natürlich der Nährboden für eine Triumph-Ernte der Opposition. Allerdings fällt denen auch nicht viel ein. Und die Piraten? Ja, irgendwie lustig. Jugend forscht... fällt mir da ein.


 

 

In guten Zeiten (wie Anfang der 80er, als die Grünen kamen) ist so ein aufmüpfiger Ruck durch Deutschlands Parteienlandschaft ja ganz nett. Nur in der wirtschaftlich bzw. finanzpolitisch wohl schwierigsten Europa-Phase irgendwie unangebracht. Ganz Freies Internet (also noch freier als frei) ist ja an sich keine unsinnige Idee. Aber dafür gleich eine Partei gründen? Damit sind wir gleich beim Punkt. Vorher noch eine provokative Frage:

 

Also, was würde eine Revolution in Deutschland auslösen?

 

Steuern auf 70 Prozent?

Nö. Erstmal auch nicht. Damit würden sich einfach noch mehr Menschen überlegen, ob sich das Arbeiten noch lohnt. Wozu gibt es Hartz 4? (Damit sind nicht die gemeint, die ernsthaft nach Arbeit suchen... bevor ich wieder böse Mails erhalte). In manchen Ländern würde dies möglicherweise zu Revolten führen. Brave Deutsche (so wie wir halt nun mal sind) denken: „Ja, wenn es denn sein muss...".

 

Ad hoc fallen mir zwei Dinge ein, die eine Revolution auslösen würden:

 

1.) Nahrungsmangel. Gut, dafür war jetzt keine gedankliche Höchstleistung notwendig. Hunger macht die Menschen zu Tieren. Das ist so. Wenn dieses Grundbedürfnis nicht befriedigt wird, herrscht Chaos... auf kurz oder lang.

 

2.) Jetzt kommts... und passt übrigens zu den oben angesprochenen Piraten. Internetverbot.

 

Schlicht und einfach. Stellen Sie sich vor, ein Staatsführer würde ein Internetverbot in Europa (oder Deutschland) aussprechen. Das gäbe ebenfalls Chaos und unzählige Demonstrationen.

 

Ach nee. Doch nicht. Wie sollten sich die Demonstranten auch organisieren ohne Internet?

 

Da stellt sich die Frage: Wie haben wir eigentlich früher überlebt ohne Internet?

 

Was würde uns fehlen? Ein Leben ohne Facebook. Dann könnten wir nicht mehr irgendwelchen Freunden, die wir nach unzähligen Jahren endlich wiedergefunden haben (und die uns eigentlich auch nicht wirklich mehr interessieren...), unseren Brotbelag (Wurst oder Käse?) mitteilen. Und nicht das total putzige Foto posten. Oder der Menschheit mitteilen, dass Schule doof ist.

 

Stattdessen müssten wir echten Freunden vielleicht mal ein paar Zeilen in einem Brief schreiben. Und da könnte auch ein Foto beigefügt werden. Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal einen persönlichen Brief geschrieben?

 

Was würde uns noch fehlen?

 

Cirka 120 E-Mails am Tag, von denen die meisten ohnehin in den Papierkorb wandern. Wenn es etwas ganz wichtiges mitzuteilen gäbe, dann müsste man auch hier einen Brief schreiben. Unglaublich, aber wahr. Und dann würde vielen Schmalspur-Grammatikalikern wohl auffallen, dass sie neben „Hi, lol, hdgdl..." keinen geraden Satz mehr schreiben können...

 

Was würde uns noch fehlen?

 

- Unzählige schlechte Chartanalysen auf noch schlechteren Internetseiten. Na gut, ein Detail.

- Virenverseuchte Schmuddelseiten.

- Daten-Phishing.

- „Garantiert der 1000ste User zu sein", der jetzt gerade etwas Tolles gewonnen hat.

- Extreme Meinungen, die unsere Kinder beeinflussen (könnten).

- Bahnbrechend Intelligenz fördernde Online-Spiele

- Online-Bekanntschaften, direkt aus Ihrer Nähe

- Die Beschreibung „sehe aus wie Brad Pitt, nur jünger"

 

Ihnen fallen sicherlich noch viele weitere Dinge ein, die uns fehlen würden.

 

Und dennoch: Würde das Internet verboten werden, hätten wir eine Revolution. Und auch wenn es ein Gesetz gäbe, nur (halbwegs) sinnvolle Internetseiten zuzulassen, gäbe es ebenfalls eine Revolution.

 

Ohne Internet geht es offensichtlich nicht mehr.

 

Auch wenn es zu über 90 Prozent aus Spam und minderwertigem Inhalt besteht.

 

Viel Erfolg an der Börse

Ihr

 

Tom Firley

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