Britannia, Du hast es besser
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 24. November 2005 12:00 Uhr
ENL5454
*** Britannia, Du hast es derzeit besser als der Rest Europas: In Großbritannien steht die Arbeitslosenquote gerade bei 4,7 % – dem zweitniedrigsten Wert seit 30 Jahren. Die Zahl der Beschäftigen ist mit 28,76 Mio. so hoch wie seit 1971 nicht mehr.
Diese volkswirtschaftlichen Zahlen haben sich auch in meinem privaten Umfeld konkret ausgewirkt: Der Bruder eines meiner besten Freunde ist vor kurzem mit Frau und Kind nach London gezogen. Trotz der horrend hohen Lebenshaltungskosten dort lohnt sich das für dieses Paar: Er arbeitet zwar praktisch nur für die Miete, aber sie schafft als Krankenhausärztin richtig Geld heran. Und das mit 8-Stunden-Tag, ohne Überstunden.
Ich sehe das mit einem weinenden und einem lachenden Auge: Für die beiden – nein, die drei – freue ich mich, denn sie sind mit diesem Wechsel sehr zufrieden. Aber noch lieber wäre es mir gewesen, wenn sie im eigenen Land eine entsprechende Perspektive gehabt hätten.
Immerhin: Großbritannien gehört ja auch zu Europa, und wenn es einem Teil Europas gut geht, dann ist das auch für den Rest sehr gut. Und die gute Lage am britischen Arbeitsmarkt ist hoffentlich ein sehr positives Signal für die weitere Entwicklung der europäischen Binnenwirtschaft. Vorwärts, Europa! (Alleine schon deshalb, damit ich in meinen Gesprächen mit Christoph Amberger bessere Karten habe, Sie kennen ihn ja auch mittlerweile.)
*** Was lässt sich vom britischen Beispiel lernen? Was mir gefällt: Die Bank of England hat den Boom am Immobilienmarkt, der zu einer Spekulationsblase zu werden drohte (vielleicht eine war bzw. noch ist), sanft abgewürgt. Diese zwischenzeitliche Belastung wird aber durch erhöhte Unternehmensinvestitionen und eine positive Entwicklung des Exports aufgefangen. Kurzfristig vielleicht ein wenig belastend, mittel- bis langfristig aber sehr gesund!
Ebenfalls gut finde ich: Die britische Finanzpolitik befolgt eine "golden rule", derzufolge Schulden nur für Investitionen aufgenommen werden dürfen. Wenn überhaupt – denn am besten ist überhaupt keine Neuverschuldung (in Großbritannien konnte das in den 1990ern immerhin gelegentlich erreicht werden). Diese "golden rule" sollte man allerdings nicht unbedingt in einer Krise beginnen ... sondern in guten Zeiten. Dann aber konsequent.
*** Zum Schluss noch ein Leserbrief aus Athen, von Trader's Daily-Leserin Beate L.:
"Ich lebe momentan in Athen/Griechenland, und es ist nicht so leicht, sich anzupassen, denn es gibt hier vieles, wo ich (an Ordnung gewöhnt) die Hände über dem Kopf zusammen schlage. Aber da wir hier leben, tun wir es, denn es ist nicht unser Land, wir sind hier nur zu 'Gast'. Man sollte den Ausländern in unseren Landen dies vielleicht nochmal klarmachen, dass sie nur 'Gäste' sind. Und was da in Frankreich passiert, wenn es nach mir ginge, würde ich die Randalierer in ihr eigenes Land zurückschicken. Sollen sie doch dort randalieren. Aber da tun sie es nicht, da sie dann wahrscheinlich die Todesstrafe erhalten. Wir Europäer sind zu soft, und das wird ausgenutzt."
Viele Grüße,
Michael Vaupel