Börsenpsychologie
Tom Firley in Investoren Wissen
vom 13. Mai 2011, 16:00 Uhr
ENL5454
Da Herr Nowacki einen wichtigen Termin wahrnehmen muss, lesen Sie heute bitte einen interessanten Gastbeitrag von Tom Firley aus dem Investor´s daily
Mein 3 Monate alter Sohn Felix macht genau das, was für ihn richtig ist. Er isst (bzw. trinkt) immer so viel, wie er gerade möchte. Er meckert, wenn ihm langweilig ist oder wenn er müde ist und nicht einschlafen kann.
Wenn Felix wach ist, schaut er sich interessiert jeden Vorgang an, wie z.B. das Rauschen der Bäume vom Kinderwagen aus, oder auch den spannenden Vorgang des Einschenkens von Mineralwasser. Sobald ihn der Vorgang nicht mehr interessiert, suchen seine Augen ein neues Beobachtungsziel, zuweilen auch ein Erfassungsziel für seine noch jungen Händchen (z.B. die langen Haare seiner „großen" Schwester Paula; autsch, das kann weh tun...).
Wenn sich Felix über ein Gesicht (oder auch ein Wichtelmännchen) freut, lächelt er. Vor kurzem dachte ich über dieses Lächeln nach. Irgendetwas ist an einem Babylächeln anders als beim Lächeln eines Erwachsenen. Schnell kam ich darauf: Ein Babylächeln ist offen und ehrlich und dieses von Herzen ehrliche Lächeln erfüllt das ganze Gesicht (also nicht nur den Mund, sondern auch Augen, Backen, Augenbrauen, Stirn etc.).
Im Grunde genommen handelt er vollkommen rational und zu 100% aufrichtig. Er signalisiert, wenn ihm etwas schadet (z.B. Hunger) oder wenn ihm langweilig ist. Er signalisiert aber auch Ihre Freude oder auch sein Missfallen über bestimmte Dinge. Er nimmt nur das auf, was für ihn in diesem Moment wirklich relevant erscheint.
Was können wir als Börsianer daraus lernen?
Sehr viel, denke ich. Leider ist uns Vieles aber nicht mehr durch Anerziehung, Automatismus, Gewohnheit und Reizüberflutung möglich. Und leider wird es Felix später in seinem Leben vermutlich ähnlich gehen.
Was passiert z.B. in der Regel, wenn Sie ein Mensch auf der Straße anlächelt, der Ihnen aber eigentlich unsympathisch ist? In den meisten Fällen lächeln sie automatisch zurück.
Was machen Sie, wenn Ihnen jemand unerwartet etwas zum Geburtstag schenkt? Sie erfragen den Geburtstag der jeweiligen Person und nehmen sich zumindest vor, auch ihr etwas zu schenken. Auch wenn Sie vorher nie auf diese Idee gekommen wären.
Wenn eine vor kurzem gekaufte Aktie um 10% gestiegen ist, die Börse aber - wie aktuell - seit über 4 Jahren ansteigt, verfallen Sie in der Regel nicht in Euphorie, sondern freuen sich erst, wenn sie weit höher angestiegen ist.
Ich will nicht sagen, dass dieses Verhalten falsch ist. Aber durch diese Gewohnheit wird auch den Verlusten weiterer Spielraum gelassen. Nach dem Motto: Nun gut, die Aktie liegt jetzt erst 15% im Minus, die kommt schon wieder.
Was würde Felix hier tun, wenn er die Sachlage verstehen würde? Ein freudiges Quietschen bei der Gewinner-Aktie, ein Heulanfall bei der Verlierer-Aktie. Keinesfalls wäre es ihm gleichgültig. Im übertragenen Sinne würde er sich umso mehr freuen (und das auch zeigen), wenn die Sieger-Aktie weiter steigt und er würde Magenschmerzen, möglicherweise wildeste Blähungen bekommen, wenn der Verlierer weiter fällt und er diesen noch in seinem Aktiendepot hält.
Felix würde also reagieren, in Aktion treten - wenn auch auf einfache Weise. Somit ist sein Handeln stets auf 100% Erfolg ausgerichtet. Während ein Anleger mit einer Verlust-Aktie „hofft", dass der Wert wieder steigen wird, kann Felix nicht hoffen. Er kennt den Begriff „Hoffen" noch nicht. Daher handelt er (schreit z.B.) und erwartet eine Reaktion.
Das ist erfolgsorientiertes Handeln
Genau dieses logische Handeln wird uns erschwert, zu einem großen Teil durch Reiz- bzw. Informationsüberflutung. Wenn Sie im Internet lesen: „Schon wieder 473% mit dieser Aktie", dann müssen Sie auch den Satz darunter lesen, dann wollen Sie wissen, welche Aktie das war. Und wenn Sie es dann schließlich wissen, ärgern Sie sich vielleicht, warum nicht auch Sie dabei waren.
Daneben spielt uns auch der menschliche Wissensdrang oft einen Streich. Oft (viel zu oft) erwische ich mich bei der Recherche zu einem bestimmten Anlage-Thema, dass ich mich im Internet verliere und ganz woanders lande. Es ist einfach zu verlockend, wenn ich in einem Artikel über Asien auf einen Querverweis stoße, der mir „neue" charttechnische Methoden verspricht. Schon bin ich von meinem eigentlichen Thema abgelenkt (obwohl ich weiß, dass es keine großartig neuen Methoden geben kann).
Felix, wie gesagt drei Monate alt, macht das besser. Wenn ihn etwas interessiert, beobachtet er es und lässt sich nicht davon ablenken. Natürlich kann ich ihn durch Klatschen, Husten oder ähnliches beeinflussen. Aber dadurch erschrickt er nur und kurz darauf wandert sein Auge zu dem vorher - immer noch interessanten - erfassten Gegenstand. Auch hier handeln Babys 100% zielgerichtet.
Drei Dinge können wir als Anleger daraus lernen.
- Konzentrieren Sie sich nur auf das, was Sie wirklich interessiert und handeln sie zielorientiert. Bei der Anlage in Aktien kann oberstes Ziel nur das Erzielen von Gewinnen sein. Natürlich kann das Befassen mit der Geldanlage generell auch noch Spaß machen, aber das - der Spaß - sollte Nebensache sein.
- Freuen Sie sich über Gewinne mit Ihren Aktien. Immer. Auch wenn die Börsen seit Monaten oder Jahren steigen. Denn irgendwann werden sie es nicht mehr oder nicht mehr in diesem Maße tun.
- Ziehen Sie den bestmöglichen Nutzen aus Ihren möglichen Aktien-Verlusten. Stehen Sie Ihren Verlusten nicht gleichgültig gegenüber. Versuchen Sie heraus zu finden, warum Sie mit diesem Wert einen Verlust gemacht haben oder warum er im Verlust liegen könnte. Falls nötig, handeln Sie und verabschieden sich von diesem Wert.
Insbesondere der letzte Punkt, also die Fehleranalyse, ist meines Erachtens überaus wichtig für den dauerhaften Erfolg an der Börse. Denn auch hier gilt: Aus Schaden wird man klug...
Viel Erfolg an der Börse, ein schönes Wochenende
Ihr
Tom Firley
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Peter Pütz (13.05. 2011 17:57 Uhr):
Ein sehr treffender Vergleich und hervorragend dargestellt. Kompliment an den Autor Tom Firley.
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