Bilanzsaison: Was sagt Alcoa?
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 22. Juni 2009, 08:00 Uhr
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nach der Aufregung um den großen Terminverfall konzentrieren sich die meisten Investoren langsam auf die zu erwartenden Bilanzen der Unternehmen für das zweite Quartal 2009. Die Kurskorrektur, die sich seit etwas mehr als einer Woche an den Aktienmärkten entfaltet, hält sich aber noch in engen Grenzen. Im Vorgriff auf schlechte Quartalsprognosen hatten die US-Aktienmärkte im Juni 2008 zum Beispiel kräftig Federn gelassen. Stattliche 10 Prozent verlor der Dow-Jones-Index im gesamten Frühsommermonat des auch ansonsten denkwürdigen vergangenen Börsenjahres. Die Erwartungen liegen diesmal allerdings schon so deutlich am Boden, dass eine Korrektur, wie sie im Verlauf des Börsenjahres 2008 dann folgte, nicht zu erwarten steht. Im Wesentlichen wird es zunächst darauf ankommen, welche Wasserstandsmeldungen die Banken von sich geben werden. Der Markt ist immer noch sehr geteilter Meinung, ob die Banken das Schlimmste schon hinter sich haben oder eine erneute Abschreibungswelle auf sie zurollt. Die Stresstests der US-Notenbank haben aber zumindest die größten Zweifel über die Bestandsfähigkeit des Finanzsystems in den USA beseitigt. Selbst wenn es also noch einmal zu einem Rückschlag kommen sollte, so dürften die Turbulenzen doch überschaubar bleiben. Etwas anders verhält sich die Sachlage in der Industrie sowie den gesamten zyklischen Branchen. Sie befinden sich ziemlich in der Mitte des Tunnels, Prognosen und Entwicklungsaussichten sind noch immer mit starken Unsicherheiten behaftet. Wie bereits im vergangenen Quartal wird es sehr verschiedene und unterschiedliche Abschlüsse in ein und derselben Branche geben. Unter dem Strich wird aber ein Ende der Abwärtsbewegung zu erkennen sein.
Anzahl der Gewinnwarnungen entscheidet
Als ein deutliches Indiz für den Verlauf der Bilanzsaison registrieren Investoren besonders die vorherige Anzahl der Gewinnwarnungen durch die Unternehmen. Viele börsennotierte Firmen bemühen sich kritische Nachrichten so lange wie möglich zu vermeiden, denn die unterschiedlichen gesetzlichen Fallen, die es bei der Veröffentlichung zu beachten gilt, erhöhen sich im Umfeld eines dreifachen Terminverfalls und zum Halbjahreswechsel nochmals deutlich. Die nächsten zwei Wochen gehören deshalb unter dem Aspekt der bevorstehenden Bilanzsaison zu den Wichtigsten. Im Vergleich zum Vorjahr kann es aber als sicher gelten, dass die meisten US-Unternehmen die schwierigsten Klippen umschifft haben. Vor allem ihre flexible Reaktionsmöglichkeit im Bezug auf Arbeits- und Produktionskosten verhalf ihnen zu einem raschen Vollzug im Anpassungsprozess. Es sollte daher überraschen, wenn im Juli noch genauso viele Vorstände eine Prognose für den weiteren Geschäftsverlauf verweigern wie im April. Für viele Unternehmen hängt von dieser öffentlichen Standortbestimmung auch ihre Glaubwürdigkeit an den Märkten ab. Auch wenn viele Manager behaupten, sie hätten das Jahr 2009 nach Renditegesichtspunkten schon abgeschrieben, so dient diese Aussage alleine der Verbesserung der eigenen Verhandlungsposition zum Jahresende. Kann bei der niedrigen Erwartungshaltung zum Jahresende nämlich doch noch ein erträgliches Ergebnis vermeldet werden, sitzen die (größtenteils neuen) Verantwortlichen wieder ein Stück fester im Sattel.
Abwrackprämie tut auch der Stahlindustrie gut
Im Falle des „Bilanz-Frontrunners" Alcoa könnte sich genau eine solche Situation ergeben. Der neue Vorstandsvorsitzende und Ex-Siemens-Chef Klaus Kleinfeld hat sowohl die Produktionskapazitäten als auch die Lohnkosten mit drastischen Sparprogrammen heruntergefahren. Die großen Schwierigkeiten, in denen sich die US-Autoindustrie befindet, werden zwar nicht über Nacht gelöst sein, aber das vorrausichtliche rasche Ende des Insolvenzverfahrens bei Chrysler wäre zumindest auch für die Zulieferindustrie ein Lichtblick. Zudem hat die US-Regierung zur Ankurbelung der Nachfrage in der Autoindustrie nach deutschem Vorbild eine Abwrackprämie eingeführt. Auch damit dürfte der Tiefpunkt der Stahlproduktion erreicht sein und der für Alcoa so wichtige Aluminiumabsatz wieder anziehen. Das die Bilanzzahlen für das zweite Quartal kaum für strahlende Gesichter sorgen werden, versteht sich von selbst. Eine moderate Erholung ist im aktuellen Aktienkurs bereits enthalten. Konkrete Prognosen durch den Alcoa-Vorstand werden zeigen, ob der Optimismus der Investoren gerechtfertigt war und noch weiterer Raum für Kurssteigerungen bleibt.
Bodenbildung wohl bald abgeschlossen
Der Stahl- und Aluminiumhersteller Alcoa gehört nicht gerade zu den Kursraketen der vergangenen 12 Monate. Kostete die Aktie zu Beginn der vergangenen Bilanzsaison noch knapp 40 US-Dollar, ist sie mittlerweile für gut 11 US-Dollar zu haben. Zwischenzeitlich drohte im Rahmen der Finanzkrise sogar der totale Absturz, denn mit einer Notierung knapp oberhalb von 5 US-Dollar schien die Insolvenz nicht mehr weit. Die Erholung der Aktienmärkte führte also auch bei Alcoa zu einer deutlichen Entspannung der Lage. Das Verlassen des einstelligen Kursbereichs könnte nun bald zu einem Auslöser für eine stärkere Erholung führen, denn die kurzfristigen Durchschnittslinien 38-und 50-Tage nähern sich mit größerer Geschwindigkeit der noch fallenden 200-Tage-Linie an. Ein Kreuzen der kürzer laufenden Linien mit der langfristigen Durchschnittslinie von unten nach oben wird als Kaufsignal interpretiert. Das jüngste Verkaufssignal im MACD wird von einem steigenden RSI konterkariert, so dass kaum anzunehmen ist, dass ein stärkerer Kursverfall zu erwarten ist. Ein Test des Aufwärtstrendkanals bei 10 US-Dollar könnte sich zwar jetzt unmittelbar noch einmal einstellen, auf Sicht der nächsten Wochen sollte es aber zu einem Anlauf auf den nächsten Widerstandsbereich um 12,50 US-Dollar kommen. Mittelfristig muss die Erholungsbewegung wenigstens die 38,2prozentige Korrektur der großen Abwärtswelle von 45 auf 5 US-Dollar vollziehen, Kurse von 20 US-Dollar im letzten Quartal dieses Jahres stehen dann auf dem Programm.
