Bescheidenheit als Tugend
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 07. November 2002 18:00 Uhr
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Der große Bullenmarkt von 1975 bis 1999 war der größte Bullenmarkt, den es je an der US-Börse gegeben hat. Nicht nur, dass die Kurse in diesem Zeitraum um 2.000 % (!) gestiegen sind, es wurde auch eine ganz neue Gruppe von Genies geschaffen. "Nur, weil man in einem Bullenmarkt Geld verdient, ist man noch lange kein Genie." So ungefähr lautet ein Sprichwort an der Wall Street. Aber am Ende des letzten Jahrtausends war das ganze Land verwirrt ... es schien Einsteins in jeder Bar zu geben, und bei jedem Fußballspiel konnte man Tausende potenzielle Nobelpreisträger treffen.
Die Leute waren extreme selbstbewusst geworden und glaubten, dass man durch die richtigen Entscheidungen dauerhaften Reichtum gewinnen könnte. Man musste nur die richtigen Aktien haben, und die Fed musste nur den richtigen Zinssatz festlegen.
Ein Bärenmarkt mag Fehler haben – aber er hat auch viele Vorteile. Ich versuche, in jeder Sache das Positive zu sehen. Warum wurde die Weltwirtschaftskrise so groß? Nun, man konnte in jedem Restaurant in Manhattan einen Tisch bekommen, ohne Reservierung. Alles wurde billiger. Besonders Aktien; man konnte die Aktie, die 1929 bei 10 Dollar notierten, wenig später für 95 Cents kaufen. In dieser Zeit musste man nicht viel Geld am Aktienmarkt verdienen, um für ein Genie gehalten zu werden – dafür musste man es nur vermeiden, Geld zu verlieren.
Und noch was ... als die Zuversicht verflog, kehrte wieder Bescheidenheit ein. Die Leute bemerkten, dass sie vielleicht doch keine Genies waren. Dostojevski meinte, dass Bescheidenheit die wichtigste Stärke sei. Ich weiß es nicht – aber das ist sicher eine der attraktivsten Stärken.
"Viele verrückte Ansichten nährten die Spekulationsblase der späten 1990er", so Andrew Smithers. "Eine war die Ansicht, dass Rezessionen der Vergangenheit angehörten. Die Welt sei nun zu gut unter Kontrolle, es gäbe keine wirtschaftspolitischen Fehler mehr, so die Fehleinschätzung." "Die Rezession vom letzten Jahr und die Gefahr einer weiteren haben diese Ansicht widerlegt. Wir riskieren aber jetzt, von idiotischem Optimismus zu exzessivem Pessimismus zu wechseln. Einige sind schon der Ansicht, dass Wirtschafts- und Geldpolitik überhaupt nicht funktionieren können"
"Das ist dumm. Volkswirtschaften kann man steuern. Es gibt genug Gründe, die dafür sprechen, dass die Weltwirtschaft auf die richtige Politik stark reagieren würde."
Was ist die richtige Politik?
"Die Zinssätze und die Steuern sollten sowohl in Amerika als auch in Europa gesenkt werden", so Smithers. Und dann gibt er jedem Ratschläge: "In Japan, wo die Zinsen nicht weiter gesenkt werden können, sollte die Geldmenge drastisch erhöht werden."
Auf dem Höhepunkt eines Booms sind weder Konsumentenvertrauen noch zu wenig Kredit das Problem. Im Gegenteil – Genies mit zuviel Geld "bewerten die Risiken unter", so der ehemalige Fondsmanager David Richards im Barron's Magazin. Sie bewerten Aktien und Bonds so, als ob es niemals eine Rezession geben könnte ... und niemals einen Bärenmarkt. Jetzt wissen sie es besser. Die Risikoprämien steigen.
Aber sie müssen immer noch lernen, wie riskant ein Markt sein kann ... und wie machtlos die Fed sein kann, wenn es darum geht, sie zu retten. Investoren und Volkswirte glauben immer noch, dass die Fed jedes Ergebnis, das sie wünscht, herbeizaubern kann – nur durch die Wahl des richtigen Zinssatzes. Kredit war in der Boomphase zu billig; die Leute haben das Angebot genutzt.
Werden weiter sinkende Zinsen zu einem Zuwachs bei den Aktienkursen führen ... oder bei der Bescheidenheit? Wir werden es sehen ...