Börse und Psychologie
Tom Firley in Investors Daily
vom 20. Juli 2010, 18:00 Uhr
ENL5462
Sie werden es kaum glauben, gerade lese ich ein Buch, bei dem es nicht um Börse oder Finanzen geht (aber natürlich werde ich eine kleine Lehre aus diesem Buch auf die Börse übertragen... lesen Sie einfach weiter).
Das Buch hat den Titel „Fische haben Feinde, Fischstäbchen nicht" und erscheint im Redline Verlag, .der Autor heißt Helmut Kraft. Hier eine interessante Stelle aus diesem Buch:
Auszug aus „Fische haben Feinde...":
Eine weltberühmte Eigenschaft der Deutschen
Wenn wir [die Deutschen] schon nicht den Humor erfunden haben, dann das Jammern, Wehklagen und die „Problemhypnose" auf elegant hohem Niveau. Große Leidensfähigkeit wird bei uns gern als Leistung deklariert: Je schwerer etwas ist, desto besser. Je härter das Los, desto größer die Belohnung fürs Ertragen... Gönnen wir uns einen kleinen Exkurs, denn spätestens hier weiß ich nun wirklich, wovon ich spreche: und zwar von meinem Aufwachsen in einer sehr frommen Familie.
Exkurs: Leiden als Leistung
Ich lebe in einer schwäbischen Kleinstadt. Auf dem unvermeidbaren Leidensgang zu meiner Zahnärztin komme ich bei einem Getränkehandel vorbei, der wahrscheinlich einem Winzer gehört. An der Hauswand steht: „Ersch mach die Sach, na trenk und lach", was auf Hochdeutsch so viel bedeutet wie: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen im Sinne von „Ohne Fleiß kein Preis" oder: Erst mach Deine Arbeit (wobei es nichts zu lachen gibt, denn die muss hart und schwer sein), dann trinke (ein Viertele, aber nicht mehr) und lache (aber vielleicht doch lieber im Keller, damit die Nachbarn nicht denken, man habe nichts mehr zum „Schaffe"). ..
Auszug Ende
Sind wir Deutschen so? Leider muss ich als Deutscher (auch wenn mein Name - Firley - eher amerikanisch / englisch anmutet) dem Gedankengang der Herrn Kraft ein gutes Stück beipflichten... Führen wir den Gedanken etwas weiter:
Grundsätzlich arbeiten wir Deutschen gerne viel, sind fleißig und sind stolz, auf das, was wir geschaffen haben. Aber denken Sie einmal über folgenden Sachverhalt nach und seien Sie ehrlich zu sich selbst:
Der leichtsinnige Trader
Angenommen Sie lesen von einem sehr leichtsinnigen Trader, der sein ganzes Geld - sagen wir eine Millionen Euro - auf eine waghalsige Spekulation gesetzt hat. Doppelt oder nichts. Dabei gibt es jetzt (logischerweise) zwei Szenarien:
1.) Der Trade war erfolgreich und er machte aus einer Millionen in wenigen Tagen zwei Millionen.
Was denken Sie? „Boah, hat der ein Glück gehabt." oder „So viel Glück hätte ich auch gerne."
Grundsätzlich schwingt aber - sicherlich bei vielen von uns - der neidvolle Gedanke mit: „Hat der das wirklich verdient? Warum gelingt mir das nicht?".
2.) Der Trade ging schief und der waghalsige Trader hat alles verloren.
Was denken sie jetzt? „Geschieht ihm Recht!" oder „Selbst schuld."
Und irgendwie schwingt da ein wenig Schadenfreude mit. Schließlich kann und darf es ja nicht so einfach sein, den Einsatz an der Börse zu verdoppeln (übrigens gibt es für das Wort Schadenfreude keine echte amerikanische Übersetzung...).
Sie als Börsianer
Diese latente Einstellung birgt aber auch Gefahren, wenn Sie Ihre eigenen Ergebnisse mit zu vielen (oder den falschen) Emotionen bewerten. Ein Beispiel:
Angenommen Sie legen jeweils 1000 Euro in vier verschiedenen Aktien an.
Drei der Aktien steigen um 20% und Sie ziehen Ihren Stopp nach. Und zwar so, dass auf jeden Fall 10% Gewinn übrig bleiben würden.
Die vierte Aktie bewegt sich im selben Zeitraum kaum von der Stelle.
Dann erfolgt ein allgemeiner Börsen-Abschwung und alles fällt... auch Ihre Aktien. Bei den ersten drei Aktien wird der Gewinn sichernde Stopp (mit 10% Plus) ausgelöst und bei der vierten Aktie müssen Sie einen Verlust von 10% hinnehmen.
Was denken Sie?
Auf den ersten Blick klingt dieses theoretische Beispiel ja gar nicht so schlimm. 4.000 Euro Einsatz und ein Gewinn von 200 Euro. 5 Prozent... immerhin.
In der Realität allerdings neigen wir dazu, das Negative zu überfrachten und destruktive Gedanken schleichen sich in unser Börsianer-Hirn, wie zum Beispiel:
„Warum habe ich die Gewinner-Aktien nicht schon früher verkauft, als sie noch 20% im Plus lagen?"
„Warum habe ich nur diese Aktie gekauft, die mir 10% Verlust beschert hat?"
Versuchen Sie genau diese emotionalen Gedanken auszuschalten, denn eines ist klar: Zu Gewinnen gehören auch Verluste. Und natürlich kann man sich über Verluste ärgern. Aber solange, Sie die Höhe des Verlustes selbst im Griff haben (durch Stopp-Platzierung) befinden Sie sich auf dem richtigen Pfad.
Denn Sie sollten ihr Depot (und Ihre Emotionen) steuern.
Nicht umgekehrt.
Viel Erfolg an der Börse
Ihr
Tom Firley
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von O Gengenbach (21.07. 2010 11:48 Uhr):
Hallo Herr Firley Das ist mehrere Betrachtungen wert: Frömmigkeit/Glaube und der Wert des Leidens. Wie lebenstauglich ist dieses Leiden? Begünstigt es Lebensqualität? Begünstigt es Erfolg? Manchmal denke ich: Wie weit ist dieser und jener gekommen, der nicht studiert hat! Bildung gehört eben auch ins Kapitel 'Leiden zum höheren Zweck', nicht wahr. Aber Bildung macht noch nicht erfolgreich. Freundliche Grüsse O. Gengenbach
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