Bovespa-Index: Verschnaufpause angesagt
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 15. Juni 2009, 08:00 Uhr
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Liebe DaxDaily Leser,
in dieser Woche findet in Russland zum ersten Mal ein Treffen der Schwellenländer Brasilien, Russland und China zur weltwirtschaftlichen Entwicklung statt. Hauptthema wird die ungleiche Verteilung zwischen den Handelsblöcken in der Welt sein sowie die Bedeutung des US-Dollars für die Ökonomien der Schwellenländer. Der scharfe Einbruch der Weltwirtschaft hat vor allem den aufstrebenden Wirtschaftsmächten einmal mehr verdeutlicht, wie hoch ihre Abhängigkeit von den Schwankungen der bisherigen Weltleitwährung ist. Sie bildet allerdings bei weitem nicht mehr die waren Machtverhältnisse der beteiligten Handelsmächte im Welthandel wieder. Vor allem die Bindung der Rohstoffnotiz an die US-Währung soll aufgebrochen werden, ein der Vormachtstellung der US-Rohstoffbörse Nymex befördert werden. All diese unterschwelligen Ansprüche und Absichtserklärungen bauen vor allem auf die rasche Erholung fast aller Schwellenländerbörsen, die die eine Mehrzahl der Marktbeobachter so nicht auf der Rechnung hatte. Das neue Selbstbewusstsein der betreffenden Staaten hat unter der Krise nur kurz gelitten. Insbesondere Brasilien gehört nach wie vor zu den favorisierten Anlageländern der internationalen Investmentfonds. Die Konsequenz mit der die Regierung des Landes die Wachstums- und Entschuldungspolitik weiter voran treibt, beeindruckt auch die etablierten Entwicklungsländer.
Teile der Liquiditätswelle landen an
Ein wesentlicher Auslöser für die Rückkehr der Käufer an der Börse in Sao Paulo ist das hohe Maß an Liquidität, die durch die internationalen Notenbanken und die Konjunkturpakete in den Markt gepumpt wird. Auf der Suche nach möglichst renditeträchtigen Anlagen wird vor allem Brasilien wiederentdeckt. Nach China weist das Land die stabilste Wirtschaftsstruktur im Rahmen dieser Krise auf. Die brasilianische Notenbank verzeichnete im Mai soviel Kapitalzuflüsse an die heimische Börse wie nie zuvor. Nicht nur die Wachstumsperspektiven aufgrund des Rohstoffreichtums, sondern auch der große noch wachstumsträchtige Binnenmarkt und das intakte Finanzsystem ziehen die Investoren an. Die Verbindungen zum größten Rohstoffabnehmer China sind nach wie vor exzellent und werden weiter ausgebaut, der gegenseitige Handel erreicht bereits wieder ähnlich hohe Bilanzzahlen wie vor dem Beginn der Krise. Ernsthafte Konkurrenz auf dem eigenen Kontinent lässt sich für die Brasilianer beim besten Willen nicht entdecken. Allerdings ist die Kurserholung am Aktienmarkt so schnell voran geschritten, dass eine Verschnaufpause sich immer stärker aufdrängt. Sie würde zudem die Voraussetzungen schaffen, um einen weiteren Wertzuwachs mittelfristig fundamental weiter abzusichern. Die brasilianische Börse übernimmt zurzeit die Rolle einer Option auf die chinesische Wirtschaft. Je stärker de Auf-oder Abschwung in China sich generiert, desto höher der Hebel, durch den die Kurse in Sao Paulo steigen oder fallen. Eine ähnliche Beziehung besteht bereits zwischen den Börsen in Hongkong und New York.
Entwicklung in den Industrieländern bleibt wichtig
Eine völlige Unabhängigkeit von den wirtschaftlichen Entwicklungen in den Industriestaaten wird es aber für die Schwellenländer nicht geben. Auch Brasilien musste in den vergangenen drei Quartalen einen Rückgang seines Bruttoinlandsprodukts hinnehmen. Zwar fiel das Minus mit 0,8 Prozent im ersten Quartal im Verhältnis zu den deutlichen Einbrüchen in den Industriestaaten sehr verhalten aus, doch ganz ohne eine stabile Nachfrage der etablierten Ökonomien kann auch Brasilien sein Wachstumsversprechen nicht halten. Deshalb tut die Regierung alles, um die Rahmenbedingungen für Investoren attraktiv zu halten. Der Leitzins wurde mit einer Rate von 9,25 Prozent zum ersten Mal seit langer Zeit einstellig und der Abbau bürokratischer Hürden für Auslandsinvestoren schreitet, wenn auch langsam, voran. Gelänge es unmittelbarer Zukunft auch noch, die Verhandlungen über ein neues Welthandelsabkommen (WTO) erfolgreich abzuschließen, würde das gerade den Schwellenländern einen starken wirtschaftlichen Impuls verleihen. Das Interesse ausländischer Investoren wird hoch bleiben, auf stärkere Kursschwankungen beim Bovespa-Index müssen die Marktteilnehmer wegen des hohen Anteils ausländischer Anleger weiter vorbereitet bleiben.
Maximales Erholungspotential fast ausgeschöpft
Wie gewonnen so zerronnen- diese Maxime galt insbesondere für den Bovespa-Index in Brasilien. Die Börse in Sao Paulo litt besonders stark unter der Talfahrt an den Rohstoffmärkten und markierte Ende Oktober 2008 ihren Tiefpunkt bei 29.435 Punkten. Die Korrektur stellte sich zwar als hart, aber auch sehr kurzzeitig heraus. Schneller und kräftiger als in den Industriestaaten ging es für die Schwellenländer-Börsen im Anhang an die Erholung der Rohstoffmärkte wieder aufwärts. Der Bovespa-Index konnte seit Oktober 2008 fast zwei Drittel seiner zuvor erlittenen Verluste wieder ausgleichen. Technisch gesehen erfüllt der Index damit alle Voraussetzungen für eine mittelfristige Rückkehr in einen moderaten Aufwärtstrend. Mit einem aktuellen Indexstand von 53.558 Punkten ist das brasilianische Marktbarometer nur noch 3.500 Punkte von der vollständigen Ausschöpfung des Fibonacci-Retracements von 61,8 Prozent der zuvor erlittenen Verluste seit April 2008 entfernt. Bei knapp 57.000 Punkten, die in den nächsten Wochen rasch erreicht werden sollten, hätten sich die Bullen eine Verschnaufpause redlich verdient. Konsolidierungsziele sind bis zum Herbst die Unterstützungen bei 51.700 und 46.400 Punkten sein. Können die Bullen diese Kursniveaus erfolgreich verteidigen, stünde ab dem vierten Quartal dieses Jahres einer weiteren Kurserholung bis knapp 65.000 Punkten nichts mehr im Wege. Schaffen die Bären hingegen doch einen Durchbruch nach unten, müsste ein Test der 40.000er Marke einkalkuliert werden.
