Bricht der Trend nicht von alleine ... macht die Regierung ihm schon Beine
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 10. April 2007 07:30 Uhr
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Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Es ist ja zweifellos keine Absicht, was die Aktienmärkte betrifft, aber irgendwie habe ich den Eindruck, die US-Regierung lässt sich immer wieder etwas Neues einfallen, um die Investoren erschaudern zu lassen.
Jeder von uns kennt diese nervtötenden Typen, die Stichler, Mauler, Besserwisser, die ihre Macken so weit treiben bis es irgendwann einfach mal knallt. Einfach, weil manche Menschen nicht wissen, wann sie ihre Grenzen überschreiten – und solche Leute lernen das auch nie. Wenn ich mir den Verlauf der Irak-Kampagne so ansehe ... oder das Haushaltsdefizit der USA ... beschleicht mich der Eindruck, dass diese eklatante Schwäche, sich nicht in andere hineinversetzen zu können oder zu wollen und dadurch von einem Ärger in den nächsten zu taumeln, nicht nur Einzelpersonen betreffen muss. Auch, was die Fähigkeit anbelangt, lernresistent gegenüber sich wandelnden Rahmenbedingungen zu sein.
Ein erneuter Schritt in Richtung Ärger
Ich hatte Ihnen ja in der letzten Woche bereits von Schritt 1 der US-Regierung berichtet, sich mit China anzulegen. Da ging es um Strafzölle gegen die chinesischen Papierhersteller. Sie erinnern sich sicherlich an meine Ansicht, dass die USA übersehen, dass sie diesmal dabei am Ende den kürzeren ziehen könnten. Diese Ansicht teilte auch die Mehrheit der Marktteilnehmer, erkennbar daran, dass die Kurse auf die Bekanntgabe dieser Sanktionen (die die US-Regierung aber bitte nicht als solche verstanden wissen will, aber es sind halt welche) sofort in die Knie gingen.
Aus China kam herzlich wenig Reaktion. Ein kluger Mensch beobachtet dies und denkt erst mal nach. Ein Holzkopf deutet das als Zeichen der Schwäche und legt noch einen drauf ... so geschehen gestern. Hätte man sich fast denken können.
Kurz nach 19 Uhr unserer Zeit wurde bekannt gegeben, dass die USA vor der WTO (World Trade Organisation) Klage gegen China erhoben hat. Man klagt China an, nicht genug gegen Produktpiraterie getan zu haben. Die Aktienkurse traten daraufhin den kontrollierten Rückzug an. Die meisten Investoren ahnen, was die US-Regierung offenbar nicht verstehen will:
Vom Aspekt der einseitigen Betrachtung der Gerechtigkeit, die sich die USA als Weltmacht und vermeintliche, moralische Nummer 1 der Welt seit Jahrzehnten zu Eigen gemacht hat, ist es ein Fehler, bislang ausgebliebene harsche Reaktionen seitens der Chinesen als Eingeständnis der Schwäche anzusehen. Es sind die Hunde, die nicht bellen, deren Biss am gefährlichsten ist. Ich denke, wir haben da etwas, was uns die kommenden Monate begleiten wird ... und was wir mit Spannung beobachten dürfen.
Sehr gute Arbeitsmarktdaten ... und Verbraucherkredite mit Licht und Schatten
Doch nicht alleine diese neuen Entwicklungen können der Grund dafür sein, dass die am Freitag trotz Feiertag veröffentlichten US-Arbeitsmarktdaten für März nur eine geringe Kursreaktion nach oben ausgelöst haben. Denn diese Zahlen waren einfach durchweg positiv:
Die Zahl neu geschaffener Arbeitsstellen in den USA betrug im März überraschend hohe 180.000. Die Erwartungen lagen zwischen 135.000 und 150.000. Der Wert für Februar wurde von 97.000 auf nun 113.000 nach oben korrigiert.
Die Arbeitslosenrate fiel auf nur noch 4,4%. Der Anstieg der durchschnittlichen Stundenlöhne lag bei +0,3% und damit im Rahmen der Prognosen. Damit liegt diese die Inflation betreffende Komponente im Rahmen des erträglichen.
Sicher, richtig ist, dass der Arbeitsmarkt als letzter großer Bereich auf Veränderungen der Wirtschaftslage reagiert. Ebenso wenig, wie Unternehmen bei einer Verbesserung der Lage sofort neue Mitarbeiter einstellen, wird bestehendes Personal sofort auf die Straße gesetzt, wenn sich die Lage zu verschlechtern beginnt. Es kann durchaus ein halbes Jahr dauern, bis das aktuell langsam verschwindende Wachstum wirklich spürbare Konsequenzen für den Arbeitsmarkt hat. Aber dennoch:
Negativ waren die Daten deswegen schließlich nicht. Sicher, wer will, kann in der niedrigen Arbeitslosenrate einen eklatanten Mangel an qualifizierten Arbeitskräften erahnen und daraus ableiten, dass der Druck auf die Unternehmen durch steigende Löhne anhalten wird. Aber es ist eigentlich bislang nicht typisch für Wall Street, bei solchen Daten krampfhaft nach einer negativen Interpretation zu suchen. Ändert sich da etwa etwas, heimlich, still und leise?
Am späten Freitag kamen dann noch die US-Verbraucherkredite für Februar. Zwischen 5,0 und 5,5 Milliarden Netto-Anstieg der Kredite wurden erwartet. Es wurden nur 3,0 Milliarden (Vormonat +6,6 Milliarden). Recht so, sollte man eigentlich sagen. Die US-Verbraucher passen sich der schwierigeren Lage an und nehmen weniger Kredite auf.
Aber für die Börsen ist diese Nachricht eigentlich nicht besonders erfreulich. Hier schert man sich schließlich nicht um eine Welle an Privatinsolvenzen in ferner Zukunft, sondern um das Konsumwachstum von heute. Dieses hat gefälligst, wenn schon die anderen Bereiche einknicken, das Wachstum in den USA am Leben zu erhalten. Aber mit dieser „dünnen“ Nettokreditaufnahme?
Unruhe vor den Quartalsbilanzen
Aber ist das der Grund, warum die US-Börsen gestern nicht ordentlich stiegen? Bei den US-Arbeitsmarktdaten? Schon die Futures, die wegen der Veröffentlichung der Daten am Feiertag für 45 Minuten öffneten um den Akteuren eine Reaktion auf die Zahlen zu ermöglichen, waren nur verhalten gestiegen. Beim S&P 500-Future waren es gerade mal fünf Punkte oder weniger als +0,4%. Das war wenig ...
... und wurde am Montag dann letztlich noch weniger. Brisant, denn: Anders als unser Dax, der seine Rallye im riskanten Alleingang vollzieht, haben Dow Jones und der marktbreite S&P 500 ihre vormaligen Jahreshochs von Ende Februar noch nicht erreicht. Ausgerechnet in dieser sensiblen Phase wäre eine Eintrübung der bullishen Grundstimmung gefährlich.
Noch sind es nur ein paar Tage ohne Aufwärtsdynamik. Wenn Sie sich jedoch die Charts ansehen erkennen Sie, dass auch der markante Kursrutsch Ende Februar eine vergleichbare Vorgeschichte hatte. Vorsicht ist geboten – vor allem natürlich dann am deutschen Markt, der sich alleine auf neue Höhen begeben hat.
Doch die Entscheidung darüber, ob es auch den US-Börsen in den kommenden Wochen gelingt, neue Jahreshochs zu erreichen oder wir im Gegenzug wieder abwärts laufen, ja möglicherweise sogar eine Trendwende erleben, wird meiner Ansicht nach erst in der kommenden Woche fallen. Dann nämlich werden wir die ersten wichtigen Quartalsbilanzen großer US-Unternehmen für das 1. Quartal 2007 auf den Tisch bekommen ... einschließlich der Prognosen für das nun laufende, 2. Quartal.
Noch macht man sich in dieser Hinsicht keinerlei Sorgen. Das Thema Unternehmensgewinne spielt in den Medien eine Statistenrolle. Und nachdem die Ergebnisse des 4. Quartals 2006 trotz spürbarer Eintrübung der Wirtschaftslage unspektakulär ausgefallen waren (und in den Medien als hervorragend proklamiert wurden, trotz deutlicher Schwächesignale), ist man auch jetzt noch überaus guter Dinge. Sollte sich das ändern und vor allem die Kommentierungen der Unternehmen zur aktuellen Geschäftslage andeuten, dass wir, wie ich vermute, einem nachhaltigen Abstieg gegenüberstehen, würde die Wahrscheinlichkeit, dass wir die Jahreshochs an den US-Börsen bereits gesehen haben, deutlich steigen.
Und wenn sich die US-Regierung wirklich ernstlich mit China anlegt, erst recht.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
The Daily Observer
PS: Morgen werfen wir mal wieder einen Blick auf Gold und Silber, die sich zuletzt wieder erfreulich schlagen konnten ... und in diesem Zusammenhang habe ich noch eine Buchempfehlung für Sie.

