Blutbad - dank Yen als Carry-Trade-Währung
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Devisen & Devisenhandel
vom 28. Oktober 2008, 12:00 Uhr
ENL5454
*** Schwere Zeiten. Sogar Short-Zertifikate sind mir derzeit zu heiß. Überlegen Sie mal - da hätten Sie bei Volkswagen auf fallende Kurse gesetzt, nachdem sich dieser Titel so ziemlich als einziger DAX-Titel so schön geschlagen hat.
Und kaum hätten Sie ein Short-Zertifikat auf VW gekauft, da kommt so ein Tag wie gestern - und VW schießt "mal eben" um gut 100% nach oben. Wir sprechen hier von einem DAX-Titel!
Nun gut, das ist nun wohl "durch". Zum Gesamtmarkt: Aktien diesmal. Da möchte ich diesmal einen Aspekt beleuchten, der meiner Ansicht nach derzeit zu wenig beachtet wird. Konkret:
*** Stichwort „Carry Trades".
Die sind meiner Ansicht nach für einen sehr großen Teil der jüngsten Verluste an den weltweiten Aktienbörsen verantwortlich!
Zunächst die Erklärung, was „Carry Trades" eigentlich sind (aufmerksame Trader´s Daily-Leser/innen wissen dies natürlich - doch es kann nicht schaden, dies für die „Frischlinge" zu erläutern.) Also:
Große, institutionelle Investoren haben jahrelang dieses Spiel gespielt: Sie haben sich in Yen verschuldet, und dieses Geld dann woanders angelegt. Das hatte den schönen Vorteil, dass in Yen Kredite schon für weniger als 1,0% zu bekommen waren. Ja, teilweise sogar für weniger als 0,5%.
Das Spiel lief so: Schulden aufnehmen in Yen, vielleicht 1% Zinsen zahlen. Das Geld dann z.B. in Dollar tauschen, US-Staatsanleihen kaufen, vielleicht 4% Zinsen erhalten. Die drei Prozentpunkte Differenz behalten. Das ging auch mit Euro-Anleihen, und zeitweise auch mit Aktien.
„Carry Trade" bedeutet nun genau das: Sich in einer Währung mit niedrigen Zinsen verschulden, dann in eine Währung tauschen, welche höhere Zinsen bietet.
Hinzu kam: Da der Yen auf diese Weise zur klassischen „Carry Trade"-Währung geworden war, verlor er fortlaufend an Wert. Der Grund: Die institutionellen Anleger, welche sich in Yen verschuldet hatten, tauschten ihre erhaltenen Yen ja umgehend nach Kreditgewährung in Dollar oder Euro ein. Das Angebot an Yen vergrößerte sich, der Yen fiel entsprechend gegenüber Dollar und Euro.
Dieses Spiel ermöglichte den Institutionellen also recht leicht schöne Gewinne.
Doch der Erfolg der „Carry Trades" hängt von einem zentralen Faktor ab: Der Yen darf nicht stark aufwerten!
Wenn der Yen stark steigt, dann machen die Institutionellen einen Verlust. Grund: Sie müssen ihre in Yen gemachten Schulden schließlich zurückzahlen.
Und wenn Sie sich für 1% verschuldet haben und in Dollar 4% Zinsen erhalten....dann wären das eigentlich 3% Gewinn....(bezogen auf das geliehene Geld - auf das Eigenkapital kann dies einer Rendite von 30% entsprechen, bei 10% Eigenkapital-Anteil!)...
...wenn aber gleichzeitig der Yen um 5% gestiegen ist, dann frisst dies den Zinsgewinn auf, und mehr als das.
Und Sie können sicher sein: Die Institutionellen haben den Wechselkurs des Yen genau im Blick. Wenn der Yen zu stark steigt (und zwar so stark, dass sich die Carry Trades nicht mehr lohnen) - dann wird vorsichtshalber der Kredit in Yen möglichst schnell getilgt.
Hier kann es zu sich selbst verstärkenden Effekten kommen: Wenn beim Yen-Anstieg eine bestimmte Marke überschritten worden ist, beeilen sich weitere institutionelle Anleger, ihre Yen-Kredite zu tilgen. Dies bedeutet nichts anderes, als dass die Nachfrage nach Yen steigt (es werden Dollar und/oder Euro gegen Yen getauscht), was den Yen tendenziell weiter steigen lässt.
Dies wiederum veranlasst weitere Institutionelle dazu, ihre Yen-Kredite zu tilgen, usw. usf.
Im Endeffekt kann dies zu einem ziemlich schnell ziemlich stark steigenden Yen führen. Und genau das haben wir gerade gesehen: Der Yen stieg auf den höchsten Stand seit ca. 1995!
*** Und nun der zweite, wichtige Aspekt:
Zum „Schuldentilgen in Yen" müssen die Institionellen erst einmal die Positionen verkaufen, welche sie mit diesem Geld gekauft hatten.
Und was hatten sie gekauft? Zu Beginn ging es um Staatsanleihen, wegen der Zinsdifferenz. Im weiteren Verlauf wurden mit dem Geld der „Carry Trades" aber auch Aktien in den USA und Europa gekauft.
Die Auflösung der Carry Trades hat nun in den letzten Wochen dazu geführt, dass die mit diesen Mitteln gekauften Aktien verkauft wurden - was das Blutbad an den Börsen verursachte.
Letztlich eine Folge dessen, was einer meiner Lieblings-Ökonomen so formulierte: „Wenn etwas nicht für immer weitergehen kann - wird es nicht für immer weitergehen."
Und die Carry Trades konnten nicht für immer so weitergehen. Eine risikolose Methode für über dem üblichen Marktzins liegende Gewinne kann es auf Dauer nicht geben. Wohlan! Und so kam es dann auch!
Betrüblich nur, dass diesmal auch die Aktienmärkte darunter leiden mussten - als ob die nicht schon genug zu „verdauen" hätten. Ein Unglück kommt selten allein, hieß es hier diesmal.
Viele Grüße,
Michael Vaupel