Bis zur Nasenspitze
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 31. Oktober 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, verehrte Leserinnen und Leser!
Je länger man über die Börsen in ihrem momentanen Habitus nachdenkt, desto mehr fällt einem Ungewöhnliches auf. Was aber wiederum nachdenklich darüber macht, ob diese Auffälligkeiten relevant sind, wenn man mit seinem Nachdenken zu einer Minderheit gehört, der ich nicht einmal Fraktionsstatus zutrauen würde. Die Mehrheit der Akteure denkt nur präzise bis zu ihrer Nasenspitze, dafür hat der gestrige Handelstag wieder einmal einen Beleg geliefert. Andererseits ist es vielleicht gerade das, was in Kürze für Überraschungen sorgt. Fangen wir mal mit dem an, was gestern so auf den Tisch kam:
Überraschend wie erwartet?
Da man in Europa ein wenig genauer hinzusehen pflegt, kommen die meisten Quartalsberichte europäischer Unternehmen erst jetzt, nachdem die wichtigsten US-Unternehmen ihre Zahlen bereits präsentiert haben. Im Dax meldeten gestern unter anderem Continental, BASF, Metro, Linde.
Drei dieser vier Aktien gehörten gestern zu den Verlierern. Wegen schlechten Ergebnissen? Nein, keineswegs. Da wich man kaum von den Erwartungen ab. Doch offenbar hatte keiner erwartet, dass die Erwartungen eintreffen. Was angeblich, so die Händler, fehlte, waren positive Überraschungen, Prognoseanhebungen ... sprich Jubel und Konfetti.
Den Marktteilnehmern steckt offenbar immer noch im Kopf, dass das Wachstum ewig währen und im Tempo zulegen wird, dass die Gewinne immer schneller steigen werden als erwartet. Es mag regelmäßige Beobachter des Geschehens verblüffen, aber offenbar haben die eindeutig auf Wachstumsprobleme hinweisenden Konjunkturdaten in den USA ebenso wie in Europa der letzten Monate bis heute keinen Zugang in die Köpfe der Anleger erhalten.
Das ist eben das Problem beim „recht haben und recht bekommen“. Man mag die Lage zutreffend als negativ erkennen. Aber was hilft das, wenn die ganz überwiegende Mehrheit der Akteure das nicht erkennt bzw. erkennen will und weiter macht, als wäre nichts geschehen?
Stellt sich also die Frage: War die gestrige Reaktion bei diesen Aktien der erste Hauch eines Erkennens? Oder ist das so schnell vergessen wie bei VW, die trotz per saldo bloß wie erwartet ausgefallenen Quartalszahlen in der Vorwoche gestern zeitweise stramm über 190 Euro lief ... und damit in sieben Tagen mal schnell bis zu 15% zugelegt hat ... einfach so?
US-Daten: Miserabel wie üblich
Ich meine, bislang sind es nur kurze Lichtschimmer, welche die Kreise der Sorglosen stören. Das deute ich zumindest aus der Reaktion auf die gestrigen US-Konjunkturdaten:
Der Case-Shiller-Index, der die Entwicklung der Immobilienpreise in den wichtigsten US-Großstädten misst, meldete für August mit –4,4% auf Jahresbasis den höchsten Preisrückgang seit 1993. Damit fallen die Häuserpreise nun schon 13 Monate in Folge, wobei das Minus im August von –0,7% gegenüber Juli einen Rekordrückgang darstellt. Reaktion der Börsen: Gering bis nicht vorhanden.
Das US-Verbrauchervertrauen fiel im Oktober deutlich stärker als erwartet. Mit 95,6 hat diese Indikation ein Zweijahrestief erreicht (Quelle des Charts: www.markt-daten.de). Nach einem Stand von 99,8 im September wurde eigentlich mit einem gehaltenen Niveau um 100 gerechnet. Besonders frappierend ist die Erwartungskomponente. Während die Einschätzung der aktuellen Lage mit 118,8 nach 121,2 moderat fiel, war der Rückschlag bei der Erwartung für die kommenden Monate mit 80,1 nach 85,0 ziemlich deutlich.
Reaktion der Aktienmärkte: Kurz nach unten, dann gleich wieder rauf. Argument für die Käufe nach kurzem Rücksetzer: Das erhöht die Chancen auf mehr Zinssenkungen. Ja, wie gesagt: Es reicht nach wie vor nur bis zur Nasenspitze!
Stupides Einbahnstraßen-Trading dominiert
Dieses kurzsichtige bzw. Gar-Nicht-Denken ist meines Erachtens auch der Grund, weswegen die Börsen momentan eines ihrer Grundelemente scheinbar verloren haben: Das Auf und Ab, d.h. nach runter kommt auch mal rauf und umgekehrt. Dabei darf man nicht auf die Aktienindizes sehen, die letztlich ja ein aus vielen Einzelteilen zusammen gesetztes Gebilde sind.
Nein, sehen Sie sich mal den Kursverlauf von Gold, Rohöl oder Euro/Dollar an. Wenn man die geringfügigen, kleinen Schwankungen ausblendet, indem man sich einen Chart auf Basis der Wochenkurse ansieht stellt man fest: Offenbar sind diese Werte eine Einbahnstraße. Ob nun dafür brauchbare Gründe vorliegen oder nicht, es geht einfach nur in die eingeschlagene Richtung. Und das, wie man sieht, ohne Gegenwehr.
Und letztlich gilt das auch für viele Bereiche am Aktienmarkt. Lesen Sie dazu bitte weiter im 2. Abschnitt!
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