Betrug und Heuchelei
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 21. Februar 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Die Stärke einer Berichtigung ist direkt proportional zu dem Betrug, der ihr voranging. Ich wiederhole dieses Diktum ohne offensichtlichen Grund. Ich mag einfach seinen Klang.
Sie dürfen mich jederzeit zitieren, liebe(r) Leser(in).
Als eine angewandte Formel nützt es uns wenig. Wir wissen immer noch nicht, wann, oder wie, die Berichtigung kommen wird. Und, um uns einer Redewendung von Lord Keynes zu bedienen, der Betrug kann viel länger andauern, als man ausreichend zahlungsfähig bleiben kann, um gegen ihn zu halten. Und doch ist es noch gefährlicher, mitzuziehen.
Die Quelle eines unmittelbaren Betrugs ist die 'US Federal Reserve', Amerikas eigene und geschätzte Zentralbank. Dadurch, dass sie die Leitzinsen noch unter die gegenwärtige Höhe der Inflationsrate gesetzt hat, hat sie fast alle in die Irre geführt.
Letzte Woche erschien der große Betrüger – Alan Greenspan – in eigener Person vor dem US-Senat und heuchelte.
"Die Wirtschaft scheint mit dem Beginn des Jahres 2005 in einem vernünftigen Tempo zu expandieren, die Inflation und die Inflationserwartungen sind gut verankert", erzählte er den nickenden Köpfen des 'Senate Banking Committee'. "Die Anzeichen unterstützen deutlich die These, dass sich die wirtschaftlichen Grundlagen stabilisiert haben."
Zu dem Rätsel, warum die Renditen der langfristigen Anleihen nicht gestiegen sind, wusste der führende Wirtschaftsexperte der freien Welt nichts zu sagen. "Im Moment bleibt das allgemein unerwartete Verhalten des weltweiten Anleihenmarktes ein Rätsel."
Auf diese Nachricht hin fiel der Dollar, der Euro stieg auf über 1,30 Dollar.
Ich werde den Meister heute Morgen nicht kritisieren. Sie sind dessen bestimmt schon so überdrüssig wie ich, liebe(r) Leser(in). Aber wir vom Investor's Daily sind Connaisseure der Absurdität, und wir können nicht anders, als einen guten Jahrgang anzuerkennen. Und Mr. Alan Greenspan muss ein 1986-Petrus der Ökonomen sein – der absurdeste von allen. Denn Mr. Greenspan hätte nur die Schlagzeilen der Nachrichten des gleichen Tages lesen müssen, um zu sehen, dass die Inflation alles andere als "verankert" ist.
Vielmehr befinden sich sowohl die Inflation als auch die Inflationserwartungen – besonders auffällig im Immobilienmarkt – mit vollen Segeln in orkanartigen Winden.
"Der Immobilienmarkt beginnt im Januar mit einem Rekordwert", besagte eine Schlagzeile.
"Hausverkäufe im 8-stelligen Bereich, steil ansteigend", fügte CNN hinzu.
"Kein Ende des Immobilien-Booms", schloss TheStreet.com.
Der Preis für Immobilien ist, in vielen Gegenden des Landes, nicht nur angestiegen, er ist so aufgebläht wie ein Fahrer-Airbag. In Alan Greenspans Heimatstadt steigen die Preise für Immobilien sechsmal so schnell an, wie das Bruttoinlandsprodukt wächst. Es geht den Käufern nicht um ein Haus zum Wohnen, sie spekulieren – wetten darauf, dass ihr Nachbar, der Vorsitzende der Zentralbank, auch weiterhin genug Geld druckt, um sie reich zu machen.
Letzte Woche gab es auf den großen Märkten wenig Bewegung. Der Dow, Gold, Anleihen und der Dollar, sie alle beendeten die Woche nicht weit entfernt von da, wo sie ihn begonnen hatten. So halten wir inne, atmen durch und wundern uns.
Nachdem Alan Greenspan die Leitzinsen angehoben hat, ist der Abstand zwischen kurzfristigen und langfristigen Zinsen kleiner geworden. Die Finanzindustrie – welche die Hauptquelle der Profite und der ökonomischen Expansion in Amerika ist – ist unter Druck. Sie macht normalerweise Geld, indem sie kurzfristig günstig Geld leiht und dieses langfristig, teurer verleiht. Aber wenn die kurzfristigen Zinsen steigen und die langfristigen fallen, dann lässt sich damit kein Geld mehr verdienen. Das ist normalerweise dann der Fall, wenn eine Rezession beginnt. Mr. Greenspan weiß das ebenso gut wie wir. Aber er muss den Betrug auch nicht für immer am Laufen halten, nur bis nächsten Januar, wenn er aus der Zentralbank aussteigt.
Und was immer danach passiert, wird die Schuld von jemand anderem sein.
Welche Art von Berichtigung wird es sein? Ich habe bereits vermutet, dass sie lang, langsam und lasch sein wird, wie eine faule Schlange. Aber was weiß ich schon?
Und doch, der Betrug ist so groß, dass ich mich frage, ob er jemals vollständig berichtigt werden kann. Ich spreche hier nicht in erster Linie von Mr. Greenspans Falschaussage vor dem Kongress, sondern von dem größeren Betrug, in welchem Mr. Greenspan eine Hauptrolle spielt, wenn auch nicht die einzige.
Das Versprechen des amerikanischen Kapitalismus ist, dass er die Leute reicher, freier und unabhängiger macht. Aber seit der Einführung der Zentralbank hat die Währung, in welcher die Amerikaner Buch führen, die Zahlen so verschleiert, dass wir kaum mehr wissen, ob wir gewinnen oder verlieren. Der Dollar, den wir als Kinder kannten – in den Fünfzigern – ist heute nur noch ein Zehntel wert. Der durchschnittliche Haushalt hat heute weit mehr davon als damals. Aber er hat auch wesentlich mehr Schulden auf der anderen Seite des Hauptbuchs. Das Haus mag zum Beispiel mehr Dollar wert sein, aber es liegen auch mehr Dollar Schulden darauf. Die Hypothekenschulden haben sich seit 1996 verdoppelt. Die Reallöhne haben, auf der anderen Seite, jedoch kaum nachgezogen. Die Leute neigen dazu, hohe Kredite für ihre Autos aufzunehmen. Und heute wurden wir – online – gefragt, ob wir nicht eine Hypothek auf unser Haus aufnehmen wollten, um die Studiengebühren zu bezahlen. Wie viele Leute tun so etwas? Statistisch gesehen ziemlich viele. Während es viele Leute gibt, die eine Menge Geld, Ersparnisse und Reichtum angesammelt haben, gibt es auf der anderen Seite wesentlich mehr Leute, die überhaupt nichts haben. Sie wurden nach und nach, und unhörbar, ruiniert. Sie haben mehr technische Geräte und bessere Autos, aber sie besitzen nur ein paar Zimmer ihrer Häuser ... und ihre Bankkonten sind leer. Jede Woche ist ein Wettlauf gegen die Kreditkartenrechnungen, Hypotheken- und Autoraten, Steuern, Schulgebühren und Krankenkassenausgaben.
Sokrates sagt, die meisten Menschen sind Dummköpfe(s. Leserbrief weiter unten). Somit ist alles, was von der Mehrheit gutgeheißen wird, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit dumm. Ist es da verwunderlich, dass die Mehrheit der Amerikaner auf mehr Krankenabsicherung, mehr Sozialhilfe, mehr dies und mehr das besteht? Die armen Hunde leben von der Hand in den Mund. Sie haben sich selbst mit den Ketten der Schulden angekettet. Jetzt sind sie abhängig von dem, was die Regierung verteilt und von niedrigen Leitzinsen der Zentralbank.
Und damit verdunkelt sich die Absurdität. Die Zentralbank stellt den Kredit bereit – und führt sie weiter in die Schulden und Abhängigkeit. Und die US-Regierung sorgt für Brot und Spiele, die noch mehr Geld kosten. Zusätzlich zu ihren privaten Schulden hängen die Amerikaner nun auch noch für ihren Anteil an der gewaltigen Staatsverschuldung Amerikas – auf die eine oder andere Art – am Haken.
Wie das alles berichtigt werden soll, weiß ich nicht.